Diese Woche ein Text zu etwas, was mir seit der Ankündigung der Massenaktion von Ende Gelände im Kopf rumschwirrt. Das Wichtigste zu Beginn: ich freue mich sehr, dass Ende Gelände wieder groß und laut und hoffentlich maximal ungehorsam tut, was Ende Gelände groß und wichtig gemacht hat. Das ABER kriege ich trotzdem nicht zum Schweigen gebracht in meinem Kopf. Ich wollte es mir einfach machen, die Stimme im Kopf verdrängen und mich einem weiteren Themenfeld des Zukunftstrainingslagers widmen, aber es sich einfach machen, hilft nicht, schon gar nicht, wenn die Welt aussieht, wie sie es aktuell tut. Und mir ganz persönlich ist es schon immer schlecht gelungen, es mir einfach zu machen, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Wir wissen alle, wie es aktuell steht, was Aktionen zu den großen linken Themen betrifft: Klimaaktivismus ist oft nur noch ein Schatten seiner selbst, appellativ und wirkungslos oder ungehorsam, aber dann oft nur symbolisch. Antifas sind „unter Beschuss“ und Kämpfe gegen Kapitalismus und Militarisierung trifft in der Breite ein ähnliches Schicksal wie Klimaaktvist:innen, wobei es in diesem Bereich durchaus positive Ausreißer gibt, die sich nicht vor Militanz scheuen. Und genau das macht eben den Unterschied zwischen symbolisch oder zumindest in gewissem Rahmen wirkungsvoll.
Ende Gelände oder eben nicht
Wenn wir uns das ehrlich vor Augen führen, komme ich bezüglich der Massenaktion von Ende Gelände nur zu einem Schluss: es geht jetzt auch für Ende Gelände um alles oder nichts. Nicht bezogen auf die Aussicht mit einer Massenaktion nun alles zum Guten zu wenden, aber bezogen auf die eigene Zukunft und Relevanz. Das erfüllt mich etwas mit Trauer, Angst und Sorge, denn Ende Gelände ist die Akteur:in, die für mich alles verändert hat und die mir immer ganz besonders am Herzen liegt. Ich weiß, ich nerve manchmal, bin kritisch und fordere etwas, was natürlich nicht leichtfertig zu tun ist. Aber, liebe Genoss:innen, ich tue es mit und aus ganz viel Liebe für Ende Gelände. Genug Süßholz geraspelt, zurück zum Ernst der Lage – und genau das gilt eben auch für Ende Gelände und die geplante Massenaktion.
The Glory of the past
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ende Gelände hat sich durch die Aktionen im Rheinland und in der Lausitz, durch spektakuläre Bilder und durch die Wucht, mit der es gelungen ist, für eine Weile eine gewisse Gegenmacht aufzubauen, ein Standing erarbeitet. Ende Gelände wurde zu einer Akteur:in, die man ernst genommen hat, die für etwas stand und die in der Lage schien, wirklich ernst zu machen, etwas zu erreichen. Ende Gelände hat zivilen Ungehorsam und Klimaaktivismus extrem sexy gemacht und Ende Gelände hat dafür gesorgt, dass Aktivist:innen recht sicher vor Repressionen waren, auch, weil große Teile „der Gesellschaft“ uns, unsere Ziele und Aktionen verstanden und irgendwie auch unterstützt haben. Ende Gelände hat sich einen Ruf erschaffen, von dem wir bis heute zehren, denn die Reaktionen innerhalb der aktivistischen Szene, die die Ankündigung einer Massenaktion hervor gerufen haben, sprechen Bände: Menschen freuen sich, blocken sich den Termin, Ortsgruppen erleben Zulauf, es entstehen neue Ortsgruppen, es entsteht eine spürbare Dynamik…Das alles bedeutet aber auch sehr viel Arbeit für die Menschen im Hintergrund, AGen müssen wieder angeschoben werden, Planungen und Koordination müssen laufen, zu wenige Menschen arbeiten wieder an zu vielen Baustellen und die Erwartungen all derer, die die Ankündigung von „einmal mehr Ende Gelände“ herbei gesehnt haben, sind hoch. Das Kribbeln ist spürbar und das fühlt sich großartig an.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Was ist nun mein Problem?
