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Haarige Angelegenheiten

Von Hasnain Kazim - Manuel Neuer / Medien / Dunja Hayali / Nutztier Frau Dr. Bohne

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Woche war ich wieder kurz in Deutschland, diesmal auf Einladung der Deutschen Fußball Liga, um einen Vortrag bei einer Veranstaltung von deren Stiftung im Frankfurter Literaturhaus über die Frage zu halten, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und was wir zur Gestaltung einer solchen Wunschgesellschaft beitragen können.

Mein Sohn ging davon aus, dass dort lauter Fußballstars zuhören würden. Er, der nicht mitreisen konnte, weil er zur Schule musste, war aufgeregter als ich. Vor allem begeisterte ihn die Vorstellung, sein Schutzheiliger Manuel Neuer könnte im Publikum sitzen und mir zuhören, aber leider war der nicht da. Und so konnte ich auch nichts von Neuer ergattern, was im Anschluss in Wien unseren häuslichen Manuel-Neuer-Schrein schmücken könnte, aber mir wurde signalisiert, man werde den Wunsch an entsprechende Stelle weiterleiten, und vielleicht ließe sich da doch etwas machen…

Ansonsten hat mich die zu dieser Jahreszeit leider übliche und in meinem Umfeld weit verbreitete Erkältung (Österreichisch: Verkühlung) erwischt, weshalb ich ein wenig kränkele. Frau Dr. Bohne macht auch einen schlappen Eindruck. Da hilft nur: viel trinken (ich: Tee, Böhnchen: Wasser).

Es haben mir viele Menschen zu unterschiedlichen Themen geschrieben, und ich habe alles gelesen und zur Kenntnis genommen, herzlichen Dank! Und ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht allen antworten konnte, da ich, wie gesagt, unterwegs war und anschließend etwas schwächelte. Ich weiß die Zuschriften aber sehr zu schätzen! Danke auch ganz besonders an alle, die die “Erbaulichen Unterredungen” mit einem finanziellen Beitrag unterstützen - das hilft sehr, Zeit entsprechend freizuhalten für die Arbeit hieran!

Was les ich nur, was hör ich bloß?

In einer Zuschrift fragte mich diese Woche jemand, welche Medien ich eigentlich konsumiere und welche ich empfehle. In einer anderen Zuschrift wurde mir vorgehalten - jedenfalls klang ein leicht vorwurfsvoller Ton durch -, ich sei “viel zu konservativ”, und man wolle doch gerne wissen, mit “um Himmels willen welchen Leuten” ich zu tun hätte, dass ich so ticke.

So, wie ich Wechselwähler bin - ich habe, seit ich wählen darf, bereits CDU/CSU, FDP, Grüne und SPD gewählt, das ist hier eine rein alphabetische Reihenfolge -, bin ich Wechselnutzer von Medien. Die “Süddeutsche Zeitung” lese ich immer gerne, den “Spiegel” als meinen langjährigen Arbeitgeber natürlich auch, ich mag aber auch die “Zeit”, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und die “Welt”. Die “NZZ” und die “taz” lese ich als Gegenpole sehr gerne. In allen finde ich super Geschichten, manchmal ärgere ich mich über Zeug, das dort veröffentlich wird. Letzteres vor allem über fast alles, was sie auf Instagram anpreisen. Ist vielleicht auch eine Altersfrage.

Ich empfehle, Medien zwecks Erweiterung des Horizonts immer mal zu wechseln. Und gerne auch etwas zu lesen, hören, schauen, was so gar nicht der eigenen Meinung entspricht. Das eine oder andere Wurstblatt zum Beispiel, in dem man schaudernd-angewidert albernste Ideologien lernen kann. Um sich danach daran zu reiben und darüber nachzudenken, ob der andere nicht vielleicht doch recht haben könnte. Beziehungsweise wie man das eigene Denken derart schärfen könnte, um die Differenzen so präzise wie möglich herauszuarbeiten. Macht oft Spaß, finde ich.

Bei Radio und Fernsehen ist es ähnlich wie bei Print und Online: Ich höre und schaue alles Mögliche.

