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NL-Sondersendung: Mutterlos, nicht schutzlos

“Am 30. Mai ist deine Mutter gestorben?”, fragte mich R. “Da gibt’s doch dieses Lied…”. Sie grinste und ich wunderte mich über ihre Reaktion.

Sonst drücken Menschen mir meistens ihr Mitgefühl aus, wenn sie hören, dass meine Mutter nicht mehr lebt. Und das schon seit 30 Jahren. Aber R. amüsierte sich in Gedanken an ein Lied über’s Saufen und ich weiß jetzt auch, wieso. Ich hab’s mir angehört.

Der Schlager, an den sie dachte, heißt “Am 30. Mai ist der Weltuntergang” im Original vom Golgowsky-Quartett vertont und zum ersten Mal 1954 veröffentlicht. Das ist lange her und ein möglicher Grund, wieso ich noch nie zuvor von dem Stück gehört hatte.

Aber als ich es anspiele, geben mir schon die ersten Töne den Eindruck eines klassischen Karnevalslieds aus den 50ern (meistens auf Hochdeutsch gesungen). Als die Kölsche Karnevalsjecke, die ich bin, fange ich direkt an mitzuwippen. Im Kontrast zum Titel gibt's eine beschwingt und lustig klingende Melodie und einen Text, der zum gemeinsamen Trinken animieren soll. Los geht’s mit:

“Wie schön ist doch das Leben,

auf dieser bunten Welt.

Wir können einen heben,

so oft es uns gefällt.

Das macht uns allen Spaß,

Herr Ober, noch ein Glas.”

Soweit, so normal für ein Karnevalslied. Aber wieso Weltuntergang? Eine kurze Recherche bringt Licht ins Dunkle: Das Lied ist tatsächlich im Kontext von Köln entstanden und soll (laut einer für mich nicht ganz klar verifizierbaren Quelle) Bezug auf die “Operation Millennium"1, auch genannt “Die Nacht der 1000 Bomber” von 1942 nehmen. 

In der Quelle2 heißt es:

“Der Anlass für das Lied ‘Am 30. Mai ist der Weltuntergang’ war die erste Flächenbombardierung der Stadt Köln im 2. Weltkrieg. Sie richtete sich nicht gegen militärische Ziele, sondern gegen die Zivilbevölkerung.

In der Nacht vom 30. Mai auf den 31. Mai 1942 wurde von der britischen Luftwaffe der "1.000-Bomber-Angriff" auf Köln geflogen - als Vergeltung für die Angriffe der Hitlerarmee auf London und Coventry. Das Lied mit der Melodie von Will Glahé und dem Text von Karl Golgowsky war in den 50iger Jahren ein ‘Gassenhauer’ und ist bis heute im musikalischen Gedächtnis der KölnerInnen präsent.”

Bisher zwar nicht in meinem Gedächtnis, aber dafür in R.s und in dem vieler Musiker*innen, die nach Golgowsky kamen - selbst Die Toten Hosen performten immer wieder ihre eigene Version des Titels. 

Doch egal in welcher Form, die klassische “Memento Mori”-Message des Textes blieb überall erhalten:

“Am 30. Mai ist der Weltuntergang,

wir leben nicht mehr lang,

wir leben nicht mehr lang,

am 30. Mai ist der Weltuntergang,

wir leben nicht , wir leben nicht mehr lang.” (Schunkeln intensiviert sich)

…und deshalb könne man mit seinem Leben auch eigentlich genauso gut machen, was man wolle. Ein leicht zynisches und trotzdem erstaunlich gutes Beispiel von gelebtem Kölsche Zen. Peak “Et kütt, wie et kütt” sozusagen.

Persönlicher Weltuntergang

Ich kann es gerade nur vermuten, aber ich glaube, R. musste lächeln, weil sie es für einen unfassbaren Zufall hielt, dass mein persönlicher Weltuntergang auf einen 30. Mai fiel.

R. ist selbst Mama und wollte sich bestimmt nicht über den Tod meiner Mutter lustig machen. Aber ohne es zu wissen, hat sie mit ihrem Lachen etwas Neues in mir ausgelöst.

Denn irgendwie fühlte sich das besser an als Mitleid. Mitgefühl und Empathie in Reaktion sind schon ganz okay, don’t get me wrong, aber waren besonders als Kind in keiner Weise einfach zu ertragen. Sie konfrontierten mich mit der Tatsache, dass offenbar alle mein Schicksal für unvorstellbar schlimm hielten. Und wie du das als Kind verpacken sollst, das sagt dir keiner.

Die Assoziationen “mutterlos” gleich “schutzlos”, “ungeliebt”, “vereinsamt” standen und stehen auch heute noch im Raum. Tieftraurige Songs und ihre Geschichte wie "Sometimes I feel like a motherless child”3 bestimmen den Tonfall des schutzlos-Narrativs und der deutsche Begriff “mutterseelenallein” für die intensivste aller Einsamkeiten really drives it home

Seinen abstoßenden Höhepunkt erreicht die Erzählung der Schutzlosigkeit auf einer Webseite, die bereits 2024 durch eine STRG-F Recherche einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Die Investigativ-Recherche zu Vergewaltiger-Netzwerken in Deutschland4, die ihre Opfer wiederholt betäuben, missbrauchen und Bildmaterial davon verbreiten, ist quasi als deutsche Massen-Pelicot durch die Medien gegangen. 