All die Arbeit hinter einer Massenaktion, die Menschen jetzt noch einmal auf sich nehmen, weil sie Hoffnung in diese Aktion setzen, weil sie sich mobilisieren lassen zu kommen, zu helfen usw., wird sicher nicht die Früchte der ganz großen Aktionen im Rheinland tragen, als Tausende Tagebaue quasi fluteten, Polizeiketten durchbrachen und Bagger besetzten. Das wird nicht möglich sein, weil fossile Infrastruktur in Form von Gas nicht mehr die Optionen bietet, die Tagebaue geboten haben. Gaskraftwerke sind oft noch in der Planungs-/Genehmigungsphase, sie sind keine riesigen, nicht zu schützenden, offenen Löcher mitten in der Landschaft. Gasinfrastruktur sind oft grüne Wiesen, die mal Baustelle werden sollen, Rohre, die irgendwo noch unverbaut liegen und auch diejenigen, die das Gas benutzen, um andere Scheiße zu produzieren, sind legitime Ziele von Protest, aber eben auch schwieriger zu bespielen als Kohlebagger. Unser Potential zur Massenmobilisierung ist aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls nicht mehr das, was es zu Zeiten der großen Waldbesetzungen und Aktionen im Rheinischen Revier war. Wir wissen das und wir organisieren trotzdem eine Massenaktion, weil wir wissen und fühlen, dass es notwendig und richtig ist und weil wir es auch für uns selbst brauchen. Das Gefühl mit vielen etwas schaffen zu können, für den Moment des Durchbruchs eines Fingers durch Hindernisse und Polizeiketten quasi unbesiegbar zu sein, etwas zu stoppen, was eigentlich übermächtig ist, das ist – wie mir jede:r, die dabei war, bestätigen wird – eines der besten und schönsten Gefühle überhaupt. Wir sehnen uns danach.
Wird diese Massenaktion also eine Blockade vor geschlossenen Werkstoren am Wochenende oder bleibt es bei symbolischen Besuchen auf (potentiellen) Baustellen, haben viele Menschen ganz viel gearbeitet, ohne wirklich etwas zu erreichen, ohne - wenn auch nur für einen Moment – diese Euphorie für uns alle spürbar werden zu lassen und der Mythos Ende Gelände wird nicht mehr länger zu halten sein. Auch ein Mythos muss gepflegt werden, es muss immer wieder aufblitzen und sichtbar werden, woher er kommt und warum er noch immer lebt. Die Aufgabe für Ende Gelände mit dieser Massenaktion ist also genau das – den Mythos wieder mit Leben erfüllen und deutlich machen, für uns nach innen und für alle anderen nach außen, dass wir noch da sind, dass wir uns Relevanz erkämpfen und dass wir es schaffen, etwas zu bewirken, was über Symbolpolitik hinausgeht. Die Massenaktion muss das Feuer wieder entfachen, wenn wir auch in den kommenden Jahren angreifen und kämpfen wollen. Wir müssen mit dieser Aktion nicht alles gewinnen, aber wir können alles verlieren. Die Zeit von ausschließlich symbolischen Aktionen ist vorbei, sonst ist es vorbei mit Ende Gelände.
In Gesprächen mit anderen, die schon lange dabei (und müde) sind merke ich, dass sich viele solche Gedanken machen, dass die Bedeutung dieser Aktion nicht nur mir bewusst ist. Dabei wissen wir auch, dass angesichts dessen, was inzwischen von staatlicher und polizeilicher Seite gegen Aktivist:innen aufgefahren wird, in keinerlei Verhältnis mehr steht, zu den Protestformen und dem, was Aktionen tatsächlich erreichen. Wir setzen uns mit jeder Aktion einer vielfältigen Gefahr aus für unsere körperliche und psychische Unversehrtheit, für unsere Freiheit. Dem gegenüber dürfen wir natürlich nicht die Augen verschließen, denn wir wollen mit vielen in Aktion gehen und wir tragen Verantwortung für die, die dem Aufruf zur Massenaktion folgen. Wir müssen uns auch darauf vorbereiten, dass allein die Ankündigung einer Massenaktion auf der gegnerischen Seite Abläufe in Bewegung setzen wird, die auf den Mythos Ende Gelände reagieren und nicht auf die Realität!
Ende Gelände steht nicht nur vor einer Massenaktion und dem, was das an Vorbereitung und Aufgaben eben so mit sich bringt. Wir stehen vor sehr viel mehr und ich wünsche uns den Mut, uns dem bewusst zu stellen und trotz allem und jetzt erst recht, diesem Ruf einmal mehr gerecht zu werden, das Feuer wieder zu entfachen durch eine schlagkräftige, überraschende Massenaktion, die den Mittelfinger ausstreckt gegen Weiter so & Co, weil sie einen Unterschied macht und weil wir zeigen, dass wir uns nicht kontrollieren, einschüchtern und entmutigen lassen. Wir waren immer dann am besten, wenn es um mehr ging, als Symbolpolitik, wenn wir uns selbst und unsere Aktionsform ernst genommen und ernst gemacht haben. Ende Gelände war dabei immer ganz viel Emotion und ich bin nicht bereit, das aufzugeben.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Auf geht’s, ab geht’s, Ende Gelände soll noch in 50 Jahren für Gänsehaut bei uns und eine gewisse Furcht auf der Gegenseite sorgen, weil allen klar ist, hier kommt was Großes, Relevantes und Wichtiges. Let’s fight back, by all means.