West-Berlin kurz vor dem Fall der Mauer 1989. Frank Lehmanns Leben ist geprägt von Antriebslosigkeit und Leere, die täglich mit Alkohol gefüllt wird. Der neurotische Endzwanziger jobbt als Barkeeper und kommt so über die Runden. Sein Bekanntenkreis besteht fast ausschließlich aus Alkoholikern. Dann kommt etwas Abwechslung in Franks Dasein, er verliebt sich in die Köchin Katrin, seine Eltern besuchen ihn in Berlin und sein Freund Karl droht am aufreibenden West-Berliner Lebensentwurf zu zerbrechen. Doch der Kreuzberger Kieztrott zwischen Freiheit und Verelendung wird bald ohnehin enden, die Mauer wird fallen und Berlin, Deutschland und Frank Lehmann sich für immer verändern.
Die deutsche Tragikomödie Herr Lehmann aus dem Jahr 2003 wurde von Leander Haußmann inszeniert und basiert auf dem gleichnamigen Romandebüt von Sven Regener, dem Sänger der Band Element of Crime. Die Rolle des Frank Lehmann war für den Hauptdarsteller Christian Ulmen der Durchbruch und markierte seinen endgültigen Aufstieg zum ernstzunehmenden Schauspieler. In weiteren Rollen sehen wir Stars wie Detlev Buck, Katja Danowski, Annika Kuhl, Uwe Dag Berlin, Michael Gwisdek, Karsten Speck und Christoph Waltz. Der Film besitzt einen stimmungsvollen Soundtrack mit Songs von u.a. Element of Crime, Laibach, Nick Cave & The Bad Seeds, Ween und Anita Lane.
Herr Lehmann ist nicht nur ein Film über Berlin und deutsche Geschichte. Für mich ist er vor allem ein Film über Drogen. Er zeigt realistisch, wie das Leben unter Drogeneinfluss erst lustig ist, dann sinnlos wird und letztendlich im Chaos endet. Gute Drogenfilme thematisieren das Spannungsfeld zwischen Hochs und Tiefs, das für einen regelmäßigen Drogenkonsum charakteristisch ist. Das Außergewöhnliche an diesem Drogenfilm ist die Tatsache, dass es hier nicht um das oft verharmloste Cannabis wie in Lammbock (2001) oder um das dämonisierte Heroin wie in Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981) geht, sondern um den Alkohol, die akzeptierteste und gefährlichste Droge von allen. Herr Lehmann steht für mich in einer Reihe mit Berlin-Filmen wie Oh Boy (2012) und Berlin Calling (2008), in denen es auch um Stagnation und die Zerstörung eines Lebens durch Drogenkonsum geht.
Herr Lehmann ist ein gelungener, detailverliebter Film über das Ende West-Berlins als linkem Aussteigermythos und kreativem Hort der Freiheit in den 80er-Jahren. Dabei werden nicht nur politische Gründe für den Niedergang, wie der Mauerfall, identifiziert, sondern vor allem der Alkohol als gesellschaftlich anerkanntes Selbstzerstörungsmittel hervorgehoben.
https://www.imdb.com/de/title/tt0322545/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)