Ausgabe 33 - Die Frage ist nicht, ob es realistisch ist Venezuelas Ölreserven auszubeuten. Die Frage ist, warum Trump das will.
Na hoppla, so zügig wollte ich eigentlich nicht schon wieder in ihr Postfach purzeln. Aber Donald Trump hatte andere Pläne - in Venezuela. Völlig unverhohlen macht er deutlich, dass es ihm dort auch um die Ölreserven des Landes geht und um Einfluss. Was das auch mit der weltweiten Klimapolitik zu tun hat, darum soll es in dieser Ausgabe gehen.
Schön, dass Sie dabei sind!

Lateinamerika soll wieder zur Einflusssphäre Washingtons werden, der Hinterhof quasi. Die historische Monroe-Doktrin wird donaldisiert und zur „Donroe“-Doktrin. Und während noch unklar ist, wie es in Venezuela jetzt eigentlich weitergeht, nehmen zahlreiche Medien das Öl in den Fokus. Wie realistisch wäre das eigentlich, die gigantischen Reserven des Landes auszubeuten? Leider verlieren sich die meisten dieser Texte in einer Rationalisierung des Ideologischen und verkennen den übergeordneten Machtkampf um Einflusszonen. Sie gehen davon aus, dass es um ökonomische Fragen geht. Das tut es es meiner Sicht nicht.
In Analysestücken kommen etwa Autor:innen der Zeit (€) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und des Spiegels (€) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu dem Schluss:
Wegen der heruntergekommenen Infrastruktur wäre es extrem teuer für die Ölkonzerne, die Förderung hochzufahren. Absolut richtig. Dafür wären zunächst Milliardeninvestitionen nötig, die sich kaum rentieren würden. Denn: Aktuell ist der Ölpreis niedrig. Es gibt weltweit geradezu ein Überangebot.
„Die internationalen Rohölmärkte sind mehr als ausreichend versorgt, das OPEC-Kartell sitzt auf großen ungenutzten Kapazitäten und die Preise sind spürbar gefallen.“
zitiert der Spiegel den Analysten Robert Kaufmann von der Boston University.
Gemäß der Logik des überversorgten Marktes würde es also kaum Sinn machen, die Ölfelder Venezuelas saftig anzuzapfen, auch wenn Heike Buchter in der Zeit unterstreicht, dass die teerhaltige Rohölsorte für die Versorgung mit Diesel durchaus sehr gelegen käme.
Nur: Ob sich diese Förderung lohnt, juckt Donald Trump nicht. Er will, dass das Öl fließt. Die USA versuchen gerade weltweit darauf hinzuwirken, dass mehr fossile Brennstoffe verwendet werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit sabotieren sie Klimaschutzmaßnahmen – sei es die Einführung eines CO2-Preises in der weltweiten Schifffahrt, die sie kurzfristig durch Drohungen von der Tagesordnung der Internationalen Seefahrtsorganisation IMO boxten, seien es direkte Erpressungsversuche gegen die Europäische Union, der sie mit der Drosselung von Erdgaslieferungen drohten, wenn nicht Klimaschutzaspekte im Lieferkettengesetz abgeschwächt würden. Eine Erpressung, der die EU stattgab.
Und dann ist da noch die Erdölprognose der Internationalen Energieagentur. Vor wenigen Jahren noch berechnte die IEA unter Berücksichtigung des Pariser Klimaziels und der eingeschlagenen Transformationspfade einen Peak Oil für die 2030er Jahre. Bis dahin würde die Nachfrage nach Öl zunehmen – auch wegen des Bedarfs in Schwellenländern. Dann aber würde die Nachfrage sinken.
Diese Sicht passte der Trump-Administration nicht, sie übte Druck (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf die durch Mitgliederbeiträge finanzierte Organisation aus, die daraufhin in diesem Jahr eine neue Berechnung ohne Pariser Klimaschutzziel präsentierte und nun bis in die 2050er Jahre hinein mit steigendem Öl-Bedarf rechnet. Weil die USA es so wollen.

Günstige Preise wären dafür die ideale Voraussetzung. Je billiger Öl ist, umso weniger lohnt sich der Umstieg auf fossilfreie Technologien.
Erst kürzlich konnte ich darüber mit einem Spediteur sprechen, der seine Flotte Stück für Stück elektrifiziert. Die günstigen Spritpreise sind für ihn jedoch ein Problem. Ein E-LKW ist in der Anschaffung deutlich teuer als ein röhrender Verbrenner, da nützt dann auch die Mautbefreiung nichts, wenn das Verhältnis Strompreis/Spritpreis aufgrund von billigem Öl verzerrt wird.
Je mehr billiges Öl die fördernden Staaten auf den Markt werfen, umso stärker sabotieren sie den Umstieg auf strombasierte Technologien.
Auf diese Weise dreht Donald Trump nicht nur dem ihm verhassten Klimaschutz eine lange Nase, sondern auch einem entscheidenden Gegner bei der Aufteilung der Welt in Einflusszonen: China.
China setzt massiv auf den Export fossilfreier oder fossilarmer Technologie und ist damit einer der Treiber und Profiteure des Umstiegs auf strombasierte Technologien. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ja, China setzt selber weiterhin auf Kohle, Öl und Gas, ist kein Klimaschutzengel. Aber in Produktion und Export liegt der Fokus unter anderem auf sogenannten Grünen Technologien. Nicht nur die deutsche Energiewende profitiert davon massiv, sondern Staaten weltweit.