Diese Woche stieß ich auf einen Kommentar in der “Welt” von “Welt am Sonntag”-Chefredakteur Jacques Schuster (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), in der er in der Überschrift fragt: “Liebe LGBTQ - geht es ein wenig leiser?” Ich wurde auf den Artikel aufmerksam, weil sich viele in den “sozialen” Medien über den Text aufregten, manche ihn aber auch lobten. Er wurde jedenfalls viel diskutiert.

Mich erinnerte das an ein Gespräch, das ich mit Teenagern in Baden-Württemberg geführt hatte, als ich mit dem Fahrrad den Neckar entlangfuhr: Sie fanden, dass die “Regenbogenfahne überall” nervig und es nun auch mal gut sei. Sie fanden, viele Promis fänden nur noch wegen ihres Genders Aufmerksamkeit. Wir diskutierten darüber, auch über Diskriminierungen und darüber, dass Homosexualität in Deutschland offiziell erst 1969 entkriminalisiert und dass der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch erst 1994 komplett gestrichen wurde und man zum Beispiel aus der Bundeswehr entlassen wurde, wenn bekannt wurde, dass man homosexuell war. Ich bin froh, dass wir im Jahr 2025 so etwas nicht mehr haben, auch wenn Diskriminierungen nach wie vor nicht verschwunden sind. Dass einen die Präsenz, die Lautstärke, “die Wucht, mit der man täglich mit LGBTQ-Themen belämmert wird”, um Schusters Worte zu wählen, nerven können - okay, der Ansicht kann man sein. Vielleicht ist diese Wucht aber manchmal notwendig, um Dinge in Bewegung zu setzen. Ich finde, man kann beide Perspektiven stehen lassen, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

Schwierig ist in diesem Feld auch, dass Dinge in diesem Feld, die einen nerven, sehr einseitig oder nur von einer bestimmten Gruppe thematisiert werden. Erinnern Sie sich daran, dass im Frühsommer 2024 an einer Münchner Schule eine “Drag-Lesung” für Kinder stattfinden sollte? Proteste gab es dagegen aus der CSU, von den Freien Wählern und von der “AfD”. Vor allem wegen Letzterer mochte man sich kaum an der Kritik beteiligen. Aber als ich las, dass der “Drag-King”, der eingeladen war, “Eric Bigclit” heißt, “Bigclit” als Bezug zu “Großer Klitoris”, hätte ich als Elternteil auch Fragen und wüsste doch sehr gerne, was genau da vorgelesen werden soll und welche Inhalte vermittelt werden sollen. Mir wurscht, ob das „konservativ“ ist.

Den “Welt”-Kommentar von Schuster habe ich natürlich in Gänze gelesen, im Gegensatz zu manchen, die ihn öffentlich kommentierten, und auch wenn ich verstehe, dass man wie die Schüler im Ländle genervt sein kann von dem Thema, finde ich den Ton des Textes eher, na ja… Er schreibt vom “Zungenbrecher ElDschiBiTiKiu”, und das ist so ein peterhahnehafter Humor, für Typen in der Kneipe, die sich auf lächerliche Weise auf die Oberschenkel klopfen und über ihren eigenen Witz grotesk laut lachen. Aber auch das ist vielleicht eine Altersfrage.

Ich sah diese Woche auf Instagram einen Ausschnitt aus einer Talkshow, bei der die in Berlin lebende französische Autorin und Aktivistin Emilia Roig für eine “Abschaffung der Ehe” plädiert, weil die Ehe Beziehungen normiere und Sexualität, Besitz und Arbeitskraft kontrolliere. Außerdem sei sie ein Ausdruck des Patriarchats und des Kapitalismus, also eine geradezu patriarchale, kapitalistische Institution. Ich habe im Anschluss nachgeschaut und gesehen, dass sie darüber im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlich hat. Also, ich finde Ehe eine ganz okaye Sache. Etwa die Hälfte der Ehen enden zwar in Scheidung, aber da fände ich eher gut, dieses “Bis dass der Tod euch scheidet”-Denken zu ändern, nicht aber gleich die Ehe abzuschaffen, denn meist hatten die Menschen ja doch eine gewisse Zeit lang eine gute Zeit miteinander. Was Roig da erzählte, mit Allgemeingültigkeitsanspruch, große Güte…

