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Hilft Kaffee gegen Demenz?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um einen unerwarteten Schutz fürs Gehirn.

Ein Barista steht hinter einer Siebträgermaschine in einem Cafe.
KI-generiert mit Midjourney.

Ich war ziemlich erleichtert als ich für mein Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nochmal tiefer in die Frage eingestiegen bin, wie sich Kaffee eigentlich aufs Gehirn auswirkt. Denn: Ja: Kaffee ist eine Art Droge. Koffein beeinflusst unser zentrales Nervensystem. Fast drei Viertel der Menschen in Deutschland trinken regelmäßig Kaffee, die Hälfte von ihnen jeden Tag. Dazu kommen Schwarz und Grünteeliebhaber und diejenigen, die das, wonach Energydrinks schmecken, für so etwas wie lecker halten. Unsere Gesellschaft ist koffeiniert, durch und durch.

Aber (und deshalb meine Erleichterung): Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Kaffee oder Koffein in normalen Dosen Menschen schaden. Meine Kollegin Theresa Bäuerlein von Krautreporter hat mal versucht, komplett auf Kaffee zu verzichten. Sie schreibt: “Koffein macht nicht in der gleichen Weise abhängig oder ist auch nur annähernd so zerstörerisch wie Alkohol oder Nikotin. Man muss als gesunder Mensch mehrere Hundert Tassen Espresso trinken, damit Koffein gefährlich wird. Macht kein Mensch.” Und das stimmt.

Jetzt gibt es Gründe, noch erleichterter zu sein. Denn: Kaffee könnte sogar gegen Demenz schützen. Das klingt weit hergeholt. Aber es gibt bereits einige Studien zu diesem Thema. Und eine neue zeigt nun, dass der Zusammenhang ziemlich plausibel ist. Heute schauen wir uns genauer an, was die Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) herausgefunden hat – und wieso Kaffee überhaupt eine Schutzfunktion haben könnte. 

Dein Alltag ist voller Demenzrisiken – aber auch voller Schutzschilder

Die Suche nach einem Schutzschild gegen Demenz ist in der medizinischen Forschung ziemlich dringlich. Demenz und der damit verbundene geistige Verfall entwickeln sich über extrem lange Zeiträume und bis heute gibt es keine Heilung oder eine wirksame Therapie dagegen. Selbst die neusten Mittel, auf die viel Hoffnung gesetzt wurden, scheinen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die Hoffnung nicht zu erfüllen.

Also liegt der Fokus weiter auf Prävention und auf der Suche nach den Stellschrauben in unserem Alltag, an denen wir selbst drehen können. Denn es gibt Risikofaktoren, die wir durchaus beeinflussen können. Wie ich in dieser Ausgabe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) berichtet habe, sind das unter anderem:

  • Übergewicht

  • Bewegungsmangel

  • Rauchen

  • Alkohol

  • Kopfverletzungen

  • Depression 

Aber auch einige, die auf den ersten Blick eher überraschen: 

  • Geringe Bildung

  • Mangel an sozialen Kontakten

  • Schwerhörigkeit

  • Sehschwäche

  • Diabetes

  • Bluthochdruck

  • Hoher LDL-Cholesterinspiegel

  • Luftverschmutzung

Kaffee und das darin enthaltene Koffein stehen dabei schon seit geraumer Zeit im Fokus der Wissenschaft. Aber nicht als Risikofaktor, sondern als möglicher Schutz. Die bisherigen Ergebnisse waren allerdings oft ein frustrierendes Hin und Her.

Manche Studien deuteten auf einen Schutz hin, andere fanden keinen Zusammenhang oder lieferten widersprüchliche Daten. Das Hauptproblem war meistens: die Zeit. Viele Untersuchungen liefen schlichtweg nicht lang genug, um die schleichenden Demenz-Prozesse im Gehirn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die über Jahrzehnte ablaufen, wirklich präzise abzubilden. Man betrachtete nur einen kurzen Ausschnitt eines langen Lebens, was für eine Krankheit wie Alzheimer, die oft über zwanzig Jahre im Stillen reift, einfach nicht aussagekräftig genug ist. Man brauchte also einen längeren Atem, einen Blick, der am besten fast ein ganzes Berufsleben umspannt.

