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Was ist in einem ADHS-Gehirn anders – und welche Folgen hat das?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um die wichtigsten Unterschiede, die ein ADHS-Gehirn so mit sich bringt.

Eine bunte Collage mit abstrakten Gesichtern drauf.
KI-generiert mit Midjourney.

Gute Nachrichten: Du hast bei einem Gewinnspiel gewonnen! Also bei keinem dieser Fake-Gewinnspielen auf Instagram, wo es nur darum geht, deine Daten abzugreifen (spreche da überhaupt nicht aus Erfahrung und habe da auf keinen Fall mal meine Daten eingegeben). Nein, bei einem seriösen Gewinnspiel! Und der Hauptgewinn hat es in sich: ein brandneuer, feuerroter Ferrari. Bäm!

Es gibt da nur ein klitzekleines Problem mit der Ausstattung des Ferraris. Er hat nämlich die Bremsen eines Fahrrads. Ups. „Wie soll man das Teil denn kontrollieren? Das fliegt ja sofort aus der Bahn, wenn ich mal beschleunige!“, merkst du zurecht an. Nun: Ein Ferrari mit den Bremsen eines Fahrrads – so beschreibt der US-amerikanische Psychiater, Autor und ehemalige Harvard-Dozent Edward M. Hallowell das ADHS-Gehirn.

Kaum ein Thema haben sich die Leser:innen dieses Newsletters so oft gewünscht wie dieses. Rollen wir ADHS also mal aus Sicht des Gehirns aus. Starten wir mit dem Grundsätzlichen: Was ist in einem ADHS-Gehirn anders und welche Folgen hat das?

ADHS ist nicht gleich ADHS ist nicht gleich ADHS

Je nach Ausprägung spricht man von unterschiedlichen Typen. Da wäre zum einen der vorwiegend unaufmerksame Typ. Betroffene wirken oft verträumt, verlieren schnell den Faden, vergessen Dinge und haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit längere Zeit auf eine Aufgabe zu richten. Typ 2 ist der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ. Er zeigt vor allem starke motorische Unruhe, Rededrang und impulsives Verhalten, etwa durch häufiges Unterbrechen, Schwierigkeiten beim Abwarten oder risikoreiches Handeln. Und dann, na klar, gibt es diverse verschieden ausgeprägte Kombinationen aus diesen beiden Typen.

So anders sind ADHS-Gehirne

Bis 1980 ging es bei ADHS nur um kleine Jungs, die nicht stillsitzen konnten, alle vollgelabert haben und zur Weißglut getrieben haben. Kurz: Es ging ausschließlich um Verhaltensprobleme. Erst in den 1980er haben Wissenschaftler:innen verstanden, dass es gar nicht nur um das Verhalten geht, sondern dass die Symptome ihren Ursprung im Gehirn haben. Man fand heraus: Viele Menschen mit ADHS haben gar keine großen Probleme im Sozialverhalten. Viel mehr haben sie Probleme, aufmerksam zu sein. Und damit sind sie selbst viel mehr die Leidtragenden als die Menschen und sie herum. Forschende begannen die ADHS-Gehirne mit Gehirnen ohne ADHS zu vergleichen und sie fanden immer mehr Unterschiede. Schauen wir uns die wichtigsten an:

1. Dopamin und Noradrenalin: Zwei Systeme geraten aus dem Takt

Ich weiß: Schon wieder Dopamin?? Aber ja, der Neurotransmitter spielt eben eine große Rolle und zwar auch bei ADHS. Er ist, das weißt du, wichtig für Antizipation, fürs Lernen und für unsere Motivation. Bei ADHS ist das dopaminerge System aus dem Takt geraten: Im Striatum und im präfrontalen Kortex steht weniger Dopamin zur Verfügung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Menschen mit ADHS nutzen Dopamin und Noradrenalin schneller auf als der Durchschnitt. Warum ist das so?

Bei Menschen mit ADHS gelangt der Botenstoff zwar wie vorgesehen in den synaptischen Spalt, wird von dort aber ungewöhnlich schnell wieder in die aussendende Nervenzelle zurücktransportiert. Dadurch bleibt zu wenig Zeit, um auf die nächste Nervenzelle zu wirken – die Signalübertragung funktioniert nur eingeschränkt. Weil die Kommunikation zwischen den Nervenzellen gestört ist, geraten auch die internen Filterprozesse aus dem Gleichgewicht: Das Gehirn hat Mühe, unwichtige von relevanten Reizen zu unterscheiden. Die Folge: eine andauernde Reizflut, die viele Betroffene im Alltag überfordert.