Die Bilder und Videos der Taten werden laut der Recherche aber nicht nur in Chats ausgetauscht, sondern auch auf einer Plattform hochgeladen, wo sie von anderen Nutzern konsumiert werden können. Der Name dieser Webseite lautet “Motherless”. 

Missbrauch als Wichsvorlage unter dem Label “mutterlos”, weil offenbar auf Täterseite sowohl Anstand als auch Erziehung fehlen und auf Seiten der Opfer besonders eins fehlt: Schutz und das Bewusstsein, dass ihnen Unrecht angetan wird.

Die Betreibenden posten dazu ganz unten auf ihrer Seite das folgende unbegreiflich feige und verdrehte Statement:

Screenshot aus dem verlinkten Video von STRG-F & Funk

Seitdem ich von dieser Seite weiß, kotzt ein Teil von mir täglich im Strahl. Und zwar nicht nur wegen des himmelschreienden sexualisierten Unrechts, das wahrscheinlich jeden Tag in den vermeintlichen Schutzräumen dieses Landes, den Privatwohnungen Deutschlands, passiert.

Sondern auch, weil ein mutterloses Kind in unserer kulturellen Vorstellung ein verkümmertes, wehrloses Wesen sein muss. Nicht stark genug, um in der großen weiten Welt zu überleben. Ausgesetzt der Gewalt der Raubtiere des Patriarchats. Und wenn wir es allein lassen, dann ist das auch so. Aber das muss nicht so sein.

Die Schutzlosigkeit, die wir mit Mutterlosigkeit metaphorisch beschreiben, ist kein unveränderlicher Zustand. Schutz entsteht nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch gegenseitige Verantwortungsübernahme.

Mir als mutterlosem Kind sind - neben meinem Vater, dem ich so viel verdanke - viele Menschen zur Hilfe gekommen, die dafür gesorgt haben, dass der 30. Mai 1996 nicht zu meinem Weltuntergang wurde. Die meisten von ihnen sind nicht mit mir verwandt. 

Ich finde meinen Schutz heute besonders in wahlfamiliären Strukturen und in weiblicher Solidarität. In feministischen Gruppen, in denen ich immer wieder erfahre, wie viel wir bewegen können, wenn wir zusammenhalten. Ich bin überzeugt davon, dass am Ende dieser Bewegung auch ein Ende von all dem stehen wird, wofür Motherless steht.

Gestern war es wieder soweit, der 30. Mai 2026

84 Jahre, seitdem meine damals fast 14-jährige Großmutter sich in einem Keller im Kölner Nordwesten vor britischen Bomben versteckte und überlebte. 

30 Jahre seitdem ihre Tochter, meine Mutter im jungen Alter von 35 Jahren an Brustkrebs starb.

Meine Mutter, meine Großmutter und der Dom. Alle vor langer Zeit.

Ein Tag, an dem ich - heute selbst in meinen Dreißigern - auf die engen und weiten Kreise von Menschen um mich herum schaue, die mich schützen, mich halten, mich unterstützen. Menschen, die aus Köln kommen, aber z. B. auch aus Frankreich, den USA und Großbritannien. Und ich bin ihnen unendlich dankbar.

Heute ist wieder ein 31. Mai und der Weltuntergang ist wieder vorbei.

“Am 30. Mai ist der Weltuntergang,

wir leben nicht mehr lang,

wir leben nicht mehr lang.

Doch keiner weiss, in welchem Jahr

und das ist wunderbar.

Wir sind vielleicht noch lange hier

und darauf trinken wir.”5

Termine

Meine Mutter starb an Brustkrebs. Aber auch mit Krebs-Erfahrungen müssen wir nicht alleine bleiben. Auch Angehörige sind willkommen am 05.07.26 im Bikini Berlin:

Empfehlungen

Hierzu möchte ich auch dieses verletzliche und gleichzeitig wehrhafte Werk von Käthe Lorenz empfehlen:

Ein Roman, der mich in den Arm genommen und gesagt hat: “Ich weiß, wie du dich gefühlt hast.”:

Kontakt

Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!

Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

Dank

Merci an die subscriber des Newsletters für euren Support! Und merci beaucoup an die Abo-Mitglieder, die mit ihrem Beitrag meine Arbeit unterstützen und auch kostenlosen Content möglich machen 🧡

Quellen

  1. Operation Millennium (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

  2. Hintergrund Liedtext-Entstehung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

  3. Zum Lied “Sometimes I feel like a motherless child” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

  4. Zur STRG-F Recherche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

  5. Zum Lied “Am 30. Mai ist der Weltuntergang” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Sujet Cleographie

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