
TEIL 39: VOM BETRACHTEN
Anfang Oktober hatte ich die große Freude und Ehre Teil eines besonderen Artist in Residence-Programms in Lienz in Osttirol zu sein. Gemeinsam mit meinen Lyrik-Kolleg*innen Siljarosa Schletterer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Paul Zinell (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe ich vier volle Tage in und mit der Sonderausstellung blicke nach innen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verbracht. Einer Kunstausstllung, die sich auf sehr spannende und vielvältige Weise mit dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. auseinandersetzt, das sich in diesem Jahr zum 1700. mal jährt.
Kuratiert wurde diese Ausstellung auf Schloss Bruck von Dr. Hubert Salden und Bischof Hermann Glettler, (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf dessen Einladung und Initiative hin wir uns zu dritt schreibend mit den gezeigten Werken auseinandersetzen durften. Im Beschreibungstext der Ausstellung heißt es: Spirituelle Erkenntnis durch Kunst – diesem Gedanken folgt die aktuelle Sonderausstellung auf Schloss Bruck. „Kunst und Religion weisen über das Sichtbare hinaus auf das Immaterielle. Sie schlagen offene Wege ein und heben ans Licht, was eine Gesellschaft in ihr Unterbewusstsein verdrängt“, so der Kurator, der in den mittelalterlichen Mauern Arbeiten von Andy Warhol und Rebecca Horn, Glenn Brown und Kiki Smith vereint.
Nun ist sicher nicht allen geläufig, worum es bei diesem Konzil in Nicäa überhaupt ging und was genau da besprochen und verhandelt wurde. Und ohne allzulange mit Kirchengeschichte langweilen zu wollen (Spoiler: Ich persönlich finde sie sehr spannend) doch eine ganz kleine Zusammenfassung, weil Setting und Themen für das Verständnis der Ausstellung und unsere Auseinandersetzung damit nicht unwichtig sind:
Das Christentum befindet sich unter Kaiser Konstantin gerade im Prozess Staatsreligion im römischen Reich zu werden als das Konzil einberufen wird. Vermutlich spielt da durchaus auch der Wunsch nach einer einheitlichen dogmatischen Linie innerhalb des Christentums eine Rolle, um diesen Prozess weiter erfolgreich voran treiben zu können. Also neben theologischen Themen auch politische und machttaktische Überlegungen, zumal Kaiser Konstantin auch selbst während des Konzils anwesend ist.
Das brennende Thema, das diskutiert werden soll, ist die Frage nach dem Wesen der zentralen Figur des christlichen Glaubens. War Jesus ein Mensch? Vielleicht sogar ein Mensch, der durch sein Leben, Sterben und die Auferstehung zu einem Gott geworden ist? War Jesus Gott, der nur so aussah wie ein Mensch? Oder vielleicht irgendetwas dazwischen? So eine Art Halbgott, wie sie in der griechischen Mythologie vorkommen? All diese Überlegungen hatten ihre Vertreter und Argumente. Am Ende einigte man sich auf folgende Bekenntnis-Formulierung:
Ich glaube an den einen Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
den Sohn Gottes,
der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, das heißt: aus dem Wesen des Vaters,
Gott aus Gott, Licht aus Licht,
wahrer Gott aus wahrem Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater,
durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist;
der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist,
Mensch geworden ist,
gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist,
aufgestiegen ist zum Himmel,
kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten;
Und an den Heiligen Geist.
Und dann gibt es da am Ende noch diesen bemerkenswerten Nachsatz, der etwaige andere Sichtweisen direkt im Keim zu ersticken droht :
Diejenigen aber, die da sagen „es gab eine Zeit, da er nicht war“
und „er war nicht, bevor er gezeugt wurde“,
und er sei aus dem Nichtseienden geworden,
oder die sagen, der Sohn Gottes stamme aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit,
oder er sei geschaffen oder wandelbar oder veränderbar,
die verdammt die katholische Kirche.
All das bietet natürlich eine Fülle an interessanten Anknüpfungspunkten, die in der Ausstellung auch sehr schön aufgegriffen wurden: Die Frage nach dem Wesen beinhaltet ja fast zwangsläufig auch die Frage nach bildlichen Darstellungen und wie diese aussehen könnten oder müssten? Die Frage wie zentral das Thema Körper, Körperlichkeit, Sexualität, Nacktheit, Scham usw. sein sollte spielt eine große Rolle. Und natürlich auch die politische Dimension vor dessen Hintergrund das ursprüngliche Konzil diese Fragen verhandelt hat: Wie verhalte ich mich dazu, dass dort die Botschaft Jesu mit der imperialen Macht der damaligen Zeit verheiratet wird? Und was bedeutet das für heute, wo wir ähnliche Tendenzen (natürlich in einem ganz anderen Rahmen) z.B. im Streben nach Macht und politischem Einfluss bei vielen führenden Figuren der evangelikalen Bewegung in den USA, aber durchaus auch in Europa, beobachten können?
