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Kolonialismus und koloniale Kontinuitäten sind Kriegsursachen von heute

Teil 1: Kongo

Wohin wir uns drehen und wenden, sehen wir bewaffnete Auseinandersetzungen, heiße Kriege bis hin zu Völkermorden: Ukraine, Sudan, Kongo, Jemen, Palästina, Westsahara…

Viele davon schaffen es nicht in die Nachrichten und die Ursache ist ganz einfach zu benennen: Rassismus. Es kümmert die industrialisierten Länder des globalen Nordens und ihre demokratischen Standards nicht, wenn anderswo Menschen sterben, die nicht weiß sind. Das ändert sich kurzzeitig, wenn Tourist:innen, weiße Christ:innen oder Lieferketten und Rohstoffe betroffen sind. Dann werden Konflikte und Kriege fernab Europas und seiner Grenzen zu Schlagzeilen. Sie werden uns gerne als Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte rivalisierender Gruppen geführt von Warlords verkauft, um eigene Verantwortung und Schuld nicht thematisieren zu müssen. Immerhin möchte der „weiße Mann“ mit seinen leeren Phrasen von Demokratie und Menschenrechten nicht in Frage gestellt und mit den eigenen Gräueltaten konfrontiert werden.

Kolonialismus reicht bis in die Gegenwart

Das hinter den Toten der Kriege jenseits von Europa allerdings die großen K’s (Kolonialismus, koloniale Kontinuitäten und Kapitalismus) stehen, ist offensichtlich und nicht zu leugnen.

Unter Kolonialismus versteht man eine Politik, die auf Erwerb und Ausbau von Kolonien gerichtet ist unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftlichen, militärischen und machtpolitischen Nutzens für das kolonisierende Land bei gleichzeitiger politischer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung der abhängigen einheimischen Bevölkerung, allen voran der indigenen Gemeinschaften. Zahlreiche europäische Länder waren Kolonialmächte und die Auswirkungen sind mit dem offiziellen Ende und des Rückzuges der Kolonialherren nicht vorbei.

Die Kolonien bleiben ausgebeutet und beraubt zurück, was nicht nur Rohstoffe betrifft, sondern Menschen, die eigene Identität, Kultur und Geschichte. Dieser Aspekt wird oft vernachlässigt, obwohl die Konsequenzen massiv und dazu geeignet sind, die ehemaligen Kolonien für Generationen im wahrsten Sinne des Wortes zu entwurzeln und zu zerstören. Ohne die aufgezwungene Bürokratie und Verwaltungsstruktur der Kolonialmacht, die völlig gegensätzlich zu den ursprünglichen Verbindungen und Abläufen in den betroffenen Regionen ist, entsteht ein vielfältiges Vakuum, welches bis heute Grundlage für Konflikte und Kriege bildet und jede Menge Möglichkeiten für die „ehemalige“ Kolonialmacht weiterhin einzugreifen, präsent zu bleiben und ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Kapitalismus und die Gier nach Rohstoffen

Kobaltmine in der DRK, 2 Männer in einem tiefen Schacht ohne jegliche Absicherung oder Schutz

Wir können jeden der aktuellen Kriege auswählen und die Frage nach den Rohstoffen des jeweiligen Landes stellen, um auf die richtige Spur der Hintergründe zu kommen.

Die Demokratische Republik Kongo verfügt über Kupfer, Kobalt, Diamanten, Gold, Coltan, Erdöl und Tantal. Belgien war hier Kolonialmacht. 1885 wurde das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo zum Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. erklärt, 1908 ging es als Kolonie in den Besitz des belgischen Staates über. Die Kolonialzeit war durch eine rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur geprägt. Millionen Menschen kamen infolge von Sklaverei und Zwangsarbeit, Krankheit und Hungersnöten ums Leben. 1960 hat Belgien den Kongo großzügigerweise in die „Unabhängigkeit“ entlassen. Zur Ruhe gekommen ist das Land nie, die Ausbeutung geht unter anderen Vorzeichen weiter. Es lassen sich unterschiedliche Ansätze finden, um die aktuelle Lage zu erklären, sie treffen alle zu und zeigen, dass es Konflikte von außen sind.

Hintergründe der Kämpfe

Nehmen wir den kulturellen Erklärungsansatz, der ethnische Identitäten in den Vordergrund rückt. In der DRK leben über 200 ethnische Gruppen, zwischen denen es aufgrund der Rassenlehre während der belgischen Kolonialherrschaft immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt. Diese Spannungen nehmen nach dem Völkermord 1994 im Nachbarland Ruanda stark zu. Nach dem Sturz der ruandischen Hutu - Regierung, welche für den Völkermord an den Tutsi verantwortlich ist, fliehen über zwei Millionen Hutus aus Angst vor Bestrafung durch die neue ruandische Regierung in die DRK. Viele dieser geflüchteten Hutus schließen sich Mobutus Regierung an und greifen die dort beheimatete ethnische Bevölkerungsgruppe der Tutsi an. Daraufhin unterstützen ruandische und ugandische Truppen die gegnerischen Bürgerwehren, die die Hutu-Rebell:innen und die kongolesischen Regierungstruppen bekämpfen. Durch diese von Ruanda, Uganda und Angola gestützte Allianz kann der Diktator Mobutu 1997 gestürzt werden. Als jedoch auch sein Nachfolger Laurent-Desiré Kabila die ruandischen Hutus nicht aus der DRK zurück nach Ruanda treibt, schalten sich Ruanda und Uganda erneut ein, um ihn zu stürzen. Daraufhin tobt von 1998 bis 2003 der zweite Kongokrieg mit Beteiligung zahlreicher afrikanischer Staaten (v.a. Ruanda, Uganda, Simbabwe, Namibia, Burundi, Angola) und die Konflikte im Osten zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen verstärken sich.

