Redaktion free.fem.minds Magazin

Jede dritte Frau erlebt Gewalt. Dieser Satz ist zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen so präsent wie selten. Doch was er bedeutet, wird erst auf den zweiten Blick bewusst. Jede:r kennt Betroffene. Doch was genau zu tun ist, wenn eine von Gewalt betroffene Frau ihr Schweigen bricht, wissen die Wenigsten. Wie reagiere ich richtig? Wie kann ich helfen und welche Herausforderungen gibt es?
Die zunehmende Sichtbarkeit für das Thema Gewalt gegen Frauen baut endlich auch für von Gewalt betroffene Frauen die Hürden ab, darüber zu sprechen. Doch wem sich Frauen anvertrauen, darüber entscheiden oft Sympathie, Situation oder die aktuelle Belastung. Wer vom harten Thema überrumpelt wird, reagiert wahrscheinlich erstmal falsch. Doch was ist richtig und wozu raten Fachstellen? Oft sind es vermeintlich große Schritte, bei denen die Frauen begleitet werden können, manchmal ist der Support aber auch ganz klein. Zum Beispiel die Kinder kurz betreuen, während sie einen wichtigen Termin wahrnehmen muss. Die nachfolgenden Tipps machen – groß oder klein – für von Gewalt betroffene Frauen einen Unterschied.
Mit Vorurteilen aufräumen.
Die Frau, die ja sitzt, wirkt aufgeräumt, steht im Leben, macht vielleicht sogar Karriere, wirkt immer „glücklich". So jemand kann doch kein echtes Opfer sein, oder doch? Männer aller sozialer Milieus schlagen zu und üben schwere psychische Gewalt und Zwangskontrolle aus. Die Männer, die das Haus morgens im Anzug verlassen, genauso wie der beliebte Trainer im Sportverein oder der nette Typ von der Baustelle. Täter finden sich überall und sie alle sehen unterschiedlich aus. Wieso also gilt noch immer die Annahme, dass man es Frauen, die Gewalt erleben, ansehen muss? Betroffene Frauen finden sich im Marketing, in Vorstandsetagen, als Lehrerinnen, Polizistinnen oder Sozialarbeiterinnen. Sie erleben Gewalt, weil Täter im Privaten Gewalt wählen. Und sie bleiben, weil Täter bedrohen, manipulieren und finanzielle Handlungsmöglichkeiten für eine Flucht einschränken. Keine Frau erlebt Gewalt, weil sie das Problem ist. Keine Frau zieht Gewalt an. Deshalb ist es ein fataler Irrglaube zu denken, dass Opfer ein bestimmtes Aussehen oder Auftreten haben. Im Gegenteil: Für Frauen, denen man es nicht ansieht dass sie Gewalt erleben, ist es besonders schwer, sich Hilfe zu holen. Schon alleine deshalb, weil ihnen trotz horrender Zahlen in der Gewaltstatistik einfach nicht geglaubt wird.
Ich glaube dir. Das ist Gewalt.
Diese Sätze, laut ausgesprochen, wirken Wunder. Niemand weiß, was Familien im Verborgenen erleben. Einer betroffenen Frau zu glauben, ist bei bis zu einer Million Betroffenen pro Jahr in Deutschland (Hellfeld und Dunkelfeld) das Mindeste. Glauben heißt auch, aufmerksam und offen zuhören. Die Frauen sprechen lassen und versuchen, keinerlei Bewertung aufzuerlegen. Der Satz „Das hast du nicht verdient", kann Wunder bewirken. Sich öffnen ist mit so viel Scham verbunden für betroffene Frauen. Weil noch immer sie es sind, die stigmatisiert werden, weil man erwartet, dass sie nun in sofortigen Lösungen denken oder, dass sie für die Kinder nicht die Familie zerstören. Auf Frauen liegt der ganze Druck, während es die Männer sind, die zuschlagen.
Zuhören und den Raum halten kann ein erster Moment sein, in der eine Frau erlebt, dass es in Ordnung und sicher ist, ihre Erfahrungen zu teilen. Dass sie nicht bewertet oder verurteilt wird und dass da jemand sitzt, der oder die sicher ist.
