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Nach der Wut

Kann es sein? War Wut eines der großen Versprechen an meine Generation, die Millennials? Endlich durften Frauen* wütend sein. Wir sprachen über Wut und darüber, wie wütend wir sind oder sein müssten, ermutigten andere zu Wut. Dieses unangenehme Gefühl – endlich durften wir es haben, es verbalisieren, es rauslassen. In Artikeln und Ratgebern konnten wir nachlesen, wie es sich anfühlen würde, wie wir dabei atmen, schauen, lächeln sollten. Ich erinnere mich an Fotografien von Frauen mit perfekt geschminkten roten Lippen. Wutschön.

Figur einer Frau aus der britischen Kampagne zum Frauenwahlrecht; Museum in Liverpool, England

Museum of Liverpool, August 2024 © Kristina Klecko

Es würde heilsam sein. Nur die Wut nicht unüberlegt entweichen lassen, sie produktiv nutzen. Nur produktiv gelenkt macht Wut Sinn, macht sie Frauen stark. Nur dann ist es nicht mehr das hässliche Gefühl, das versteckt gehört, sondern Motor für Veränderung. Wir haben Wut entdeckt und monetarisiert, weil wir alles monetarisieren. Warum sollte es ausgerechnet der Wut in unserer Gesellschaft anders ergehen?

Dann kam … nichts.

Dies ist ein Nachruf auf die Wut. Geben wir zu, dass wir uns geirrt haben, dass Wut uns nicht retten wird.

Wut ist eine angemessene Reaktion auf Ungerechtigkeit. Das glaube ich noch immer. In einer Veranstaltung zu Antifeminismus, in der ich unter anderem gelernt habe, dass jeder dritte Mann und jede fünfte Frau ein geschlossenes antifeministisches Weltbild haben, war die Wut bald im Raum. Als trauriges Wort inmitten hunderter erschöpfter Sätze. Wir wollen uns nicht mehr um einen sachlichen Ton bemühen, nicht immer wieder das Gleiche erklären. „Er soll meine Wut aushalten,“ sagt eine Teilnehmerin. Gleichzeitig ist uns klar, dass Wut im Alltag nicht nützlich ist, und nie dafür gedacht war, Probleme zu lösen. Jemand schlägt Empörung vor, doch das Wort ist verstaubt, klingt nach Frauenarbeitskreisen der 1980er Jahre. Empörung ist vorbei, aber auch Wut hat nicht geliefert.

2025 illustriert die Vogue einen Artikel über weibliche Wut mit dem Foto einer stummen erschöpften Frau. Das Fazit des Artikels erschöpft auch mich:

„Schreien ist nicht für alle das Richtige, aber jede:r sollte ein Ventil finden, aufgestaute Emotionen herauszulassen – ohne dabei andere zu verletzen.“ (Quelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Wut rauszulassen, ohne andere zu verletzen kann nicht funktionieren und hat nie funktioniert. Wir haben zu lange geprobt und vergessen, was wir mit unserer Wut vorhatten. Wir haben nicht verstanden, dass Luft aus einem geplatzten und einem angestochenen Luftballon zwar unterschiedlich lange entweicht, am Ende aber in beiden Fällen ein unbrauchbarer Lappen zurückbleibt.

Einen der stärksten Texte zum Thema, den ich kenne, hat die US-amerikanische Schriftstellerin Audre Lorde geschrieben. Sie bejaht die Wut. Ich lese den Essay noch einmal. Ich will, dass sie Recht behält. Ich entdecke einen Halbsatz, der mir bei der ersten Lektüre entgangen war:

„Wut unter Gleichgesinnten ist Antrieb zum Wandel (…).“ Audre Lorde, in „Vom Nutzen der Wut: Wie Frauen auf Rassismus reagieren”, Sister Outsider

Unter Gleichgesinnten.

Unsere Gesellschaft besteht nicht aus Gleichgesinnten.

Und jetzt?

Erstarrtes Lächeln? Müdigkeit? Resignation?

Oder radikales Tun?

Radikal nicht im Sinne von Rücksichtslosigkeit und Ideologie, sondern im Sinne von einfach machen, ganz und gar. Ohne Konzeptpapier und Probelauf, ohne Rechtfertigungen oder Entschuldigungen, ohne den Wunsch, Menschen einzubeziehen, die nicht einbezogen werden wollen.

Mit Gleichgesinnten oder ohne.

Vielen Dank, dass du mitliest.

Schöne Grüße und bis in zwei Wochen!

Kristina

*In diesem Text ist “Frau” als historische Figur gemeint, deren Be- und Abwertung mit der Konstruktion binärer Geschlechterrollen einhergegangen ist, was Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. (Mit Dank an Lena Richter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für den Gedankenaustausch zu diesem Thema.)

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Sujet Gender etc.

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