Passer au contenu principal

Knast ist Kollaps: Der Entzug aller Freiheit und Individualität

Haft ist genau das – Kollaps durch völligen Kontrollverlust, den Entzug aller Freiheit und Individualität. Das beginnt bei einheitlicher Kleidung, dem Zuweisen einer Nummer und der Tatsache, nicht über den eigenen Tagesablauf bestimmen zu können. Haft bedeutet in 1. Linie Verwahrung und das mit möglichst wenig Aufwand.

Wenn ich Vorträge zum Thema halte, wenn mich Menschen darauf ansprechen, im Brief - Austausch mit Maja – immer und immer wieder kommen dieselben Fragen: was macht man den ganzen Tag? Wie übersteht man den Tag? Gibt es so etwas wie eine „sinnvolle“ Gestaltung des Tagesablaufs?

Die ehrlichen, kurzen Antworten: nichts, nicht gut, nein. Es hilft auch nichts, das nicht genauso deutlich zu sagen.

Knast ist Eintönigkeit, Fremdbestimmung und durchhalten und das ist hart. Meine Idee nach meinem Jahr in einer JVA war es eigentlich, einzelne Texte zu verschiedenen Schwerpunkten zu schreiben, um Infos zu liefern, wie der Alltag aussieht, was Menschen erwartet, wenn sie eine Haftstrafe antreten müssen. Damit bin ich noch nicht sehr weit gekommen, weil es einerseits nicht leicht ist, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen, weil es triggert und weil es andererseits so vieles gibt, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll, ohne mich wieder hinter Gittern zu verlieren.

Haft endet nicht mit der Entlassung

Ich merke aber auch, dass das Thema an Relevanz gewinnt, weil die Repressionen immer massiver werden und ich bin entsetzt, wie viele Menschen inzwischen Bedarf an Vorträgen und Informationen haben, nicht nur aus reinem Interesse, sondern weil sie wissen, dass sie ganz real mit dieser Situation konfrontiert werden. Deshalb heute also ein weiterer Text zum Thema Haft, der versuchen soll, ein paar Punkte anzureißen und zu verdeutlichen, dass Haft nicht mit der Entlassung endet.

Das trifft zum einen natürlich auf die psychischen und emotionalen Auswirkungen zu, ohne die niemand aus einer Haft herauskommt und die am Tag der Entlassung nicht mit einer großen Party enden. Das gilt aber zum anderen auch für Dinge, die bewusst darauf ausgelegt sind, Menschen auch nach der Haftzeit noch deutlich zu machen, wer am längeren Hebel sitzt und das es in Zukunft dann doch besser wäre, nach den Regeln zu spielen. Ein solcher Faktor ist die Tatsache, dass die Meldeadresse ganz automatisch von Behördenseite geändert wird. Auch wenn man es schafft, die Wohnung oder das WG – Zimmer zu behalten, erfolgt durch die Justizbehörden die offizielle Ab- und Ummeldung in die JVA beim zuständigen Einwohnermeldeamt. Somit haben alle möglichen Stellen Zugriff auf diese Information oder werden automatisch davon in Kenntnis gesetzt. Es bedeutet für die betroffene Person aber auch, nach der Entlassung ebenfalls den Schritt zur Meldebehörde gehen zu müssen, sich dort persönlich quasi zu outen und sich wieder in der eigenen Wohnung/WG anzumelden mit den entsprechenden Unterlagen, inklusive des Entlassungsscheins.

Gleiches gilt für die Krankenkasse. Tritt man eine Haftstrafe an, wird man über die JVA krankenversichert, die eigene Mitgliedschaft in einer normalen Krankenkasse ruht und muss nach der Entlassung wieder aktiviert werden. Auch das bedeutet, ich muss nach der Entlassung bei meiner Krankenkasse anrufen und mein Anliegen schildern, mich wieder anmelden. Auf Arbeitsamt und Jobcenter trifft das gleichermaßen zu. Das alles sind Mechanismen der Scham und Schuld und das im öffentlichen Raum. Ebenso zur Verunsicherung trägt es bei, dass man angewiesen wird, den sogenannten Entlassungsschein 6 Wochen nach der erfolgten Entlassung bei sich zu tragen, weil es „eine Weile dauern kann, bis die Information der Entlassung in allen Systemen hinterlegt und angekommen ist“ und man im schlimmsten Fall bei einer Kontrolle der Personalien Alarm auslösen könnte.

Supportstrukturen sind überlebenswichtig

Der Kollaps der Haftstrafe selbst zieht sich somit weit über persönliche Verarbeitung des Traumas hinaus in das wiedererlangte Leben in Freiheit. Menschen werden stigmatisiert und es ist niemals möglich, alle Optionen dieser Stigmatisierung über Supportstrukturen abzudecken, egal wie gut diese sind. Ich selbst habe nach einem Jahr in Haft rückblickend beinahe ein weiteres Jahr gebraucht, um wieder zu mir selbst zu finden, wieder in Strukturen angekommen zu sein und mich wieder aktiv an politischer Arbeit zu beteiligen. Das lag nicht an den Menschen und Strukturen, im Gegenteil! Es lag an mir und den Folgen von einem Jahr erzwungener Vollbremsung, die langfristige Konsequenzen hat. Ich habe mich nach einem Jahr gezwungen und bin zum System Change Camp gefahren und das war der Moment, der mich eigentlich erst wirklich aus dem Knast geholt hat. Die Entlassung selbst hat das nicht getan. Der Moment, wenn man plötzlich wieder vor den Mauern steht und die Tore sich hinter einem schließen, war ebenso surreal wie der Moment der Inhaftierung selbst: unwirklich und still. Was ich gelernt habe aus dieser Kollapserfahrung ist etwas, das mich jetzt, 3 Jahre später, Teil der Kollapsbewegung hat werden lassen und das Anteil daran hat, dass ich solidarisches Preppen für extrem wichtig halte. Netzwerke, Strukturen und persönliche Beziehungen sind entscheidend. Sie können den Kollaps nicht zwingend verhindern und im Kollaps gibt es Phasen, in denen diese Netzwerke und Beziehungen unterschiedlich gut helfen können, aber das sie helfen, steht außer Frage. Je breiter und vielfältiger diese Netzwerke sind, in die wir eingebunden sind, je mehr Beziehungen wir zu Menschen pflegen, die alle ganz unterschiedliche Dinge zu einem Netzwerk beisteuern, desto besser.