Diese Studie hat Daten aus Jahrzehnten ausgewertet

Genau hier setzt eine neue Untersuchung an, die in ihrer Dimension alles bisher Dagewesene überholt. Ein Forschungsteam von der Harvard University hat im Fachblatt JAMA Daten veröffentlicht, die genau diesen Blick über vier Jahrzehnte ermöglichen. Um zu verstehen, warum diese Studie eine völlig neue Qualität erreicht, müssen wir uns die Teilnehmenden ansehen. Es handelt sich um zwei gigantische US-amerikanische Langzeitstudien: die Nurses Health Study und die Health Professionals Follow-up Study. Dabei handelt es sich um Lebensbegleitungen von Menschen, die selbst im Gesundheitswesen arbeiten. Seit 1976 wurden Krankenschwestern rekrutiert, später kamen männliche Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker hinzu. Insgesamt flossen die Daten von exakt 131.821 Menschen in die Analyse ein – 86.606 Frauen und 45.215 Männer. 

Was mich als Wissenschaftsjournalist besonders beeindruckt, ist die akribische Ausdauer dieser Forschung. Die Proband:innen wurden im Schnitt 37 Jahre lang beobachtet, teilweise sogar bis zu 43 Jahre lang. Stell dir das vor: Das ist eine Zeitspanne, die fast eine gesamte Karriere umfasst. Diese Menschen haben nicht nur einmal einen Fragebogen ausgefüllt, sondern alle zwei bis vier Jahre akribisch dokumentiert, was sie konsumieren.

Das ist die Goldstandard-Methode der Kohortenstudie, weil sie Veränderungen im Lebensstil über die Jahrzehnte hinweg sichtbar macht. Dabei ging es aber nicht nur um Selbsteinschätzungen. Die Teilnehmenden absolvierten Tests, die ihre Aufmerksamkeit, ihr Gedächtnis, ihre Exekutivfunktionen und ihre visuell-räumlichen Fähigkeiten auf die Probe stellten.

Das Maß, das am hilfreichsten sein könnte

Die Daten zeichnen ein Bild, das man als das Goldlöckchen-Prinzip des Kaffeetrinkens bezeichnen kann: Nicht zu wenig, nicht zu viel, sondern genau richtig. Das ideale Maß für das Vorbeugen von Demenz scheint laut der Harvard-Studie bei einer moderaten Menge zu liegen. Das bedeutet konkret zwei bis drei Tassen Kaffee oder ein bis zwei Tassen Tee pro Tag, wobei eine Tasse mit etwa 240 Millilitern berechnet wurde. Eine alternative Maßeinheit, die die Forschenden anführen, sind etwa 300 Milligramm Koffein täglich. Wer sich in diesem Bereich bewegt, hatte das niedrigste Risiko, an Demenz zu erkranken. 

Wenn wir uns die Zahlen anschauen, wird der Unterschied greifbar. In der Gruppe der Nicht-Trinkenden erkrankten statistisch gesehen 12 von 100 Personen im Laufe der Beobachtungszeit an Demenz. Bei denjenigen, die viel Kaffee tranken – und hier ist die Rede von bis zu fünf Tassen am Tag –, sank das Risiko um beachtliche 18 Prozent. Das bedeutet, in dieser Gruppe waren es nur noch etwa 10 von 100 Personen. In der gesamten Masse von über 131.000 Menschen wurden insgesamt 11.033 Demenzfälle identifiziert. 

Besonders spannend finde ich, dass dieser schützende Zusammenhang sogar bei Menschen stabil blieb, die eine bestimmte Genvariante namens APOE4 in sich tragen. Du kannst dir APOE4 wie einen schweren genetischen Rucksack vorstellen, der die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer von Natur aus erhöht. Dass der Kaffee selbst gegen diese genetische Vorbelastung einen positiven Unterschied machen könnte, ist durchaus beachtlich.

Eine wichtige Einschränkung gibt es aber: Der schützende Effekt wurde nur bei koffeinhaltigem Kaffee beobachtet. Die entkoffeinierte Variante bot in dieser Untersuchung keinen nachweisbaren Schutz für das Gedächtnis. Und noch eine Nuance für die Teetrinker unter uns: Die Studie unterschied leider nicht zwischen schwarzem und grünem Tee, was die Aussagekraft hier ein wenig schmälert, während die Daten beim Kaffee sehr eindeutig sind.

Aber warum ist das so? 

Was passiert da im Maschinenraum deines Kopfes, wenn das Koffein anflutet? Warum sollte das Demenz vorbeugen? Die Forschenden haben dazu eine plausible Hypothese.

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