Im Universum von Warhammer 40.000 wird zwar viel geschossen, aber auch eine Menge geredet. Nun bezieht sich eine meiner neuesten Obsessionen auf die Bücher der dystopischen Sci-Fi-Tabletopwelt. Deshalb wollte ich auch wissen, welche Sprachen sich der Publisher Games Workshop für die fiktive Zukunftsvision ausgedacht hat.
In den Geschichten rund um Space Marines, Chaosdämonen und politische Ränke mit oft grausigen Auswirkungen spielen im Wesentlichen zwei Sprachen eine Rolle: Die Lingua Franca des galaxienumspannenden Universums wird Niedergotisch (Low Gothic) genannt, die offizielle Schriftsprache Hochgotisch (High Gothic). Laut Erklärung in der Welt von Warhammer ist Low Gothic eine durch Jahrtausende mündlicher Nutzung veränderte und vereinfachte Version von High Gothic, gespickt mit den Einflüssen zahlreicher eroberter und assimilierter Welten. Man kann das in etwa mit dem ganz natürlichen Sprachwandelprozess vergleichen, der durch Jahrtausende der Nutzung aus Latein irgendwann Italienisch und aus dem Altdeutschen das heutige Standarddeutsch hat werden lassen.

Brüchig werden die realistischen Vergleiche, wenn man sich die Umsetzung der beiden fiktiven Sprachen für uns Leser*innen ansieht. Denn während High Gothic eine – nicht immer grammatikalisch ganz korrekte – Version von Latein ist, wird Low Gothic im Original schlicht als Englisch dargestellt. Logisch erstmal: Die Figuren in den Geschichten sprechen Low Gothic miteinander, aus Verständnisgründen wird das in der Sprache des Buches dargestellt, im Original eben Englisch. Man kann Englisch damit als Transitsprache beschreiben. Selten bis gar nicht lesen wir Passagen auf Latein, sondern eher Beschreibungen von intradiegetischen Werken, die in High Gothic geschrieben sind. Dafür wird die Schriftsprache für effektvolle Einstreuungen benutzt. So haben viele Konzepte und Gegenstände in Warhammer 40.000 beispielsweise offizielle Namen in High Gothic und umgangssprachliche in Low Gothic. Am bekanntesten sind die ‘Adeptus Astartes’: die ‘Space Marines’. Aber auch Kriegsausrüstung trägt Namen in Low Gothic, etwa ‘Thunderhawk’-Landungsshuttles oder ‘Conqueror’-Panzer.
Liest man nun die deutschen Übersetzungen der Bücher, müsste man eigentlich eine zusätzliche Abstraktionsebene hinzuziehen. Denn: Dass die Geschichten auf Deutsch geschrieben sind und die Figuren auf Deutsch reden, bedeutet, dass Deutsch hier mit Low Gothic gleichgesetzt wird. Das Deutsche hat also aus praktischen Gründen den Transitsprachenstatus des Englischen übernommen. Allerdings: Die oft genutzten und weithin erkennbaren Ankerbegriffe der fiktiven Welt wie ‘Space Marines’ bleiben fast immer Englisch. Das ergibt markentechnisch Sinn und erscheint uns als Leser*innen auch meist völlig unauffällig, ist aber in seiner inneren Logik eigentlich ein Widerspruch. Diesen lösen wir beim Lesen generell unbewusst direkt auf, weil uns zum einen der Originalstatus des Englischen meist bewusst ist und sich zum anderen englische Sci-Fi-Begriffe durch Jahrzehnte der kulturellen Prägung auch als üblich und ‚cool‘ etabliert haben.

Ob es eine Lösung für dieses ‚Problem‘ braucht, würde ich also bezweifeln. Aber spannend, darüber nachzudenken, ist es allemal. Generell gibt es im Warhammer-Universum so einiges, was linguistisch spannend ist. Dass die Eldar, eine elfenartige Rasse sehr weiser und arroganter Wesen, tatsächlich fast lupenreines Irisch sprechen, halte ich zumindest für eine Erwähnung wert. Und da ich als Semantiker nicht aus meiner Haut kann: Wusstet ihr, dass die Orks in Warhammer 40.000 ihre Schiffe rot bemalen, weil sie so fest daran glauben, rote Gegenstände seien schneller als andersfarbige, dass das tatsächlich in Erfüllung geht? – Pascal
Neueste Beiträge auf Language at Play
Wir werden am 23. Juni 8 Jahre alt! Das feiern wir natürlich. Wie, wird an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten – haltet dafür ein Auge auf die Website am Geburtstag oder freut euch auf den nächsten Newsletter. Ein kleiner Teaser darf aber schon sein: Wenn ihr gern über Kartenspiele nachdenkt, zückt am besten schonmal eure Decks…
Apropos Kartenspiele: Pascal hat seinen Artikel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) über die semantischen Verknüpfungen von Zaubern in Final Fantasy und Magic: The Gathering nun auch auf Englisch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) übersetzt und veröffentlicht.
Und bei Zaubern bleiben wir auch, denn Jenni hat ein besonders spannendes Paper gelesen. Yuki Asano analysiert die Namen und Sounds von Zaubersprüchen, unter anderem in der Dragon-Quest-Spielereihe, und dieses Paper stellen wir in einer nützlichen Zusammenfassung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor.
Weniger magisch geht es in Jennis zweitem Beitrag über Tchia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)zu, der zeigt, warum Sprachpolitik nicht nebensächlich ist und einen journalistischen Leitfaden mit hilfreichen Anleitungen zum Schreiben über Minderheiten vorstellt.
Termine
Auf languageatplay.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) findet ihr stets eine Übersicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) über die aktuellsten Calls und Game-Studies-Veranstaltungen. Hier einige der kommenden Highlights:
CfA: Das kalte Grauen? Horrorerleben in digitalen Spielen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Deadline: 30.6.2025
Abstracts für die Gamepathy - Konferenz für Gamedesign & Digitalspielforschung 2025 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Deadline: 30.6.2025
CfP für die Fachtagung "Spiel / Museum 2025" (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Deadline: 30.6.2025
CfP: Blut und Galle: Perspektiven aus Wissenschaft, Kunst und Gaming-Kultur auf die Blasphemous-Spiele (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Deadline: 16.07.2025
CfP: Geschichte machen und gestalten. Interdisziplinäre Perspektiven auf Doing History (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Deadline: 18.07.2025
Fundstücke
Im Artikel “Drafting the Archaeological Mental Model of Blue Prince (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” von Florence Smith Nicholls geht es um den Notizprozess von Spielenden. Pascals handgeschriebene Kritzeleien haben auch ihren Weg in den Artikel gefunden!
Exhibit:Play hat eine Liste von Spielen zum Thema “Deciphering Languages (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” angelegt.
Der Trailer zu “Big Walk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”, dem kommenden Co-op-Spiel der “Untitled Goose Game”-Developer, in dem man Wege finden muss, nicht-verbal zu kommunizieren
American Sign Language/Finger Alphabet in Witcher 3-Zaubern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Instagram: @thesigningd
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