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Wo bleibt die Leichtigkeit?

Wenn ich meinen Blick in die Welt richte, erfasst mich jedes einzelne Mal ein Gefühl von Schwere. Wie sollte man sich auch sonst fühlen, wenn Kriege, Not, Unterdrückung, Ausgrenzung, Macht und Gewalt jeder Art das sind, was diese Welt auszuzeichnen scheint? Doch es braucht nicht einmal den Blick in die Nachrichten, um sich all der Ungerechtigkeit und derer, die sie zu verantworten haben, bewusst zu werden.

Ein Blick ins eigene Umfeld reicht aus. Ein Gespräch mit lieben Freund*innen, eine überhörte Unterhaltung im Supermarkt oder der Bericht einer Nachbarin zeigen täglich neu, mit vielen Sorgen und mit welcher Last Menschen durchs Leben gehen. Welche strukturellen Ungleichheiten sie täglich ausgleichen und gegen die sie kämpfen, wenn sie Kinder erziehen, Angehörige pflegen, in Vereinen tätig sind oder einfach nur als marginalisierter Mensch existieren. Welche persönlichen Schicksale sie darüber hinaus betreffen: Erkrankungen, schmerzhafte Verluste, Trennungen. Und letztlich erfolgt der Blick ins eigene Leben und den Herausforderungen, die mit Neurodivergenz, chronischer Erkrankung und dem Existieren als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft einhergehen. Als Frau, die sich der Ambivalenz zwischen der eigenen Marginalisierung und dem Bewusstsein für die eigenen Privilegien stellt. Als Frau, die sich um die Menschen in ihrem Leben (und darüber hinaus) sorgt, die von Erkrankung, Sexismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus und allen anderen
-ismen betroffen sind. Die Sorgearbeit leisten, die weder Kraft noch Kapazitäten übrig haben und trotzdem ihre Reserven immer wieder zusammenkratzen, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Die nicht hart werden, obwohl sie jedes Recht dazu hätten. Die ihrer Wut und ihrem Frust Raum geben, ohne andere zu verletzen. Die für bessere Gegebenheiten sorgen möchten und aktiv darauf hinwirken. Egal, wohin mein Blick also geht, ob das Bild sehr groß wird oder der Fokus sehr eng: Da ist Schwere.

Angesichts dieser Schwere stellt sich mir immer wieder die Frage: Wo bleibt die Leichtigkeit? Noch bevor ich sie fertig gedacht habe, merke ich, wie mir übel wird. Wie sich ein mulmiges Gefühl aus meiner krampfigen Magengegend emporwindet und in einem neuen Gedanken wiederfindet: Wie vermessen ist es eigentlich, angesichts all dessen überhaupt nach Leichtigkeit zu fragen? Steht es mir zu, diese Frage zu stellen, mir Leichtigkeit zu wünschen, auf die Suche nach ihr zu gehen?

Wie immer ist die Antwort darauf keinesfalls einfach. Aber ich möchte versuchen, auf wenigstens ein paar Anhalts- und Ansatzpunkten herumzudenken:

Leichtigkeit muss man sich leisten können.

Wenn sich in mir die Frage und der Wunsch nach Leichtigkeit regen, merke ich meist recht deutlich, wie mir die Stimmen einer bestimmten Strömung im Nacken sitzen: „Du bist deines eigenen Glückes Schmied*in“, „Du darfst das alles nicht so negativ sehen“, „Du musst dein Mindset verändern und dem Law of Attraction folgen. Wenn du Gutes anziehen willst, musst du in eine positive Grundhaltung kommen“, „Glücklichsein ist eine Entscheidung“, flüstern die Stimmen – und gleich darauf wird mir schon wieder übel. Ich kann diese Narrative kaum noch ertragen, weil sie so sehr die Realität vieler Menschen vernachlässigen. „Einfach“ glücklich zu sein, ist eben nicht nur eine „Entscheidung“, die man treffen kann. Es funktioniert nicht so, dass man sich seine Situation schönredet, den Schmerz und die Missstände, die Ausgrenzungen, die Sorgen, Ängste und existenzbedrohenden Szenarien so lange wegignoriert, bis man sich leichter, glücklicher fühlt. Das eigene „Glück“ beeinflussen zu können, ist auch eine Frage von Privilegien. Leichtigkeit muss man sich leisten können.

Klar kann man jetzt sagen „Aber Anne, Glück misst sich doch nicht allein an Materiellem.“ Und selbstverständlich gebe ich diesem Einwand recht. Die schönen Dinge sind nicht (und nicht ausschließlich) die, die man mit Geld bezahlen kann. Aber finanzielle Mittel, Hautfarbe, Bildung, männliches Geschlecht – all das sind Aspekte, mit denen man sich andere, bessere Zugänge, mit denen man sich Teilhabe sichern kann. Und wer weiß, dass z. B. keine Belästigung droht, dass er*sie bei Mediziner*innen ernstgenommen wird, er*sie auch private Leistungen finanziell stemmen kann (seien es medizinische, therapeutische, rechtliche Unterstützungen oder auch das Auslagern von Sorgearbeit), der schläft besser. Der weiß sich wenigstens insoweit versorgt, dass da überhaupt erst der Raum und die Kapazitäten für Dinge entstehen können, die Leichtigkeit und Freude vermitteln können. Der hat Zugang zu einer ganz basalen (aber alles andere als banalen) Ressource: Zeit. Zeit, die mit der Familie und mit Freund*innen verbracht werden kann. Bei schönen, freudvollen Unternehmungen. Zeit, sich mit einem Buch in die Hängematte zu legen oder ins Gym zu gehen.

