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#28: Enttäuschungen erlauben, erleben, überleben

Ich probiere es zum ersten Mal, während ich mitten in einem Nichts namens Arkansas (USA) auf einer Terrasse sitze: “Du darfst dich selbst enttäuschen.” Diesen Satz habe ich noch nie zu mir gesagt. Und die Folgen dieser Tatsache spüre ich jetzt.

Ich befinde mich für den ganzen Monat März auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten und wollte diese eine Woche Ruhepause zwischen meinen Aufenthalten in Ostküsten-Großstädten und Chicago zum Schreiben nutzen. Ich hatte so viel in New York, DC und Philly gesehen, erlebt und durchfühlt, ich brummte nur so vor Inspiration.

Also dachte ich, sobald ich mit Stift und Papier an einem ruhigen Ort sitze, müssten die Worte aus mir raus schießen wie die Munition aus den Revolvern der Rednecks, die in meiner Vorstellung diesen heißen Südstaat in ihren Trucks und Trailern bevölkern.

Doch entgegen meiner Erwartung fällt es mir unheimlich schwer, nach meiner zweiwöchigen Pause wieder ins Schreiben zurückzufinden. Die Dynamik meines Outputs ähnelt deutlich weniger den erwarteten Pistolenkugeln. Und mehr den lahmen Golfbällen, die auf dem Platz neben besagter Terrasse in unregelmäßigen Abständen von unterdurchschnittlich begabten Rentnern mit überdurchschnittlich teurer Ausrüstung abgeschlagen werden. Und das enttäuscht mich. Also nicht nur die Performance der Golfer.

Keine Sorge, hier gibt’s nicht nur Rentner, sondern tatsächlich auch Trucks mit Konföderierten Flaggen als vorderem Nummernschild (nein, nicht auf dem Kennzeichen, als Kennzeichen) und Rednecks mit MAGA-Merch im Walmart. Das lässt mich auch alles mit vor Verwunderung großen Augen durch die Gegend laufen (fahren, let’s be real here) sowie ständig “That’s like in the MOVIES!” zu N. sagen. Aber zum Schreiben und Arbeiten motiviert es mich trotzdem nicht; weder die irren Eindrücke, noch die enorme Leere und Weite der Welt an diesem Fleckchen Erde. Und das enttäuscht mich.

A whisper of the native land

Ich starre Löcher in den Himmel, von dem es hier so viel mehr gibt als in Berlin und in dem so viel mehr Menschen einen Gott wohnen wissen wollen als Zuhause. Und gleichzeitig kann ich für eine Weile auf der Terrasse nur an den fremd klingenden Vogelstimmen erkennen, wie weit weg von Deutschland ich eigentlich gerade bin. 

Deutschland - das erinnert mich wieder ans Arbeiten.

Mein Februar war ein enorm anstrengender Monat voller Deadlines und Aufträge, die mir über den Kopf gewachsen sind. Wochenlang empfand ich jeden Tag einen immensen Druck, den Anforderungen meines Jobs gerecht zu werden. Und ich spürte die Angst, ihnen nicht gerecht werden zu können. Ich fürchtete, an ihnen zu scheitern und damit meine Auftraggeber*innen und mich selbst davon zu überzeugen, dass ich als Autorin nicht geeignet bin. Ich wusste nicht, wie ich den Workload und die herausfordernden Recherchen bewältigen sollte, ich wusste nur: ich wollte die Erwartungen an mich nicht enttäuschen. 

Aber… warum eigentlich nicht? Schließlich habe ich schon oft andere Menschen enttäuscht und manchmal war das gar nicht so schlimm.

Osterferien

Ganz im Sinne dieses Newsletters enttäusche ich uns jetzt alle mal milde und gönne mir über die Osterfeiertage eine Pause. Deswegen erscheint die nächste Ausgabe erst wieder in 3 Wochen anstatt am Ostersonntag.

Frohes Eiersuchen! 🐇🐣

Wenn man einmal großzügig außer Acht lässt, dass Enttäuschung auf professioneller Ebene im schlimmsten Fall Jobverlust und finanzielle Einbußen zur Folge haben kann, stößt man als Antwort auf die Frage “warum eigentlich nicht?” schnell auf das Stichwort “people pleasing”. Das soziale Phänomen beschreibt das Bestreben, es ständig allen anderen recht machen zu wollen - häufig aus Angst vor Ablehnung. In Gesprächen, Texten oder Social Media Posts wird der Begriff heute mindestens genauso häufig gedroppt wie die ADHS-Diagnose von Dr. Tiktok. People Pleasing als Volkskrankheit. 