Ich hörte einen Podcast, in dem “Zeit”-Journalist Bernd Ulrich mit einer Dringlichkeit dafür plädiert, sofort, aber wirklich sofort! auf eine vegane Lebensweise umzustellen, dass ich mir dachte: Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Zielführend in der Sache mag das sein, es gibt jedenfalls sehr überzeugende Argumente dafür, die landwirtschaftliche Tierhaltung drastisch zu reduzieren, um dem Klima zu nützen. Aber überzeugt man Menschen mit dieser Vehemenz, seinem Beispiel zu folgen? Nach dem Motto: ‚Anders als ich habt ihr alle es nur noch nicht kapiert!‘? Ich weiß nicht.

Als ich danach einen Radiobeitrag eines Journalisten hörte, dessen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und der selbst in Deutschland geboren ist, der sich darüber beschwerte, dass er ständig gefragt werde: “Woher kommst du eigentlich?”, fing ein Augenlid von mir an zu zittern. Ich erwartete ein bestimmtes Wort, wartete ein paar Sekunden, noch ein paar Sekunden, und dann fiel es: Diese Frage sei “Rassismus”, ja “rassistisch”, wenn auch “gut gemeinter Rassismus”. Und da schaltete ich, der ich gerne gefragt werde, woher ich komme, und gerne selbst frage, woher jemand kommt, das nennt man nämlich Interesse am Mitmenschen, jedenfalls in 999 von 1000 Fällen, das Radio aus, klickte Instagram weg, schlug die Zeitungen zu und dachte mir: Ich geh lieber mit Frau Dr. Bohne eine Runde Gassi.

Der Unterschied zwischen Kritik und Morddrohung…

Die Journalistin Dunja Hayali hat meine volle Solidarität. Ich lese an mehreren Stellen, wo sie zitiert wird mit der Aussage, Meinungsfreiheit bedeute nicht Widerspruchsfreiheit, nicht Kritikfreiheit, und wer etwas sage, müsse eben auch mit Gegenworten rechnen. Das wird hämisch und spöttisch dargebracht, „warum beschwert sie sich jetzt?“ et cetera bla bla.

Aber das ist dummes Zeug.

Ich kenne Dunja seit einigen Jahren, wir sind sicherlich nicht in allem einer Meinung (Mit wem ist man das schon? Ich bin ja nicht einmal mit mir selbst immer einer Meinung...). Aber ich kenne kaum eine Person, die so offen für Kritik ist, die sich so intensiv auseinandersetzt mit dem, was man an Widerspruch vorbringt, die zuhört und ihre eigene Position überdenkt. Oder auch am Ende sagt: Nein, ich bleibe bei meiner Meinung, das, was du sagst, überzeugt mich nicht. Und die aber nicht beleidigt ist, wenn man ihr widerspricht. Anders als manch andere, steckt sie nicht in Schubladen. Und schon gar nicht redet sie nicht mehr mit einem, weil man tatsächlich oder vermeintlich einem anderen Lager angehört.

Natürlich kann man die Aussage, wie sie sie zum ermordeten Charlie Kirk gemacht hat, kritisieren, sich eine andere Formulierung wünschen. Natürlich hätte sie sich Kritik dazu angehört (und tut es ja auch).

Aber was geschah, ist, dass ihre faktisch korrekte Aussage aus dem Zusammenhang gerissen wurde, es wurde ein wesentlicher Satz weggeschnitten, es wurde bewusst ein falscher Ton reingebracht und Hass geschürt. Und was dann kam, war keine Kritik, kein Widerspruch, sondern es waren: Gewaltfantasien, Morddrohungen, Hinrichtungsvorstellungen, Vergewaltigungswünsche.

