
Die aufgeblähte WM 2026 in den USA bietet viel sportlichen Leerlauf und stellt den DFB politisch auf die Probe.
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So eine Profifußball-Saison kann zäh sein. Mindestens 30 Spieltage, unter der Woche Europapokale, dazu heimische Pokale und noch der ein oder andere Fantasiewettbewerb wie der Carabao Cup in England oder die Klub-Weltmeisterschaft.
In den entferntesten Gegenden in dieser Welt und vor allem in Europa – es gibt keine Sekunde, in der nicht irgendwo auf der Welt Fußball gespielt oder im Fernsehen übertragen wird. Er wird vermarktet und verhandelt. Oft als Flucht vor einer Welt in der Krise. Und als Geschäft.
Eine ganz besondere Ausprägung des Phänomens Fußballbusiness sind internationale Wettbewerbe der Nationalmannschaften. Mal interkontinental wie die Fußball-Weltmeisterschaft oder auf dem eigenen Kontinent. Die Qualifikationsphasen – die Frage also, wer darf mitspielen und wer nicht – für diese Art von Wettbewerb laufen abgesehen von Sommer- und Winterpause durchgehend weiter und findet irgendwann ihren Abschluss. Und einige Zeit später beginnt dann schon das richtige Spektakel, das nicht erst seit Neuesten Despoten und Autokraten als geopolitischen Hebel nutzen.
Was bringt die anstehende 48er-WM in den USA sportlich – und was fordert sie politisch vom DFB?
Dass in der Fußball-Geschichte das erste Mal 48 Nationalverbände ihre Männer-Teams entsenden dürfen, ist bekannterweise ein Novum – und aus mehreren Perspektiven gut oder schlecht. Gut ist es in erster Linie für den afrikanischen Kontinentalverband Confédération Africaine de Football (CAF), denn statt wie bisher fünf dürfen neun Teams über den Atlantik reisen. Asien, Europa, Nord- und Mittelamerika, Südamerika und Ozeanien melden im Durchschnitt zwei Teilnehmer mehr.
Einige Neulinge sind bei der WM dabei
Neben den üblichen Verdächtigen aus den großen Fußballnationen werden wir es im Sommer 2026 mit Neulingen wie Kap Verde, Jordanien, Usbekistan und Curaçao zu tun bekommen. Die Bilder aus diesen Ländern nach der Qualifikation lassen einen nicht kalt, Fußball ist Reiz, ein bis dato unerreichter Erfolg umso mehr. Daher ist es doch schön, wenn Usbeken oder Kapverdianer (den Begriff musste ich googeln) sich freuen.
Das allein bietet doch schonmal eine gute Grundlage für eine tiefere kulturelle und politische Auseinandersetzung mit Nationen, die international weniger im Rampenlicht stehen.
Doch zurück zum Thema: Eine Fußball-WM mit 48 Mannschaften ist aus sportlichen Gründen zumindest diskutabel, weil die WM im Sommer mit einer zweiten Qualifikation, der Gruppenphase, beginnt. Zwölf Vorrundengruppen, die Ersten und Zweiten kommen jeweils weiter, dazu die acht besten Dritten. Durch die größere Anzahl an Teams, die nicht unter den 20 Besten in der FIFA-Weltrangliste sind, werden aber bei der Gruppenauslosung Spiele entstehen, bei denen es womöglich sehr häufig einen klaren Favoriten geben wird. Anders gesagt: Zu viele Spiele werden langweilig sein.
Das hat gewiss auch Charme, jedes Spiel beginnt bei einem 0:0, klar – aber es ist mit Sicherheit nicht von der Hand zu weisen, dass diese Herleitung einigermaßen stimmig ist, auch wenn die Qualität einzelner Nationalteams überhaupt nicht bekannt ist. Vielleicht spielt Kap Verde aber auch Fußball aus der Zukunft, wer weiß. Zusammengefasst: Es werden viele Spiele, am Ende kommen zu mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin 16 der 25 besten Nationalteams ins Sechzehntelfinale und dann beginnt das Turnier erst richtig.
Zwar führt Gianni Infantino das Argument ins Feld, dass die Teilnahme unbekannterer Fußball-Nationen einen Mehrwert bietet, aber das dürfte neben finanziellen Interessen aufgrund höherer TV-Gelder und Vermarktungsmöglichkeiten sicher nicht sein Hauptantrieb gewesen sein. Infantino wirbt ständig um Trumps Gunst – politisch heikel, weil er seinen ohnehin schon kritisierten Weltverband damit immer mehr in die Nähe eines Autokraten rückt.
Wie wahrscheinlich ist ein Boykott der WM?
In der letzten Ausgabe des Newsletters hatte ich fälscherlicherweise geschrieben, dass 76 Partien der WM in den USA stattfinden würden, tatsächlich sind es aber 78. Sorry dafür. Drei Viertel der Partien finden also in einem Land statt, dass unter seinem Präsidenten die regelbasierte Weltordnung erodieren lässt und die seit Jahrzehnten intakten Beziehungen nach Europa langsam aber sicher zerstört. Trumps rechtsautoritäre Regierung, flankiert von den Tech-Milliardären aus dem Silicon Valley, unterdrückt die Opposition und politische Gegner, erklärt demokratischen Bürgermeistern von Großstädten sinngemäß den Krieg, beschneidet die Pressefreiheit.
