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Wie Beratende das Gewaltsystem erhalten

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN / Tina Steiger

Wenn Gewaltbetroffene Hilfe suchen, werden sie schnell fündig. Das Netz ist voll mit Angeboten von Coach:innen, Berater:innen, Support-Groups. Auch wer kein staatliches Beratungsangebot nutzt, findet oft schnell jemanden mit dem passenden Angebot.

Im Verlauf der letzten Jahre lässt sich beobachten, wie sich innerhalb dieser Angebote zwei Lager bilden, insbesondere, wenn es um die Beratung gewaltbetroffener Mütter und Kinder am Familiengericht geht. Den einen geht es um Aufklärung über Rechte, Gewaltschutzartikel, die Wahrheit, Misogynie und das große Ganze. Um Mut, um Möglichkeiten und viel Theorie. Das andere Lager verweist auf den Status Quo des Systems, in dem Väter nun mal Rechte haben, Richter nun mal Mütter performen sehen wollen und Jugendämter nur Mütter gutheißen, die sich unterordnen und kooperativ verhalten.

Ich bin selbst in der Beratung, oft ehrenamtlich, und manchmal gerate ich im Gespräch mit betroffenen Frauen zwischen die Fronten. Die der Wahrheit und die der praktischen Umsetzung. Die Komplexität des Themas Gewaltschutz für Frauen ist insbesondere am Familiengericht so erdrückend, dass kein Schwarz-Weiß-Denken möglich ist. Als Frauenrechtsaktivistin und Journalistin, selbst Betroffene, Mutter und Aufklärende bin ich der Wahrheit und dem Streik, dem Aktivismus und der Transparenz näher, als dem Strukturerhalt. Verstehen kann ich die andere Perspektive dennoch. Immer wieder sehe ich Frauen, die ebenfalls aufgrund ihrer eigenen Geschichte beraten. Aber die in erster Linie zur Vorsicht mahnen, zum Schweigen, zum stillen Aushalten. Oft stellt sich mir die Frage, was die treibende Kraft ist. Das eigene Entsetzen und die Erinnerung an die eigenen Grenzen im System? Die Angst um betroffene Mütter, dasselbe zu erleben? Die Überzeugung, dass das System unveränderlich ist? Oder auch die Priorisierung der eigenen Karriere, weil ein Erhalt des Systems auch immer neue (zahlende) Frauen bedeutet? Ich weiß es nicht und möchte vermuten, dass viele Beratende mit eigenen Erfahrungen wirklich nur weitergeben, was ihnen widerfahren ist.

Das System lehrt Frauen, dass nur Schweigen ihre Kinder schützt und dass eine Mutter oft nichts tun kann, als zuzusehen, wie ein Täter alle Unterstützung und Rechte erhält, während sie nach jedem Umgang die Scherben im Kind aufkehrt und froh sein darf, es (vorerst) nicht ganz zu verlieren. Wer könnte es Frauen verdenken, andere Frauen genau darauf vorzubereiten? Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob Beratende, die genau dazu raten, Recht haben. Der Gedanke ist dennoch zermürbend. Stillschweigen soll alles sein, dass Gewaltopfer und Kinder schützt? Von Anwält:innen über Therapeut:innen bis hin zu Coach:innen haben es sich Menschen zum Beruf gemacht, Frauen genau diese Grenzen als Schutz zu verkaufen. Angesichts der Praxis und der Erfahrung von Betroffenen ist das folgerichtig. Aus feministischer, frauenrechtlicher und aus Gewaltschutzsicht fühlt es sich grundfalsch an. Dieses System monetarisiert die Angst und zementiert seinen eigenen Erhalt. Anstelle von Hoffnung wird Resignation verkauft. Aufgeben wird mit Strategie gleichgesetzt.

Das zu ändern, ist nicht primär Aufgabe betroffener Frauen. Jede Frau, die den Schutz ihrer Kinder über Courage priorisiert, hat meine Hochachtung. Das große Problem ist leider zugleich, dass auch Schweigen meist nicht (lange) schützt. Sind Kinder weiterhin von Gewalt und Missbrauch betroffen, türmt sich das Trauma bei ihnen auf oder nehmen Nachtrennungsgewalt und Zwangskontrolle eher zu als ab, dann wird es irgendwann unaushaltbar, sich nicht laut zu wehren. Manchmal ist die Gefahr zu akut für langjährige Strategiespiele. Und oft sind die Voreingenommenheit und Frauenfeindlichkeit der Beteiligten augenscheinlich so viel größer, als ihre Bereitschaft zum Gewaltschutz für Mutter und Kind. Betroffene haben keine Lust mehr auf Styling-Tipps, wie sie bei Gericht möglichst mütterlich rüberkommen und sie bestehen darauf, ihre Täter anzuzeigen und offen abzulehnen. Mütter lernen, dass sie ihre Kinder nicht schützen, wenn sie es sind, die ihnen die Wahrheit verschweigen oder den Täter in Schutz nehmen, wie von ihnen verlangt. Frauen wisse, dass sie sich wehren sollten, auch wenn alle im System ihnen sagen, das sei keine gute Idee.