Meinungsfreiheit geht auch mit einer Verantwortung einher. Hass und Hetze sind von Meinungsfreiheit nicht gedeckt, wobei ich schon sehe, dass mittlerweile schon ein falsches Wort, eine schlechte Formulierung, ein blöder Witz, eine politisch nicht genehme Haltung als „Hass und Hetze“ diffamiert werden. Da müssen wir besser aufpassen - und widersprechen.

Aber hier gibt es überhaupt keinen Zweifel: Wer das, was Dunja jetzt abbekommt, noch als „Kritik“ und „Widerspruch“ bezeichnet und für irgendwie legitim erachtet, als „von der Meinungsfreiheit gedeckt“, der hat sie nicht mehr alle. Und ich hoffe sehr, dass diejenigen, die so etwas geschrieben haben, juristische Konsequenzen zu spüren bekommen.

Vom Nutzen des Hundes

Eine Leserin schreibt mir bezüglich meines Hundes Frau Dr. Bohne und fragt, ob ich sie denn “zum Jagen nutze”. Schließlich sei mein Hund “doch ein Jagdhund, und der muss doch auch seiner Natur entsprechend Verwendung finden”. Sie fragt auch, ob ich ihn “ansonsten anderweitig” einsetze.

Nun, die Leserin hat völlig recht: Deutsche Jagdterrier sind, wie ihr Name schon sagt, Jagdhunde. Sie wurden vor gar nicht so langer Zeit eigens zu diesem Zweck gezüchtet, und wenn man bei heutigen Züchtern nachfragt, so sagen sie, dass sie ihre Hunde tatsächlich nur an Jäger abgeben. Das ist, alles in allem, richtig und gut so. Gut für die Hunde. Wenn man ein Tier zu sich nimmt, gehört zur Verantwortung, die man damit übernimmt, dass man nicht nur für dieses Lebewesen sorgt, sondern es auch artgerecht hält. Ein Jagdhund muss zwar nicht unbedingt jagen, braucht aber viel Auslauf.

Frau Dr. Bohne ist überwiegend Deutscher Jagdterrier, es steckt aber auch ein wenig Rauhaardackel in ihr, was ihren Jagdtrieb nicht unbedingt mindert, im Gegenteil. Der Punkt aber ist: Sie wurde im Sommer 2022, etwa ein Jahr alt zu dem Zeitpunkt, einfach an der Autobahn ausgesetzt. Und das Tierheim, wo sie von einem Finder abgegeben wurde, gab sie uns. Natürlich wäre es schön gewesen, ein Jäger, eine Jägerin hätte sie adoptiert oder wenigstens jemand mit großem Haus auf dem Lande. Aber letztlich waren wir uns einig: Besser bei uns als noch sehr viel länger im Tierheim, obwohl wir in der Stadt leben.

Und so gehen nun eben wir mit ihr auf die Jagd. Zwar nicht nach Tieren, aber nach schönen Erlebnissen. Manchmal tut sie mir ein bisschen leid, wenn sie - immerhin voller Freude - irgendwelchen Fliegen und Mücken hinterherjagt. Dann denke ich: Ach, mein armes Hündchen, du könntest Großwild jagen, Löwen, Elefanten, Dinosaurier, aber musst dich mit Insektengetier abgeben! Ich glaube aber, alles in allem passt das so schon für alle Seiten.

Was das “anderweitige Einsetzen” angeht: Es ist so, dass ich bis vor drei Jahren hin und wieder Ärger bekam, weil in der Wohnung angeblich immer mal hier und da schwarze Haare von mir zu finden waren. Seit wir Frau Dr. Bohne haben, verliere ich quasi über Nacht kein einziges Haar mehr! Das Haus ist jetzt zwar immer noch voll mit Haaren, zeitweise sogar büschel-, ach was, ballenweise - aber das sind die Haare von Böhnchen! Jedes Haar, das nun im Haus zu finden ist, ist von ihr, nicht von mir! Sie hat also die komplette Haarverschmutzungsverantwortung übernommen, und das ist doch, finde ich, eine schöne Aufgabe für einen Hund.

Mein Rat: Sollten Sie sich einen Hund zulegen, nehmen Sie einen mit ihrer eigenen Haarfarbe.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche und sende herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

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