Diese aufeinanderprallenden Interessenlagen konnte man bei der letzten UN-Vollversammlung auf offener Bühne beobachten. Während Donald Trump den Klimawandel in seiner Rede leugnete (entgegen des wissenschaftlichen Konsens, das sei immer wieder dazu erwähnt) und die Welt dazu aufforderte, mehr Öl und Gas zu verbrennen, erklärte Chinas Staatschef Xi Jinping, auch wenn einige Akteure das noch nicht verstanden hätten, in fossilfreien Technologien liege die Zukunft und sein Land wolle da führend sein. Nicht aus Nettigkeit übrigens, sondern weil China Erneuerbare als Mittel sieht, Geld und Einfluss zu machen.
Trump aber will den Einfluss Chinas begrenzen. Das ja weltweit seine Finger ausgestreckt hat – nicht nur viele Staaten auf dem afrikanischen Kontinent sind mittlerweile massiv abhängig von chinesischen Technologien und Krediten, auch in Lateinamerika ist das der Fall. Also der Region, die die USA als ihre Einflusszone verstehen. Auch Venezuela bekam in den vergangenen Jahren Milliardenkredite aus Peking. Geld, das auch in die Ölindustrie geflossen ist. Wie gesagt: Kein Klimaschutzengel.
Wenn Donald Trump sich diese Industrie nun aneignen würde, schlägt er also mehrere Fliegen mit einer Klappe. Er drängt China außer Landes, sichert damit seine (aus seiner Sicht) Einflusssphäre und hat einen Hebel zur Absicherung der weltweiten fossilen Abhängigkeit. Ob das Ganze jetzt den US-Ölkonzernen unmittelbar nutzt, ist dabei vollkommen wurscht.
Übrigens: Ich würde auch nicht rational davon ausgehen, dass eine ausgeweitete Ölförderung unter guten Standards durchgeführt wird. Im Gegenteil: Die Devise der Trump-Administration ist ja Deregulierung, keine Schranken für die Wirtschaft. Warum also Umweltauflagen, wen juckt in Washington eine Ölpest vor der Küste Venezuelas? Drill Baby, drill.
Und Vorsicht: Auch wenn ich nun ja ebenfalls bemüht war, eine gewisse Konsistenz in der Trumpschen Ideologie herauszuarbeiten – vieles davon ist hochgradig widersprüchlich. Das fängt schon damit an, dass Regime-Change mit Gewalt kein historisch erfolgreiches Modell ist, also überhaupt nicht gesichert ist, dass die USA überhaupt Zugriff auf diese Ölfelder bekommen.
Wenn es Trump aber gelingt, dann hat die Welt in Sachen Erderwärmung ein massives Problem. Denn wenn weiterhin in großem Stil Kohle, Öl und Gas verbrannt werden, wird die globale Durchschnittstemperatur aufgrund der weiter steigenden CO2-Konzentration der Atmosphäre auch weiter steigen.
Durch die dadurch weiter stark schmelzenden Gletscher würde voraussichtlich der Zugriff auf weitere Rohstoffvorkommen in Grönland möglich…
Ach guck.
In Trumps ideologisch begründeten Kampf für das Öl passt auch seine Aggression gegen Kolumbien. In der vergangenen Nacht hatte Trump auch dem Nachbarland Venezuelas mit militärischem Eingreifen gedroht. Ja, Kolumbien ist eine maßgebliche Quelle für Drogen, die in die USA geliefert werden. Aber die Regierung um Präsident Gustavo Petro - erster linker Präsident des Landes - gehört auch zu den treibenden Kräften für einen Ausstieg aus fossilen Energien. Im November war es Kolumbien, das mehrfach auf der Weltklimakonferenz Akteure um sich scharte, um den Weg hin zu diesem Ausstieg in der Abschlusserklärung zu verankern. Das scheiterte - vorerst. Im April lädt Kolumbien im Kohlehafen Santa Marta gemeinsam mit den Niederlanden zu einer gemeinsamen Konferenz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ein, um den Ausstieg voranzubringen. Dieses Jahr sind außerdem Präsidentschaftswahlen in Kolumbien, die darüber entscheiden werden, ob das Land auf diesem Kurs bleibt. Trump hat hier also gute Gründe, Druck auszuüben.
Die Gründe für Trumps Vorgehen in Venezuela sind vielschichtig. Ich habe versucht hier herzuleiten, warum ich nicht davon ausgehe, dass es ökonomische Interessen sind, die dabei handlungsleitend sind. Wohl aber eine fossile Ideologie, die einen weltweiten Einfluss weiterbegründen soll. Damit rückt dieser Konflikt näher an uns alle, denn im Hintergrund steht die Frage, ob die Weltgemeinschaft es schaffen kann, sich von einer Technologie zu lösen, die ihr schadet.
Danke für Ihr Interesse!
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Bis zum nächsten Mal
Frau Büüsker