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Der Wald „waldet“, der Hügel „hügelt“ und das Meer „meert“. Was es mit diesen Formulierungen auf sich hat, und was sie mit Demokratie und Handlungsfähigkeit zu tun haben, darum geht es in dieser Ausgabe.
Seit einiger Zeit beschäftigen mich zwei Fragen: Was kann ich angesichts von Kriegen, anhaltender Umweltzerstörung und wachsender Ungleichheit tun? Wie gelingt es mir, das Wohl von Mensch, Tier und Planet mehr in meinen Fokus zu rücken?
Eine inspirierende Antwort habe ich in einem kleinen Buch gefunden, das mir vor einigen Wochen in die Hände fiel. Ich stelle es hier vor und mache die Kernidee, wie gewohnt, mit einer Inner Work spürbar.
Eine Sprache des Lebendigen
Das Buch heißt The Democracy of Species (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), geschrieben von Robin Wall Kimmerer, einer US-amerikanischen Botanikerin, Professorin der State University of New York, Direktorin des Center for Native Peoples and the Environment und Angehörige der Potawatomi Nation, einer indigenen Bevölkerungsgruppe im Gebiet der Great Lakes. Es hat nur 88 Seiten, aber meine Weltsicht grundlegend verändert. Wall Kimmerer beschreibt darin, wie sie mühsam die Sprache ihrer Volksgruppe lernt. Sie spricht kein Potawatomi, weil es der Generation ihres Großvaters verboten war, es zu sprechen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Beim Lernen begegnet Wall Kimmerer einer Schwierigkeit dieser indigenen Sprache, die heute weltweit von nur noch neun Menschen muttersprachlich gesprochen wird: Etwa 70 % der Wörter sind Verben. Im Vergleich dazu hat Englisch laut Wall Kimmerer nur ca. 30 % Verben, dafür aber 70 % Substantive, Adjektive und anderen nicht-verbale Wortarten. Im Deutschen ist das auch so. Für viele der Verben, die es in Potawatomi gibt, lassen sich weder auf Englisch noch auf Deutsch Übersetzungen finden. Diese Worte existieren einfach nicht.
Das liegt daran, dass Englisch und Deutsch einer Objekt-Logik folgen: „Dort steht ein Baum.“ Der Baum ist das Objekt. Er ist ein Gegenstand. Aus der Grammatik geht nicht hervor, dass er lebendig ist. Natürlich wissen wir, dass ein Baum lebt, im Herbst verliert er Blätter und im Frühling beginnt er zu blühen. Doch im Satz „Dort steht ein Baum“ ist der Baum einfach nur ein lebloses Ding, das irgendwo steht, genauso wie ein Auto, ein Windrad oder ein Strommast.
Der große Unterschied in der Potawatomi-Sprache, wie in vielen indigenen Sprachen, liegt darin, dass der Baum bereits sprachlich als lebendiger Prozess erscheint: Der Baum „baumt“. Er ist lebendig. Er macht lebendige Dinge, nimmt Wasser durch die Wurzeln auf, betreibt Photosynthese in den Blättern und tauscht Botenstoffe mit anderen Bäumen aus. Er ist ein Lebewesen und das ist den Potawatomi (wie vielen anderen indigenen Völkern) jederzeit bewusst, weil es ihre Sprache so ausdrückt.
Und weil er ein Lebewesen ist, begegnen ihm die Potawatomi mit Respekt. Dieser Respekt zeigt sich auch darin, dass die Potawatomi den Wald nicht als Ressource verstehen, aus der man sich jederzeit bedienen kann, und auch nicht als Objekt, das man erhalten will. Der Wald ist für sie ein Lebewesen, bei dem sie sich fragen, was es braucht, so wie wir uns um das Wohlergehen eines Menschen sorgen, der uns wichtig ist. Statt als Objekt zu gelten, dem wir überlegen sind, wird der Wald als gleichwertiges Lebewesen auf diesem Planeten gesehen. „Was können wir dem Wald geben?" und „Was können wir für den Wald tun?" sind daraus resultierende Fragen.
Der Wald „waldet“
So wie der Wald „waldet“, „hügelt“ der Hügel und „buchtet“ die Bucht. Wall Kimmerer übersetzt diese Verben ins Englische als to be a forest, to be a hill und to be a bay (ein Wald sein, ein Hügel sein und eine Bucht sein). Da Menschen imaginationsbegabte Wesen sind, können wir uns auch das „Bucht-Sein“ vorstellen. Eine Bucht zu sein hieße zum Beispiel, der Behälter für Wellen zu sein, Fische zu beherbergen, im Sonnenlicht zu schimmern und nachts das Licht des Mondscheins zu spiegeln.
Und „ein Wald zu sein“ bedeutet, im Herbst die Farben der eigenen Blätter zu verändern, im Winter ganz karg zu werden, im Frühling Knospen zu bilden und im Sommer die saftigen Blätter im Wind wehen zu lassen.
Wer so spricht wie die Potawatomi, begreift die Welt also nicht als Ansammlung von Gegenständen, aus der man sich nach Gutdünken bedienen kann. In einer Welt voller Lebewesen sind wir nur eines von vielen.
Eine Welt voller Beziehungen
Die Welt ist damit anders, als wir sie mit unserer deutschen Sprache üblicherweise verstehen. Sie ist lebendig, vergänglich und relational. Wer auch nicht-menschliche Lebewesen als gleichwertig betrachtet, lebt in einer Demokratie der Arten, wie Wall Kimmerer schreibt.
