Was macht ein Gespräch zu einem guten Gespräch? Wenn ich Talkshows schaue, fühle ich mich manchmal, als würde mir jemand einen Bernhardiner mit einer Feder im Haar als Huhn verkaufen wollen. In Talkshows gibt es kaum Gespräche, die diesen Namen verdient haben, beim besten Willen nicht. Da herrscht das gegenseitige Monologisieren, gewürzt mit permanenten Unterbrechungen, Themensprüngen, Verwechslung von Meinungen und Fakten, false balancing und ungeprüften Falschaussagen. Am Ende schneiden die Gäste dann ihre Antworten zu passenden Schnipseln auf „Social Media“, verzerren dabei den „Gesprächsverlauf“ und reißen Aussagen aus dem Kontext. Ehe man auf diesem Weg ein konstruktives Gespräch führt, legt der Bernhardiner ein Ei. Eine derart schlechte Karikatur von „Gesprächen“ wird uns nun aber allabendlich als politische Debatte verkauft. Im schlimmsten Fall sehen das die Zuschauenden nicht nur als Vorbild für angemessenes Kommunikationsverhalten, sondern verwechseln das Einschalten einer Talkshow mit politischer Beteiligung. Das ist natürlich beides eine Täuschung. Das merken wir spätestens daran, dass wir in einem echten Gespräch mit Talkshowmethoden keinen Austausch erreichen, sondern am Ende beide frustriert, irritiert und ratlos sind. Nehmen wir also erstmal den Druck raus, finden einen anderen Ort und eine andere Gesprächstradition.
Der Palaverbaum bietet sich da an. Dabei handelt es sich um eine in zahlreichen Ländern in West- und Zentralafrika übliche Tradition: Eine Dorfgemeinschaft versammelt sich unter einem markanten Baum, oft ein Baobab, Feigen-, Mango- oder Irokobaum. Dort treffen die Dorfbewohner gemeinsame Entscheidungen oder schlichten Streitigkeiten. Es ist aber vor allem auch ein Ort, an dem sie Geschichten austauschen, sich erzählen, was so passiert ist und wie es den Menschen geht. Es ist ein Freiraum, in dem sie sich durch Sprache verbinden, auf vielen Ebenen und ohne Druck oder ein anderes Ziel. Es geht nicht mal primär um den Austausch von Informationen, sondern um das Leben als soziale Wesen.
Eigentlich erstaunlich, dass wir in Mitteleuropa und generell in den westlichen Ländern inzwischen davon ausgehen, dass unsere Communities ohne solche Schnittstellen und gemeinsame Check-Ins funktionieren könnten, oder? Das war auch nicht immer so, denn auch bei uns traf man sich früher regelmäßig als Dorfgemeinschaft. Schon bei den Germanen tagte man bei einem „Thing“ und auch das fand oft unter einem Baum statt. Am häufigsten war es eine Linde – die Tradition, sich dort auszutauschen, die Gemeinschaft zu stärken, aber auch Recht zu sprechen oder zu vollstrecken, gibt es schon lange nicht mehr. Aber die Gerichtslinden, die man durchaus als Vorläufer heutiger demokratischer Institutionen wie Gerichten und Parlamenten betrachten kann, stehen in vielen Städten noch. In Göttingen zum Beispiel steht die Gerichtslinde seit über 400 Jahren, ich habe sie neulich besucht, ein beeindruckender Baum mit einem offenem Stamm. Leider hat inzwischen jemand eine vierspurige Straße direkt daneben gebaut. Die Linde und ich verurteilen das, ganz demokratisch. Wie soll man denn da in Ruhe palavern? Dabei hilft uns nicht nur das Erzählen, sondern auch das Zuhören: „Der Zuhörer ist ein Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet. So kann das Zuhören heilend sein“, schreibt Byung-Chul Han. Dadurch können wir der „Individualisierung des Leidens“ entgegenwirken und am Leben der Anderen teilnehmen, ich würde sagen: Zusammen leben. Hier liegt die politische Dimension des Zuhörens, denn Empfänglichkeit ist die Voraussetzung zur Erreichbarkeit. Und Erreichbarkeit braucht jede Verbindung. Nehmen wir uns an.
Wenn wir unser Wissen als statisch betrachten, wirkt Kritik schnell feindselig und wir vergeben die Chance, in einem Gespräch etwas zu lernen. Dabei hat schon Epikur erkannt: „Bei einem argumentationsfreudigen Streitgespräch erreicht der Unterlegene mehr, insofern er etwas dazulernt.“ Unrecht zu haben und das zu erkennen, ist trotzdem nichts, nach dem wir streben. Wir halten gern an Altem fest, weil es uns Sicherheit verspricht. Psychologen nennen das Status-Quo-Bias. Doch dass statisches Denken in einer sich schnell ändernden Welt keine idealen Ergebnisse produziert, sollte allen klar sein. Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner hat ausgearbeitet, wie dann noch der Impact Bias dazu kommt, der uns die Folgen einer kommenden Situation besonders dann überschätzen lässt, wenn wir sie als negativ betrachten. Noch eine Prise Verlustaversion dazu und fertig ist die komplette geistige Unbeweglichkeit. Dabei wissen wir aus der Forschung, dass Neuroplastizität in jeder Lebensphase gegeben ist – das ist akademisches Deutsch für: Wir lernen immer dazu, vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens. Auch, wenn man es manchen Menschen nicht sofort anmerkt.
Textausschnitt aus:
„Zusammenhaltestelle“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – Sebastian 23, bene Verlag, 2026

Foto: Martin Steffen
Sebastian 23 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist ein Autor, Bühnenmensch und Aktivist aus Bochum. Vor 25 Jahren begann er, auf Poetry Slams aufzutreten und hat die deutschsprachige Szene mitgeprägt. Nach und nach nahm er Elemente aus Kabarett, Comedy und Liedermacher mit auf und veröffentlichte seit 2008 insgesamt 15 Bücher, darunter den Spiegelbestseller „Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später“. Nebenher schreibt er auch für andere – so sind Songtexte von ihm z.B. auf Alben von Clueso und Deichkind zu finden. Im März 2026 startete er gemeinsam mit Marc-Uwe Kling, Sarah Bosetti und hunderten anderen Menschen das Internetformat „Fun Facts (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“. Gelegentlich hat Sebastian 23 auch schon mal einen Preis gewonnen, zuletzt den „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für Aufrechte Literatur 2023 “ und den „Deutschen Kabarettpreis 2024“.
All diese Dinge wissen allerdings nicht so viele Menschen – die meisten Leute kennen ihn nur als „mondschaf23 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“. Unter diesem Namen veröffentlich er seit 2021 täglich Beiträge auf Social Media und erreicht so Hunderttausende. Irgendwie ironisch, oder?