Die WM 2026 reiht sich also ein in eine Abfolge, die in der Phase des Turbokapitalismus im Fußball beginnend um die Jahrtausendwende mit der WM 2018 in Russland ihren Anfang nahm und seitdem in Autokratien ihre Großturniere stattfinden lässt – und für die sich die FIFA nicht schämt. Das politische Kapital, das eine Ausrichtung des größten Sportereignisses der Welt mit sich bringt, ist für viele Nationen bekanntermaßen von großem Interesse, dafür ist schon die WM 1978 in Argentinien ein gutes Beispiel. Unter der Militärdiktatur starben 30.000 Menschen.
Kurzer Exkurs: Der globale “Westen” (ein geopolitischer Begriff, der meines Wissens keine allgemein gültige Definition hat) basiert im Wesentlichen auf weitestgehend ähnlichen Prinzipien in Sachen Demokratie, Wirtschaft und Rechtsstaatlichkeit. Durch geopolitische Zusammenschlüsse wie G20, G7 und OECD oder gemessen am Bruttonationaleinkommen: Länder wie Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Japan, Australien und Kanada (und noch weitere) sind in vielerlei Hinsicht führend und nicht ganz überraschend haben sich ihre Fußballverbände für die WM qualifiziert.
Doch alle sind in einem Zwiespalt: Ein Boykott eines solchen Turniers, sei es in Russland, Katar oder den USA, ist undenkbar, das würde mit erheblichen politischen Zerwürfnissen und Konsequenzen enden, die keine Regierung eingehen möchte. Die Bevölkerung dürfte auch nicht sonderlich begeistert sein, weil Meinungen über Austragungsländer auch auseinandergehen. Was alle eint: Fußball gilt als gemeinsames Gut, als Wettstreit zwischen Konkurrenten, mit viel Spannung und Drama. Doch mittlerweile sind Großturniere hoch politisiert.
Politisch herausfordernde Zeiten für den DFB
Eine WM in den USA unter Trump ist eine problematische Veranstaltung, das steht außer Frage. Wenn wir uns daran erinnern, wie schwierig sich der DFB 2022 mit einer klaren Positionierung zur WM in Katar tat, schwant jetzt schon Böses. Der deutsche Nationalverband sollte sich ein halbes Jahr vor dem Turnier bewusst sein, welche Signale er in Richtung USA senden will. Die Spieler zu ermutigen, beim Mannschaftsfoto die Hand vor den Mund zu halten oder Innenminister Alexander Dobrindt das One-Love-Armband tragen zu lassen – das sollte der DFB vermeiden. Bisher ist der Verband seiner politischen Verantwortung definitiv nicht gerecht geworden.
Erwartbare Konfliktfelder für den DFB könnte der Umgang mit sichtbaren Protesten von Fans sein, auch Unternehmen aus dem großen Sponsoren-Pool (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)des DFB hätten die Möglichkeit, Druck auf den Verband zu erhöhen. Die FIFA hat eigene Regeln im Umgang mit politischer Symbolik: Bei der WM 2022 verbot sie zum Beispiel die Trainingsshirts der dänischen Nationalmannschaft mit der Aufschrift “Human Rights for All”.
Gut möglich, dass der DFB bereits mit der Bundesregierung in Kontakt ist, um sich gemeinsam abzustimmen. Die schwarz-rote Koalition wird Trump nicht verprellen wollen, weil die USA als strategischer Partner trotz allem noch zu wichtig sind.
Kritiker werden entgegnen, dass Fußball-Profis und Konsumenten bzw. Fans die Möglichkeit hätten, Zeichen zu setzen. Fußball-Profis sind aber keine Diplomaten. Fußballfans und Individuen haben keine politische Macht, es ist zudem schwierig, Individuen die Verantwortung für globale Probleme anzulasten. Bestes Beispiel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dafür ist der ökologische Fußabdruck.
Offen ist auch die Frage, wann der DFB den Schritt wagt, zusammen mit anderen Fußballverbänden zur Diskussion zu stellen, ob das System FIFA unter Gianni Infantino überhaupt noch tragbar ist. Ein geeinter europäischer Kern mit den relevantesten Verbänden (England, Deutschland, Frankreich, Italien), daraus folgend einer progressiveren und standhafteren UEFA könnten etwas verändern, zumindest in der Theorie. In der Realität bedeutet das jedoch: Nichts wird sich ändern. Der Inszenierung einer kleinen Revolution durch die westeuropäischen Verbände bei der WM 2022 hatte die FIFA schon früh die Luft zum Atmen genommen.
Ein UEFA-internes Bündnis, Sponsorenkoalitionen, nationale Parlamente oder die internationale Sportgerichtsbarkeit – wer könnte die Systemverantwortung übernehmen?
Für den DFB wäre es ratsam, ein klares Positionspapier zu entwickeln und mit genügend Vorlaufzeit zu veröffentlichen. Klare Leitlinien für politische Äußerungen würden Spielern und Verantwortlichen den Druck nehmen.
In der vorherigen Ausgabe des Newsletters hatte ich um eure Teilnahme an der Umfrage gebeten. Danke für eure Teilnahme und das Feedback! Ihr wünscht euch insgesamt mehr sportpolitische Themen aus aller Welt, verbunden mit persönlichen Einblicken.
Es freut mich sehr, dass B-Note euch gefällt – das motiviert mich noch mehr und ich würde mich freuen, wenn ihr ihn weiterleitet. Das nehme ich mit für die nächsten Ausgaben. Vielen Dank! 🤝