Deswegen haben die meisten Menschen wahrscheinlich auch schon den gegenteiligen Take gehört: “you cannot pour from an empty cup”, frei übersetzt “wenn du nicht auf den Erhalt deiner eigenen Kraft achtest, kannst du sie auch nicht zur Unterstützung anderer einsetzen”.

Popkultur-Psycholog*innen und online Coaches wollen uns mit diesem Spruch daran erinnern, dass die unbedingte Vermeidung von Situationen, in denen wir andere potentiell enttäuschen, weil wir nein sagen - z. B. wenn wir ihnen einen Gefallen ausschlagen, ihnen keine Arbeit abnehmen oder anderweitig keine Verantwortung für sie übernehmen - letztlich zu endgültiger Erschöpfung führt. Ein Zustand, in dem wir dann weder anderen noch uns selbst helfen können und stattdessen sogar auf fremde Hilfe angewiesen sind. Aka burnout.

Hinzu kommt oft das Argument, dass man im eigenen Leben nur dann nachhaltig glücklich werden könne, wenn man im Grunde seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen von bspw. Karriere, Familie oder Identität folgt. Ein nachvollziehbarer Ansatz, der allerdings auch wieder unangenehm enden kann, wenn man ihn ins Extreme verkehrt und ausschließlich das macht, was einem selbst nützt - egal, ob es anderen schadet.

Die Lösung liegt wie immer irgendwo in der Mitte und in einer idealen Welt wäre nicht die Angst vor Enttäuschung, sondern die Freude an Verantwortungsübernahme für uns selbst und unsere Mitmenschen der treibende Faktor eines zufriedenen Zusammenlebens.

Doch Enttäuschungen passieren und im Gegensatz zu enttäuschten Erwartungen anderer können wir uns unserer eigenen Enttäuschung schwer entziehen. Denn die Gefühle, die entstehen, wenn wir nicht den Erwartungen anderer entsprechen - Scham, Verlustangst, Wut, Frust - sind an eine externe Perspektive gebunden. Also an eine Person oder Verantwortung, die im Außen liegt. Und vor der man entsprechend auch davon laufen kann. 

Aber während man sich eine Pause von der Enttäuschung anderer Leute gönnen kann, ist das ungemein schwieriger, wenn es um die eigene geht. Klar, auch hier lassen sich Verdrängungsstrategien beobachten, aber früher oder später zahlt man dafür einen Preis. Meistens auf Kosten der eigenen mentalen Gesundheit. Es scheint mir, als gelte auch für die Selbst-Enttäuschung die Faustregel “the only way out is through”.

Und dieser Weg beginnt mit dem Schritt, sich selbst die Erlaubnis zu erteilen, sich und andere zu enttäuschen. 

Das soll ja super viel Druck rausnehmen. Womöglich auch Platz für Kreativität schaffen oder Verständnis für eigene Fehler und die Möglichkeit, aus ihnen zu lernen. So klang zumindest die Rückmeldung von meinen Freund*innen, mit denen ich über meine Versagensängste im Februar sprach. “Klingt alles total berechtigt”, dachte ich mir. “Ganz generell coole Sache, das mit der ‘permission to disappoint’. Muss ich auf jeden Fall mal machen”, wurde mir bewusst. “Aber nicht dieses Mal.” 

Dieses Mal wollte ich nochmal unter Beweis stellen, dass ich eine gute Autorin, eine zuverlässige Projektpartnerin und es wert bin, dass man mir Aufträge und Geld dafür gibt. Ja, ich merk’s selbst.

Was mir auch dämmerte, war, dass ich mir das selbst viel mehr beweisen wollte als allen anderen. Und dass ich mich wirklich nicht ständig über meine eigenen Grenzen hinaus pushen sollte, wenn ich in meinem cup wenigstens noch ein bisschen länger genug juice für meine mittelfristige Zukunft als Freelancerin behalten wollte.

Was. Also. Tun?