Das Hilfetelefon empfehlen.
Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (www.hilfetelefon.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), das rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116 016 zu erreichen ist, is immer die beste Anlaufstelle für von Gewalt betroffene Frauen. Die geschulte Beratung ist in 16 Sprachen und auch erst einmal anonym möglich. Hier können sich Frauen ersten kompetenten, fachlichen Rat einholen. Auch Beratende und Angehörige können hier anrufen und sich selbst Auskünfte und Tipps einholen. Für Frauen hat eine zunächst anonyme Beratung den Vorteil, dass sie zu keinen weiteren Handlungsschritten verpflichtet werden. Man sollte wissen, dass Frauen bei Partnerschaftsgewalt statistisch bis zu sieben Anläufe brauchen, um sich endgültig zu trennen. Nicht weil sie schwach sind, sondern weil Täter hochmanipulativ sind, weil finanzielle Gewalt Frauen an den Täter bindet, weil Täter mit Mord oder Suizid oder Gewalt an gemeinsamen Kindern oder Haustieren drohen .. Es gibt unzählige Gründe mehr, warum Frauen bleiben. Keiner davon ist mit fehlender Courage begründet. Wenn eine Frau weiß, sie kann sich beim Hilfetelefon erst einmal anonym beraten lassen, kann das ein Geschenk sein, sich zu trauen, zum ersten Mal mehr zu erzählen.
Örtliche Hilfestellen empfehlen.
Gibt es einen Frauennotruf in Stadt oder Nachbargemeinde? Welche Vereine bieten Beratungsstellen an? Gibt es ein nahes Frauenhaus? Viele betroffene Frauen haben oft einfach nicht die Zeit oder mentalen Kapazitäten, diese Adressen selbst zu recherchieren. Hinzu kommen Täter, die regelmäßig Handys, Chatverläufe, Browserverlauf und alles Material im Haus dahingehend untersuchen, ob die Frau sich Hilfe holt. Wenn alles kontrolliert und überwacht wird, ist es eine große Hilfe, wenn jemand mit Informationen aushilft.
Beistand leisten.
Zu Terminen mitgehen und sprichwörtlich den Rücken stärken, stärkt betroffene Frauen. Zu Polizei, Spurensicherung, Ärzt:innen, Beratungsstellen – Wer Gewalt erlebt, sollte nicht alle Schritte zum Schutz alleine gehen müssen. Beistand und Begleitung anbieten signalisiert: „Du bist nicht allein".
Nichts verraten.
Nicht Kindern, nicht unsicheren Dritten und nicht dem Täter. Wenn Frauen Kinder über eine anstehende Flucht in ein Frauenhaus oder eine Trennung informieren, ist die Gefahr groß, dass diese sich beim Täter verplappern. Machmal kann das allen das Leben kosten. Leider ist auch nicht jeder Kontakt außen sicher. Der beste Freund des Partners, seine Familie, aber auch Nachbarn oder gemeinsame Freunde stellen unter Umständen ein Sicherheitsrisiko dar, wenn sie ins Vertrauen gezogen werden. Dem Täter gegenüber sollte eine Flucht oder eine Trennung niemals vorher angekündigt werden. Viele Täter drehen dann auf mit großen Gesten und manipulieren die Frauen zum Bleiben, nur um dann noch gewalttätiger zu werden. Andere töten in diesen Momenten in blinder Wut über den Kontrollverlust. Der beste Zeitpunkt zu gehen, ist wenn ein Täter nicht zuhause ist und nicht damit rechnet.
Die Polizei involvieren.
Üben Täter Gewalt aus, dann können betroffene Frauen eine zeitweise Wegweisung durch die Polizei erwirken. Diese erfolgen 24 Stunden bis zu 10 Tage, können aber bei entsprechendem Antrag bei Gericht ausgeweitet werden auf bis zu 6 Monate und mit einem Näherungs- und Kontaktverbot kombiniert werden. Achtung: Bei gemeinsamen Kindern gilt das meist nicht mit für die Kinder und die Betroffene muss dem Täter in einer Vielzahl der Fälle weiter Kontakt zu den Kindern ermöglichen. Auf dieses Sicherheitsrisiko sollten Frauen vorbereitet sein.