Die Potawatomi-Perspektive lädt dazu ein, unsere eigene Sicht zu erweitern. Ich bin überzeugt, dass eine so verstandene, demokratische Welt anders aussähe. Wer einen Wald als Lebewesen begreift, trifft vermutlich nachhaltigere Entscheidungen als jemand, der ihn als Holzlager betrachtet. Das gilt für den Umgang mit Tieren genauso wie für Böden, Gewässer und ganze Ökosysteme. Die Verbundenheitsforschung legt nahe: Menschen, die sich als Teil der Natur erleben, verhalten sich weniger aggressiv und treffen kooperativere Entscheidungen.
Damit will ich die indigenen Lebensweisen nicht verklären. Auch in indigenen Gemeinschaften gab und gibt es Gewalt. Aber die Vielfalt von Sichtweisen bereichert allgemein und kann eine neue Handlungsmöglichkeit eröffnen. Darauf ist die Demokratie angewiesen und auch für unser mentales Wohlergehen ist es förderlich, gelegentlich eine neue Perspektive einzunehmen.
Für diesen Zweck habe ich die folgende Inner Work entwickelt. Die Inspiration stammt aus Robin Wall Kimmerers Buch, die Methodik aus der Prozessorientierten Psychologie nach Arnold Mindell. Du brauchst einen ruhigen Ort und Stift und Papier.
„Being Nature“ Inner Work
1. Was ist eine Herausforderung, vor der du gerade in deiner Arbeit stehst? Was ist daran die Schwierigkeit? Mach dir eine Notiz dazu. Lege sie dann beiseite. Wir kommen später darauf zurück.
2. Welcher Teil der Natur, den unsere Sprache als Objekt behandelt, ist durch die extraktive Lebensweise unserer Gesellschaft gefährdet? Zum Beispiel Wildtiere, Wälder, Meere, Böden… Wähle einen „Gegenstand" aus. Stell dir vor, was mit ihm gemacht wird: Wälder werden abgeholzt, Bäume gefällt, Plastikflaschen ins Wasser geworfen, dreckiges Abwasser ins Meer gekippt, Tiere getötet, Böden versiegelt und zubetoniert.
3. Mach eine Handbewegung, die diese negative Tätigkeit widerspiegelt. Beobachte, wie du diese Bewegung machst und lass dir ein Wort einfallen, das sie beschreibt. Das ist Bewegung 1.
4. In diesem Schritt wechseln wir die Perspektive. Statt als Ding stellen wir uns diesen Teil der Natur als Lebewesen vor: der Wald waldet, das Meer meert, der Hügel hügelt, etc.. Stell dir das vor, versetze dich hinein und mach auch hier eine Bewegung, ganz intuitiv, die wiederspielt, wie du dich dabei fühlst, wenn du dieser Teil der Natur bist. Welche Qualität hat das? Damit haben wir Bewegung 2. Finde auch hier ein Eigenschaftswort zur Beschreibung.
5. Entspanne dich etwas mehr. Reise innerlich ins Weltall und blicke auf die Erde, wie die Mondmission von Artemis II das auch kürzlich fotografisch gezeigt hat. Blicke auf die Erde von außen, diesen wunderschönen und wundervollen Planeten.
6. Jetzt verbinden wir Bewegung 1 und Bewegung 2. Das geht so: Mach zuerst die erste Bewegung und dann die zweite. Mach wieder die erste für einige Sekunden, dann wieder die zweite. Wechsle hin und her, bis eine neue dritte Bewegung entsteht. Das ist nicht kopfgesteuert, sondern intuitiv und körperbasiert.
7. Während du diese dritte Bewegung machst, beobachte dich: Was machst du gerade? Wie fühlst du dich? Wie fühlt sich dein Körper an? Lass ein Eigenschaftswort auftauchen, das die Qualität dieser Bewegung und dieses Zustands beschreibt. Mach dir dazu eine kurze Notiz.
8. Nun erinnere dich an die Herausforderung von Schritt 1. Stell dir vor, dir gegenüber sitzt du selbst, vor dieser Herausforderung. Aktiviere nun den neuen, dritten Zustand aus Schritt 7 und interagiere mit dir selbst. Was sagst du dir, wenn du mit diesem dritten Zustand auf dich selbst blickst? Was fällt dir ein, wenn du mit diesem neuen Zustand verbunden bist? Welche Botschaft oder Aufforderung hast du für dich?
Anmerkungen zur Inner Work:
Mit dem neuen, dritten Zustand erreichst du temporär einen innerlich demokratischeren Zustand. Denn er bringt eine neue Perspektive, erweitert deine Sicht auf die Herausforderung und erhöht deine innere Vielfalt.
Diese Art von Inner Work ist eine Antwort auf die eingangs formulierten Fragen nach dem Umgang mit Kriegen, Umweltzerstörung und wachsender Ungleichheit. Sich auf die Welt zu beziehen und sie als Demokratie der Lebewesen zu erfahren, das lässt uns Verbundenheit spüren und wirkt zugleich entspannend und stärkend auf unsere mentale Befinden. Und sie verschiebt unseren Wahrnehmungsfokus auf das Lebendige, statt uns von den täglich schlechten Nachrichten ablenken zu lassen.
Ich bedanke mich bei dir, dass du bis hierher gelesen hast und hoffe, dass du die Inner Work als bereichernd erlebt hast. Die folgenden Veranstaltungen bieten weitere Möglichkeiten, sich als mehr mit der Welt in Beziehung zu erleben. Ich würde mich freuen, dich bei einer der Veranstaltungen persönlich zu begrüßen.