Während meiner Recherche zum Stichwort “permission to disappoint yourself” sind mir unterschiedliche Ansätze begegnet. Einige blasen ins Horn des “wenn du mit Selbst-Enttäuschung kämpfst, dann hör halt einfach auf damit, indem du BESSER wirst”. Okay, cool. Kann man so machen. Endet dann halt aber wieder in derselben Erschöpfung, wie wenn ich versuche, das Scheitern unter allen Umständen zu vermeiden. Next

Ein deutlich verständnisvollerer Ansatz begegnete mir in der Idee, die eigenen Erwartungen ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen: Sind sie eigentlich vor dem Hintergrund, was ich an Zeit und Kraft und Fähigkeiten zur Verfügung habe, angemessen? Bin ich der Meinung, meine Zielsetzungen auch nach unten korrigieren zu dürfen oder nicht? Und woher kommen überhaupt diese hohen, unnachgiebigen Ansprüche an mich selbst?

Richtig vermutet, die Antworten zu diesen Fragen verlangen u.a. einen Deep Dive in die eigene Psyche. Das ist eine gute Idee, dauert aber meistens eine Weile und bedarf gelegentlich der Unterstützung von außen. Aber es gibt auch kurzfristig umsetzbare Strategien, den eigenen Erwartungen anders zu begegnen. Und zwar mit Neugierde.

Auf einer Website, die sich Zen Habits nennt, habe ich folgenden interessanten Absatz gefunden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Let’s practice tossing out our expectations of how we’re going to do today (and in life in general), and instead adopt an attitude of curiosity. We don’t know how we’re going to do at work, or in our relationships, or with our personal habits. We can’t know. So let’s find out: what will today be like? How will it go?

Be curious, in an attitude of not-knowingness.

It’s fun to find out things!

Yes, expectations will come up for us, and we will fail to live up to them, and we will feel frustration and disappointment again. This will happen, and this too will be a bit disappointing, because we want to be perfect at being curious and present. We’ll have to repeat the process when we notice this happening. That’s OK. That’s how it works - constantly renewing, never done.

Ich weiß, der Gedanke, ein nie endendes “work in progress” zu sein, kann sich anstrengend anfühlen. Aber in dieser Einstellung liegt auch eine entlastende Kapitulation davor, wie das Leben eben spielt - unperfekt. Oder um es mit meiner Jahresphilosophie 2026 “Kölsche Zen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” auszudrücken, Artikel 7 des Kölschen Grundgesetzes: Wat wells de maache? („Was willst du machen?“). Frei interpretiert als “Füg dich in dein Schicksal.”

Das ist in der Tat nicht immer einfach. Für mich persönlich liegt die größte Hürde hierbei darin, Verständnis für meine eigenen Schwächen aufzubringen. Self-compassion will sowohl gelernt als auch geübt sein, aber vor allem will sie zuerst erlaubt werden.

Auf der Website der Bloggerin Jacky Power habe ich einen wundervollen Text über die Erlaubnis, zu enttäuschen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und damit die Erlaubnis, Nachsicht mit sich selbst zu haben, gefunden. Power stützt sich dabei auf einen Grundlagentext der ACA (Adult Children of Alcoholics and Dysfunctional Families) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die “Bill of Rights of Being” (“Lebensrechte”). U. a. werden als Rechte aufgeführt:

1) Ich habe das Recht, nein zu sagen.

2) Ich habe das Recht zu sagen, “Ich weiß es nicht”.

3) Ich habe das Recht, falsch zu liegen.

4) Ich habe das Recht, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen.

Zusammengefasst: Ich habe die Erlaubnis zu enttäuschen - andere und mich selbst. Das fühlt sich nicht gut an, aber - wie man dann bald feststellt - die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Es kommt eine nächste Chance oder eine helfende Hand, aber in jedem Fall ein neuer Frieden ins Leben. Denn je schneller man sich durch die Gefühlssuppe der Enttäuschung und ihre Konsequenzen hindurchbewegt, umso schneller ist es vorbei. And we can move on.

The vastness of Arkansas
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Empfehlungen

Ich weiß, der Titel mag abschreckend und brutal klingen, aber diese Autobiografie ist tatsächlich eine sehr einfühlsam erzählte Geschichte. “I’m Glad My Mom Died” von Jennette McCurdy beinhaltete viele Enttäuschungen. Für ihre Mutter, für sie selbst als Tochter und beschreibt perfekt, wie manche Menschen die Angst zu Enttäuschen als Machtinstrument über ihre Liebsten nutzen. CN: dysfunktionale Familie und Essstörung.

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Im JOYclub-Magazin ist wieder ein Text von mir erschienen - ohne Paywall, ganz nackig: “Wie ich ins dominante Spielen einstieg - Baby Domme Diary” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Enjoy!

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