Die Last von den Schultern nehmen.
Die Kinder betreuen, zum Spaziergang abholen, etwas zur Post bringen, zum Essen einladen oder auch fragen, was gerade helfen würde, ist echter Support. Oft sind es ganz kleine Dinge, die kurzfristig Luft für Wichtigeres verschaffen und damit einen großen Unterschied für von Gewalt betroffene Frauen machen.
Fluchtorte suchen.
In vielen Fällen müssen Frauen fliehen. Oft dann, wenn der Täter für ein paar Stunden weg ist und die Flucht nicht mitbekommt. Haben Frauen für diesen Ernstfall einen Notfallkontakt, der bereits im Bilde ist, keine langen Erklärungen braucht und sie fährt, die Kinder nachts mit ins Auto packt, ist das Gold wert. Wenn Frauen aus Gewalt fliehen, sind solche Täter zu allem in der Lage. Die eigenen Eltern oder die beste Freundin ist als Unterkunft daher womöglich nicht die beste Wahl, um sich und andere nicht zu gefährden. Stattdessen sollten Frauen eine Unterbringung in einem Frauenhaus in Erwägung ziehen. Unter www.frauenhaus-suche.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) werden deutschlandweit freie Plätze und die entsprechenden Häuser und Kontakte angezeigt. Eine gemeinsame Suche nach der potentiellen Option eines aufnahmefähigen Frauenhauses kann für Frauen ein erster Schritt sein, sich selbst nach dem Gespräch dorthin zu wenden. Sofort oder in ein paar Wochen.
Dokumente sichern.
Den eigenen Pass, die Ausweise der Kinder, Krankenkassenkarten, einen Ordner mit allen wichtigen Verträgen und Unterlagen, wichtige Bankdokumente, den Mietvertrag, den Kaufvertrag fürs Haus – je mehr wichtige Dokumente Frau lückenlos (in Kopie oder im Original) hat, desto sicherer und reibungsloser kann sie sich hinterher vor (finanzieller) Nachtrennungsgewalt und in den Gerichtsverfahren schützen. Es ist logisch: Verlieren Täter den direkten Zugriff, suchen sie nach Wegen, um sich zu rächen. Oft passiert das über die Finanzen. Wer die letzten 12 Lohnabrechnungen des Partners in Kopie besitzt, kann sicherstellen, dass er den regulären Kindesunterhalt leisten muss. Gut zu wissen: 50 Prozent der Trennungsväter in Deutschland zahlen keinen Unterhalt, weitere 25 Prozent tricksen erfolgreich beim Unterhalt und bezahlen weniger als sie müssten.
Fluchttasche denken und packen.
Manchmal fliehen Frauen und Kinder mit dem, was sie bei sich tragen und kommen nie wieder an ihre Gegenstände und Erinnerungen im eigenen Zuhause. Wer sich von einem Täter trennen will, also eine Flucht plant, sollte vorab überlegen, was unbedingt mitmuss. Wichtiges und Unwichtiges. Das liebste Kuscheltier genauso wie alle Dokumente, Handy, Ladekabel und Notebook. Wer Fotoalben oder Erinnerungen retten will, kann sie vielleicht vorher unbemerkt an Dritte geben zum Verwahren. Viele Frauen berichten, dass sie bei einer Flucht alles verlieren, das für sie von Bedeutung war.
Finanzen sichern.
Bei gemeinsamen Konten lassen Täter oft die Konten sperren oder räumen sie leer. Das gilt auch für Konten und Karten von ihr, auf die er Zugriff hat. Vorbereitend sollten gewaltbetroffene Frauen ein kleines Sicherheitspolster auf ein eigenes Konto legen. Manchmal muss der Frauenhausplatz selbst bezahlt werden, manchmal sind ein paar Nächte im Hotel nötig. Häufig verlieren Frauen den Zugriff auf das Familienkonto. Wer kann, sorgt vor. Auch verstecktes Bargeld hilft, sowie die Pins und Zugriffsdaten für Konten und Handy zu ändern.