Der Wandel wird spürbar

Es fühlt sich so an, als stünden wir kollektiv an diesem Punkt. Frauen sehen das System, haben sich jahrelang damit arrangiert, sich eingeordnet und Bereitschaft gezeigt. Und sie sehen, wie das dennoch nur Täter schützt. Immer mehr Frauen wehren sich und der Ton, selbst in der Beratungs-Bubble ist rauer geworden. Die einen verteidigen so vehement den Status Quo. Die anderen ermutigen Frauen zum Risiko des Widerstands.

Meine persönliche Erfahrung ist: Eine Kombination aus einem sehr langen Atem, sich sehr laut, transparent und informiert wehren und immer zuerst auf das eigene Bauchgefühl hören, hilft.
Betroffene Frauen sind zuallererst die Expertinnen ihres Falls. Jede weitere Person kann Information, Fachwissen, Erfahrungswerte hinzufügen. Das große Ganze, die eigenen realen Bedürfnisse, die eigenen Erfahrungen mit dem Täter, die Einschätzung desselben, die persönlichen Belastungsgrenzen und die Bedarfe von Kindern in der Gemengelage der neuen Familienkonstellation können nur Betroffene selbst zuverlässig richtig einschätzen. Das müssen Fachkräfte aushalten lernen. Mehr noch, sie dürfen lernen, Betroffene als Expertinnen im System Gewaltschutz anzuerkennen. Gewaltbetroffene sollten das letzte Wort haben.

Und hier ärgere ich mich über das System. Denn viele Fachkräfte haben – warum auch immer – kein Interesse daran, Gewaltbetroffene auf Augenhöhe zu betrachten. Der Kinderschutz erzählt, was universell wichtig für jedes Kind ist, das Familiengericht erklärt, was unweigerlich zum Kindeswohl gehören muss, das Jugendamt setzt auf Vermittlung, weitere Beteiligte halten sich beim Thema Gewalt wie die drei Affen Augen, Mund und Ohren zu. Betroffene Frauen gehen mit ihrer Geschichte hausieren, werden immer wieder destabilisiert, um eigene Grenzen betrogen und belehrt, andere wüssten nun mal traditionell besser, was richtig ist. Dabei wird betroffenen Frauen so viel Aufwand bereitet, dass sie nicht zur Ruhe kommen, geschweige denn dazu, in sich hineinzuhören, was es denn ist, dass sie im Moment wirklich am Dringendsten brauchen. Doch genau diese innere Stimme liegt meist sehr richtig. Frauen brauchen Wissen, Handlungsmöglichkeiten und dann brauchen sie vor allem eine Wahl. Was sie bekommen ist meist Kritik, Kontrolle und Menschen, die ihren eigene Entscheidungen absprechen.

Doch gewaltbetroffene Frauen finden gute, kindgerechte Lösungen, wenn man sie lässt. Frauen heilen, wenn man auf sie hört, wenn sie sagen, was sie brauchen. Für Beratende heißt das, Frauen helfen anderen Frauen vor allem, wenn sie ihnen die gleiche Autonomie und Entwicklungsfähigkeit zutrauen, die sie sich selbst angeeignet haben. Wenn Sie Wissen mit Mut vermitteln und Frauen auf Augenhöhe anerkennen. Wenn jede Frau nur eine andere Frau begleitet, sich selbst zu retten und ermutigt, das System ein Stück transparenter zu machen, dann ist der Wandel unaufhaltsam.

Für viele klingt das zu abstrakt, zu ideell, doch Wissen und der Mut zur eigenen Stimme waren für Frauen schon immer die beiden Komponenten, die Veränderungen angestoßen haben.

Ein Gedanke zum Schluss: Schwierig wird es, wenn Anwält:innen und Beratende beiden Seiten mit unvoreingenommener Neutralität begegnen. Bei Gewalt ist das schlicht Verrat am Opfer. Für Kinder gipfelt diese Neutralität meist in unterlassender Hilfeleistung, wenn Gefahren benannt und dokumentiert sind und dennoch nicht für einen Umgangsausschluss ausreichen sollen. Einen ausführlichen Text zu dieser komplexen Problematik im Gewaltschutz, die sich aus der Allparteilichkeit im Hilfesystem ergibt, gibt es in dieser Ausgabe im 3. Teil der Reihe zu Coercive Control.

Rechtsbeiständ:innen und Sachbearbeiter:innen im Kontext der Verfahren müssen sich aus Sicht Betroffener fragen, ob sie mit ihrer Neutralität in erster Linien dem System oder gewaltbetroffenen Opfern dienen wollen. Wer im System tätig ist, hat die Möglichkeiten, es verhältnismäßig risikoarm mit zu verändern. Wer das nicht will, weil es Ansehen, Klienten oder den eigenen Status kosten könnte, sollte sich wenigstens bewusst machen, dass gewaltbetroffene Frauen und Kinder durch fehlenden Schutz mit gravierenden Folgen konfrontiert sind, sie Sicherheit, Gesundheit, Familiensituation und manchmal sogar das eigene Leben verlieren. Neutralität kann hier schnell zum Täterschutz werden.

Sujet Stimme gegen Gewalt

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