Also nein, nicht jede*r ist seines*ihres eigenen Glückes Schmied*in. Dieses Narrativ verlagert nur einmal mehr strukturelle Verantwortungen in den individuellen Bereich. Und es leugnet, dass es auch der entsprechenden Ressourcen bedarf, damit man sein Glück schmieden kann – und dass das diese Ressourcen nun einmal ungleich verteilt sind.

Dürfen wir uns gute Gefühle wünschen?

Was ist nun mit dem Wunsch nach einer schönen Lebensgestaltung, dem Wunsch nach den guten Gefühlen? Ist er überhaupt ethisch vertretbar? Darf ich mich gut fühlen wollen, darf ich mir Leichtigkeit und Spaß wünschen, während die Welt in Flammen steht und ich nicht genug Finger habe, um all die Missstände und Ungerechtigkeiten an ihnen abzuzählen?

Meine ganz klare Antwort lautet: Ja. Doch dann folgt auch schon bald ein leises „Aber ...“.

Ich bin der Meinung, dass wir uns diese Dinge sehr wohl wünschen dürfen und dass wir sie auch im Rahmen unserer Möglichkeiten herbeiführen dürfen. Dass wir die Spielräume, die wir haben, nutzen sollten, um es uns in den individuellen Gegebenheiten schön zu machen. Ja, vielleicht müssen wir das sogar, wenn wir es in dieser abgef*ckten Welt aushalten wollen. Wir brauchen den Eskapismus ohne Zweifel, wir brauchen die Alltagsfreuden, das laute Lachen, das Spaßgetränk , den Clubbesuch, den Tag am See, die Umarmung der besten Freundin, den konsensuellen Sex, die zärtliche Berührung, die liebe- und verständnisvollen Worte. Wir brauchen all diese Dinge, wenn wir uns lebendig fühlen wollen. Wir brauchen sie, um unsere Akkus aufzufüllen und weiterzumachen. Wir brauchen sie, weil wir nicht nur strukturell eingebettet sind, sondern eben auch Individuen sind. Wir existieren als soziale Wesen, aber eben auch als einzelne Personen. Wir brauchen sie, um all den Erzählungen von der Selbstoptimierung einen großen ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen und ihnen dabei die Zunge rauszustrecken, weil der Finger noch nicht reicht. Aber wir brauchen sie vor allem auch deshalb, weil wir Menschen sind – und Menschen sind nun einmal zu vielfältigen Emotionen fähig.

Was mich wiederum zum „Aber ...“-Teil meiner Antwort bringt:

Ja, wir brauchen all das. Aber: Leichtigkeit ist eine Illusion. Wenigstens in der Form, in der sie uns all die toxisch positiven Life Coaches glauben machen wollen. Glück, Leichtigkeit, Freude, Spaß – all das existiert natürlich und es steht uns zu. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass wir uns immerzu und unentwegt glücklich und beschwingt fühlen können. Nicht nur, weil die Welt ist, wie sie ist. Sondern auch, weil wir Menschen sind. Und als diese sind wir vielschichtig und ambivalent. Unsere Gefühle, Empfindungen, Haltungen, Wahrnehmungen, Meinungen, Gedanken etc. – all sie wechseln sich ab. Niemand kann dauerhaft glücklich sein, so ist unsere Psyche nicht angelegt. Selbst dann, wenn diese Welt ein perfekter Ort wäre und wir uns nicht mit Diskriminierung, Chancenungerechtigkeit und persönlichen Schicksalen rumschlagen müssten, bräuchten wir immer noch die Dualität. Oder vereinfacht gesagt: Wir können keine Leichtigkeit empfinden, wenn wir nicht auch die Schwere kennen würden. Und damit meine ich nicht, dass wir gefälligst dankbar für all die Missstände sein sollten. Keineswegs. Ich will nur sagen: Wir sollten nicht dem falschen Glauben aufsitzen, dass wir uns nur mehr anstrengen sollten, damit wir dauerhaft glücklich werden können. Weder global betrachtet noch individuell ist das möglich. Es ist eine schlichte Lüge, die nur denen dient, die damit ihre Programme vermarkten können. Doch das bedeutet nicht, dass Leichtigkeit oder Glück generell nicht möglich sind. Wir müssen sie möglicherweise nur anders denken, vielleicht kleiner, persönlicher. Und wir haben jedes Recht darauf, sie uns zu wünschen und für sie einzustehen.

Was wir also brauchen, ist eine gewisse Form des Aushaltens. Ich meine nicht, dieses Aushalten entgegen der eigenen Bedürfnisse. Nicht das Aushalten, dass die eigenen Grenzen meilenweit übergeht. Sondern die Fähigkeit, die Spannungen und Ambivalenzen, zwischen dem, was ist, und dem, was wir auch brauchen, auszuhalten – und uns immer wieder bewusst für das zu entscheiden, was uns guttut. Wir brauchen das erleichternde Gefühl des Aufatmens, das unsere Schultern locker und unsere Brusträume weit werden lässt, damit der Magen sich hin und wieder auch entkrampfen und erholen kann. Manchmal ist das ein Moment, in dem wir uns bewusst dagegen entscheiden, noch mehr Nachrichten zu konsumieren, und uns stattdessen die Nägel lackieren. Oder uns ein Eis in der Sonne zu gönnen. Oder überhaupt nichts zu tun und einfach nur ins Grüne zu schauen. Das ist mir momentan die liebste Variante von allen.

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