Es ist ebenso richtig, den machtbasierten Erklärungsansatz und Ressourcenkonkurrenz zu benennen. Alle Kriegsparteien und Beteiligten werden beschuldigt, den Krieg als Vorwand zu nutzen, um die Bodenschätze des Landes (z.B. Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt, Coltan, Zink) zu plündern und fruchtbares Land zu erobern. Trotz des Rohstoffreichtums ist die DRK eines der ärmsten Länder weltweit. Seit der Kolonialzeit und der anschließenden Diktatur Mobutus wurden die Rohstoffe fast ausschließlich zur Finanzierung der Machthaber und ihrer Anhänger:innen missbraucht, sodass die Bevölkerung nur wenig vom Reichtum ihres eigenen Landes abbekam. Nach wie vor werden große Teile der Bergbaugebiete von Rebell:innen und Regierungssoldat:innen kontrolliert, in denen die Bevölkerung zur Zwangsarbeit verpflichtet wird und Kinderarbeit an der Tagesordnung ist.

künstliche Staatsgebilde funktionieren nicht

Die aufgrund der kolonialen und anschließenden diktatorischen Geschichte der DRK nur schwach vorhandenen und korrupten staatlichen Strukturen, der mangelnde Wille der politischen Führung für einen fairen Rohstoffabbau und besonders die Abwesenheit staatlicher Autorität im Osten des Landes, begünstigen die Rohstoffausbeutung und den fortdauernden Kampf um die Reichtümer des Landes. Das Fehlen staatlicher Autorität ist in mehrfacher Hinsicht problematisch, denn die Analyse, dass Nationalstaaten und aus vorwiegend europäischen Machtinteressen künstlich gezogene Grenzen ein funktionierendes, natürlich gewachsenes Gefüge zerstört und katastrophale Konsequenzen mit sich gebracht haben, ist nicht von der Hand zu weisen und gilt nicht nur für den Kongo. Nachdem ursprüngliche Strukturen jenseits von Staaten und den damit einhergehenden Strukturen zerstört wurden, macht sich das Fehlen funktionierender Verwaltungen und Regierungsapparate ohne die Kolonialmacht nur umso deutlicher und dramatischer bemerkbar, weil das erschaffene Nationalgebilde ohne diese Staatsapparate nicht funktionieren kann.

Konsequenzen

Die Effekte und Auswirkungen sind verheerend: mindestens 5 Mio. Tote, Unterernährung, Hunger, Plünderungen und Armut. Hilfsorganisationen gehen von insgesamt ca. 5 Mio. Binnenflüchtlingen aus, die vor unzähligen Gewaltakten und Kriegen im Verlauf der Geschichte geflohen sind. Menschen sind konfrontiert mit einem defektem Gesundheits- und Bildungssystem, schwachen staatlichen und demokratischen Strukturen. Das Kernproblem ist ungerechte Verteilung der Rohstofferlöse und das Mitmischen multinationaler Konzerne und Regierungen im eigenen Interesse. Jahrhundertelange Rohstoffausbeutung, Korruption, die Aufspaltung der Gesellschaft in zahlreiche ethnische Gruppen und aus all dem resultierendes soziales Ungleichgewicht haben den Kongo zum Kriegsgebiet gemacht, vor dem die originär Verantwortlichen nun die Augen verschließen, während sie Rohstoff - Verträge abschließen, um Greenwashing zu betreiben, sich für Entwicklungshilfe feiern zu lassen und Smartphones und E-Autos für den globalen Norden zu produzieren. Wir schaffen und füttern die Bestie ohne jegliches Schuldbewusstsein.

beteiligte Konzerne und involvierte Länder

Chinesische Unternehmen dominieren den Bergbau, insbesondere bei Kupfer- und Kobaltminen, wobei sie mehr als 80 Prozent der Kupferminen besitzen. Der global agierende und in der Schweiz beheimatete Konzern Glencore ist der größte Einzelproduzent von Kobalt und baut dieses hauptsächlich in der DR Kongo ab. Natürlich dürfen bei den Verteilungskämpfen auch Unternehmen aus den USA und der EU nicht fehlen. Insbesondere im Bereich der kritischen Mineralien sind diese involviert, durch Investitionen beteiligt und neben China Hauptabnehmer für entsprechende Exporte.

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