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Wut im Supermarkt

Als ich letztens im Supermarkt meine Artikel aufs Band legte, lief ein Mann mit einer Tüte Milch an mir vorbei: Ob er vor dürfe, fragte er, und hatte den besseren Platz in der Schlange bereits eingenommen. Ihm folgte ein Mann mit einer Pizza. Es ging schnell, und während ich weiter meine Sachen aus dem Korb holte, stieg plötzlich Wut in mir auf. Zwei Männer vor mir, einer hinter mir, dazwischen die Kassiererin, ich und meine Wut.

Warum, so frage ich mich auf dem Nachhauseweg, war ich so wütend geworden?

Lag es daran, dass beide meine Zustimmung zwar formal erfragt – sie aber gleichzeitig vorausgesetzt hatten? Oder ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich nicht schnell genug geschaltet und sie daran gehindert hatte, sich auf meine Kosten einen Vorteil zu verschaffen? Dabei war es mir im Grunde egal. Ich lasse oft Menschen vor, wenn ich viel im Warenkorb habe.

Später wurde mir klar:

Es war eine Art frei flottierende Wut auf Männer.

Einige Stunden zuvor hatte ich von Collien Fernandes und der jahrzehntelangen digitalen sexualisierten Gewalt gegen sie erfahren. Eine Nachricht, die mich in den folgenden Tagen immer fassungsloser machte.

Außerdem hörte ich den Podcast Die Lieblingsschülerin, der dokumentiert, wie drei fünfzehnjährige Mädchen von ihren Lehrern über Jahre missbraucht wurden. Und ich sah die Netflix Mini-Serie Maid, in der Alex mit ihrer Tochter Mady einer gewalttätigen Beziehung entflieht und sich als Hausmädchen durchschlägt. Die Autorin der Geschichte, Stephanie Land, hat es so erlebt.

Not all men, but always a man

Sarah Margaret Qualley, die Alex spielt, ist die Tochter von Andi McDowell.

In Maid gibt es eine Szene, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Alex nimmt im Frauenhaus an einer Gruppentherapie teil. Während der angeleiteten Meditation träumt sie sich auf ein Kanu im Fluss. Erst rudert sie, dann streckt sie sich aus, den Kopf zum Himmel, die Hände gleiten durch das Wasser. Es geht ihr gut, und an diesen inneren Ort wird sie später oft zurückkehren. Als sie ihre Geschichte im Kreis der Frauen erzählt, sagt sie:

Ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass ich heute hier bin.

Hierzu gibt es viele mögliche Antworten. Lag es vielleicht daran, dass ihre psychisch instabile Mutter ihre Uni-Zulassung für den Studiengang kreatives Schreiben unterschlagen hat? Oder daran, dass sich Geschichte wiederholt?

Erst im Laufe der Serie wird Alex klar, dass ihre Mutter Paula ihren Vater verlassen hat, weil auch er Alkoholiker und gewalttätig war. Die Erinnerung an die Flucht als Kind kehrt als Flashback zurück.

Überhaupt: Alex’ Mutter Paula, gespielt von Andie MacDowell. Sie lebt anfangs in einer permanenten Manie in einem Wohnwagen mit ihrem Partner, der sie schließlich um ihr Erbe bringt. Er hat ihr Haus untervermietet, das Geld kassiert und heimlich im Casino verspielt. Als alles auffliegt, sagt er, er liebe Paula doch. Sie verletzt sich daraufhin so schwer, dass sie operiert werden muss und in die Psychiatrie eingewiesen wird.

Wie hatte es so weit kommen können?

Psychologinnen wie Sabine Lück, die sich mit den Auswirkungen transgenerationaler Traumata beschäftigen, würden vielleicht sagen: Es ist die Loyalität zu den Eltern, die uns Menschen unbewusst bestimmt. In dieser Vorstellung aus der systematischen Therapie klebt Loyalität Generationen als machtvoller Treuevertrag aneinander und sorgt dafür, dass Alex sich in einen Alkoholiker wie ihren Vater verliebt. Und er hindert sie daran, ein anderes Leben zu führen als ihre Mutter - etwa, als sich ihr die Möglichkeit dazu mit Mr. Kind bietet. Denn ein besseres Leben zu führen, würde bedeuten, die Mutter innerlich zu verlassen.

Und natürlich haben auch die Eltern Treueverträge, die weit zurückreichen und umaufgelöst fortwirken. Treueverträge im Patriarchat.

Ich denke immer noch.

Durch das Schreiben gewinnt Alex nach und nach ihre Stimme und ihr Selbstbewusstsein zurück. Schließlich ermutigt sie die Frauen aus dem Frauenhaus, ebenfalls zu schreiben. Zum Beispiel über den schönsten Tag, an den sie sich erinnern. Sie sagt:

Das Schreiben kann dir niemand wegnehmen. Niemand kann dir sagen: Das ist falsch, oder deine Worte sind falsch. Denn das sind sie nicht. Deine Worte sind wahr.

Deine Gefühle sind wahr.

Schreiben ist ein Gefäß. Vielleicht eine Vase. Etwas, das halten kann, was sonst leicht zerbricht. Und vielleicht beginnt die eigene Stimme genau dort, wo wir dem inneren Erleben Raum geben.

Darum geht es auch in meinem achtwöchigen Gruppenprogramm The Restful Voice für Frauen im Wandel: Schlafregulation, Hypnose und Schreiben als innerer Kompass – mit der R.U.H.E.-Methode und der anschließenden GLOW-Phase.

Mehr dazu bald.

Und damit hab’ einen wunderschönen Sonntag.

Sujet Nachtpost / Themen-Guide

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