Knast ist Kollaps auf vielen Ebenen: Ernährung, Bewegungsfreiheit, Kontaktoptionen, ärztliche Versorgung, Verfügbarkeit von benötigten Medikamenten sind die, die am offensichtlichsten sind. Ebenso gravierend ist es, nicht mehr das tragen zu können, worin man sich wohlfühlt, Nähe zu Menschen aufgezwungen zu bekommen, mit denen man nicht zusammen sein will, keinen Rückzugsort zu haben vor Lautstärke und Konflikten, keinerlei Privatsphäre. Knast ist Dauerkonfrontation mit multiplen Kollapsszenarien.

Welche Netzwerke und Beziehungen helfen in einem solchen Fall? Alle! Der Anwalt, die Rote Hilfe, die Menschen, die Briefe schreiben (und Verständnis dafür haben, dass Antworten manchmal dauern und nicht so einfach sind), diejenigen, die Pflanzen in der Wohnung gießen, die ihre Adresse und ihr Telefon zur Verfügung stellen, um Gruppentelefonate zu ermöglichen, ohne dass alle ihre Daten preisgeben müssen, aber auch die, die nach Angehörigen und engen Bezugspersonen schauen.

Kollaps hat unterschiedlichen Phasen

Wichtig ist und das haben wir im Rahmen des Kollapscamps auch von Betroffenen anderer Kollapsszenarien oft gehört: mit dem Ende des einzelnen Kollapsereignisses endet der Kollaps nicht. So wie das auf den Zeitpunkt der Haftentlassung zutrifft, gilt das ebenfalls für Betroffene von z.B. Flutkatastrophen. Auch wenn das Wasser weg und das Haus leer gepumpt ist, sind die Menschen weiterhin mit dem Kollaps konfrontiert und es benötigt dann andere Elemente aus einem solidarischen Netzwerk als während der Überflutung selbst.

Deshalb ist das Feld des solidarischen Preppens auch ein extrem breites, welches für beinahe alles Raum bietet und kaum etwas ausschließt. Aus diesem Grund ist es in unser aller Interesse, dass es viele verschiedene Kollapscamps gibt, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen und das Thema aus wechselnden Blickwinkeln in Angriff nehmen. Im Prinzip gibt es beim aktuellen Status einer sich findenden Kollapsbewegung und der Realität, samt ihrer großen und kleinen Katastrophen nur einen Fehler: nichts tun und stehen bleiben, sich verlieren in Strategie- und Begriffsdiskussionen und erst anfangen wollen, wenn alles zu 1000% perfekt ist. Diesen Punkt werden wir niemals erreichen, aber mit dem Warten darauf, verlieren wir wertvolle Zeit. Befassen wir uns mit solidarischem Preppen gibt es je nach Zeithorizont unendlich viele Möglichkeiten der Vorbereitung und dadurch viele Optionen, Einfluss auf die Schwere eines Kollapsszenarios bzw. auf dessen Konsequenzen für unseren Alltag zu nehmen. Man kann sich auf einen Katastrophenfall vorbereiten, um dirket und kurzfristig handlungsfähig im Akutfall zu sein und man kann sich auf die Zeit danach vorbereiten, die ganz andere und langfristige Herausforderungen mit sich bringt.

Knasttraining ist solidarisches Preppen

Um den Bogen zum Ausgangspunkt des Textes wieder zu schlagen: Knast ist ein Kollaps, der leider immer mehr Menschen droht und wir müssen ehrlich sein und sagen, dass die “legal trainings”, die in aktivistischen Kontexten schon lange Standard sind, nicht immer allen Schutz gewähren und dies verhindern können. Dazu dreht sich die Repressionsspirale in zu absurde Höhen und dazu greifen völlig überzogene Repressionen auch an immer früheren Punkten. Was daraus folgt und somit auch Teil des solidarischen Preppens wird, ist die Notwendigkeit, sich auf Knast so gut es eben möglich ist, vorzubereiten. Es gibt erste Schritte in diese Richtung, es werden Vorträge und workshops angeboten, aber auch intensivere Trainings, die Teilnehmer:innen mit bestimmten Szenarien konfrontieren, die manchmal auch Angehörige und Freund:innen einbeziehen, ebenso wie Psycholog:innen und Anwält:innen. Gerade für Menschen, die sich an Aktionen und Protesten beteiligen, die sich antifaschistisch engagieren, wachsen die Risiken und wir alle sollten deshalb das persönliche Kollapsszenario einer Haftstrafe bewusst mitdenken.

 

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de disrupt! et lancez la conversation.
Adhérer