Auch Noradrenalin spielt eine Schlüsselrolle. Dieser Botenstoff sorgt dafür, dass wir wachsam bleiben, besonders wenn es kognitiv anspruchsvoll wird. Bei Menschen mit ADHS ist die Aktivität (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) des noradrenergen Systems oft dysreguliert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), insbesondere im rechten präfrontalen Kortex, der für kognitive Kontrolle zuständig ist. Die Folge: eine geringere Fähigkeit, Ablenkung zu unterdrücken und die Aufmerksamkeit gezielt zu steuern.

All das hat noch weitere Folgen, die Menschen mit ADHS vielleicht kennen: ADHS-Gehirne überschätzen durch die Unterschiede im dopaminergen System den Wert von kurzfristigen Belohnungen, verglichen mit langfristigen Belohnungen. Denn Dopamin sorgt eigentlich auch dafür, dass wir über einen längeren Zeitraum immer wieder motiviert genug sind, um auf ein eher langfristiges Ziel hinzuarbeiten. Zum Beispiel, um ein Buch zu schreiben. Diese Motivationsschübe für langfristige Ziele fallen bei ADHS-Gehirnen weniger stark aus. Das ist auch ein Grund dafür, warum sich Menschen mit ADHS oftmals häufiger mit Dingen beschäftigen, die kurzfristig belohnen: Videospiele spielen, den Hund streicheln, das neue Fahrrad kaufen.

2. Das frontostriatale Netzwerk: Ein Zentrum für Selbstkontrolle

Ein zentraler Schaltkreis im ADHS-Gehirn ist das frontostriatale Netzwerk. Das kennen wir unter diesem Begriff hier im Newsletter noch gar nicht. Es beschreibt die Verbindung zwischen präfrontalem Kortex („fronto“) und dem Striatum („striatal“) ****in den Basalganglien. Dieses Netzwerk ist wichtig für exekutive Funktionen: Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle, Handlungsplanung. In Bildgebungsstudien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zeigt sich bei ADHS eine reduzierte Aktivierung und Konnektivität in genau diesem Netzwerk, sowohl im Ruhezustand als auch unter kognitiver Belastung.

Diese Netzwerkschwäche erklärt, warum viele ADHS-Betroffene Schwierigkeiten haben, langfristige Ziele zu verfolgen oder Impulse zu hemmen. Sie springen schneller zwischen Aufgaben oder Reizen hin und her.

3. Das Default Mode Network: Wenn das Gehirn nicht umschaltet

Das Default Mode Network (DMN) kennen wir hingegen schon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ein Netzwerk, das dann aktiv wird, wenn das Gehirn im Ruhezustand ist; beim Tagträumen, Grübeln, Abschweifen. Bei den meisten Menschen wird es beim Lösen von Aufgaben zuverlässig heruntergefahren. Bei ADHS hingegen bleibt es zu aktiv (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), es stört quasi die anderen Netzwerke beim Arbeiten. Das ist, als würde beim Versuch zu arbeiten ständig ein innerer Monolog dazwischenquatschen.

Diese Fehlanpassung (das sogenannte „network switching problem“) ist einer der robustesten Befunde der letzten Jahre. Sie erklärt auch, warum ADHS nicht nur ein Aufmerksamkeitsproblem ist, sondern oft mit innerer Unruhe, Reizüberflutung oder plötzlichem Abschweifen einhergeht. Das meinte Edward M. Hallowell mit dem Ferrari mit den Bremsen eines Fahrrads.

4. Der Frontallappen reift langsamer

Eine der am besten belegten strukturellen Auffälligkeiten im ADHS-Gehirn betrifft den präfrontalen Kortex, insbesondere den dorsolateralen präfrontalen Kortex (dlPFC). Diese Region hilft uns, Ziele zu setzen, Informationen kurzfristig zu speichern und Handlungen zu steuern.

Forscher:innen fanden in Langzeitstudien heraus, dass die kortikale Dicke in dieser Region bei Kindern mit ADHS signifikant langsamer reift. Das heißt: Im Durchschnitt liegt diese Region zwei bis drei Jahre hinter dem typischen Entwicklungstempo zurück.

So wirken die Medikamente

Es ist praktisch, diese Unterschiede im ADHS-Gehirn zu kennen, denn durch sie versteht man auch, wie Medikamente funktionieren, die Menschen mit ADHS helfen sollen. Genau hier setzen Medikamente wie Methylphenidat (z. B. Ritalin) und Atomoxetin an: Sie verändern die Verfügbarkeit von Botenstoffen, die für Aufmerksamkeit, Planung und Impulskontrolle zentral sind. Und das geht so:

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