Und auch das Konzil als Setting wude in der Ausstellung thematisiert. Als Ort des Austauschs, der Ökumene und des Dialogs, des Miteinander-Ringens auf der Suche nach gemeinsamen Lösungs- und Kompromissansätzen. Besonders deutlich wurde das u.a. an der Arbeit WE/ME des Künstlers Franz Wassermann, die sozusagen als anfassbare Installation im Raum stand. Das Werk besteht aus 16 identischen Aluminiumquadern, die man betrachten oder auf die man sich setzen und auch deren Anordnung verändern konnte; stapeln, aneinanderreihen, auftürmen, neue Formationen finden. Auf allen 16 Würfeln stehen die Worte WE oder auf den Kopf gestellt dann eben ME. Das Werk basiert dabei auf dem kürzesten Gedicht aller Zeiten, das Box-Legende Muhammad Ali während eines Vortrags an der Harvard-University auf den Wunsch der Zuhörenden nach einem Gedicht improvisierte: Me.We. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

In selben Raum hing auch ein Werk von Rune Mields, auf dem ganz groß in weißen Lettern λόγος (Logos) zu lesen war. Ein Wort, das im griechischen Text des Prologs zum Evangelium nach Johannes wiederholt vorkommt. Dort wird auf äußerst poetische Weise beschrieben, wie dieser Logos, das Wort, die Weisheit von Anfang an vorhanden war und wie dadurch alle Dinge des Universums ins Dasein gekommen sind, um dann etwas später zu erzählen, dass dieses Wort Fleisch, also Kreatur, Materie geworden ist. Darüber habe ich vor allem mit Siljarosa Schletterer sehr viel geredet, wie schön und revolutionär und skandalös diese Formulierung eigentlich ist, wenn man sie ernst nimmt und zu Ende denkt: Dass dort erzählt wird, dass dieses göttliche Wesen, diese kosmische Kreativkraft an einem Punkt in der Geschichte einen menschlichen Körper bekommt, von einer Mutter geboren wird, schutzlos und auf Hilfe angewiesen. Besonders berührend wurde das in der Ausstellung im Werk Madonna and Child von Andy Warhol sichtbar, der das nackte Jesus-Baby zeigt, das gerade an der Brust seiner Mutter gestillt wird.
Wie konnte eine Bewegung, die einmal so radikal das Göttliche in der Körperlichkeit formuliert hat in der Folge oft so körper-, lust- und frauenfeindlich werden, wie das Christentum es im Verlauf der Geschichte dann an vielen Stellen war und teilweise ja auch immer noch ist? Über dieses Thema habe ich vor allem in meinem letzten Gedichtband sehr viel geschrieben und während der Zeit in Lienz wieder sehr viel nachgedacht. Während unserer Abschlußpräsentation hat vor allem Siljarosa dieses Thema in unglaublch schöne und berührende Texte übersetzt und nicht nur das, sondern auch in ihrem aktuellen Lyrik-Band mit dem Titel ENTSCHÄMUNGEN (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat sie ganz wundervolle Gedichte zu Körpern, Körperteilen und der damit einhergehenden Scham, die bis in die Sprache und Benennungen hinein ragt, geschrieben. Ganz große Empfehlung meinerseits!
Ein anderes Thema, mit dem ich mich sehr stark beschäftigt und auseinander gesetzt habe in der Ausstellung ist die Frage nach Macht- und Kapitalismuskritik und der Beziehung von Religion und Machtsystemen. Besonders das zweiteilige Werk von Thomas Locher, GIOTTO 1. W-G-W und GIOTTO 2, G-W-G, hat mich sehr berührt und inspiriert. Zwei großflächige Farbtintendrucke, die einmal die Szene zeigen, als Jesus seinen Freunden die Füße wäscht und dem gegenüber gestellt eine Szene, die zeigt wie Jesus von Judas verraten und für Geld seinen Feinden ausgeliefert wird. Beide Werke arbeiten mit verschiedenen Ebenen und Überlagerungen, sodass beim Betrachten die Buchstaben G-W-G bzw. W-G-W innerhalb der Bilder sichtbar werden. Diese unmittelbare Gegenüberstellung von diesem Ideal, diesem Vorbild an Sanftmut und zugewandter Selbstlosigkeit und gelebter Nächstenliebe auf der einen Seite und dem Verrat für Geld und die nach sich ziehende Gewalt auf der anderen Seite hat mich sehr bewegt. In der Abschlußperformance war mein letzter Beitrag eine Annäherung und Auseiandersetzung mit eben diesem Werk. Und ein Bild, in dem Buchstaben vorhanden sind, lädt natürlich auch besonders dazu ein, sich schreibend damit zu beschäftigen. Ich habe in meiner Performance die drei Buchstaben immer wieder laut gesprochen, die wegen der fehlenden Vokale aber erstmal seltsam klingen bis sich soetwas wie Worte heraushören lassen:
G-G-W
Gegenwart
G-G-W
Gegenwert
G-G-W
Gegenwelt
W-G-G
Wogegen und weswegen eigentlich?
G-G-W
Geld, Geltung, Ware
G-G-W
Geltungsdrang, Wahr-heit
W-G-G
Vergelts Gott
G-G-W
Geld-Gott
W-G-G
Vage Gegenentwürfe
W-G-G
Wage Gegenentwürfe
G-G-W
Gegenwart
G-G-W
Gegengewalt
W-G-G
Wogegen und weswegen eigentlich?
G-G-W
Gegen Gewalt
G-G-W
Gewöhn dich nicht
G-G-W
Gewöhn dich nicht ans Gewöhnen
gefolgt von einer Variation bzw. überarbeiteten Version meies Textes VOM EMPÖREN (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), den du in der letzten Ausgabe dieser Textreihe lesen konntest und auch jetzt noch im Archiv nachlesen kannst. (Kleiner Spoiler, eine nochmals überarbeitete Version dieses Gedichts wird das Titelstück der nächsten EP werden, die ich gerade mit Manuel Steinhoff aufgenommen habe.)
Eigentlich hätte es jedes der Werke verdient ausführlich besprochen zu werden, aber ich beschränke mich für jetzt auf diese ausgewählten Eindrücke, die hoffentlich dennoch zumindest einen kleinen Einblick vermitteln, wie intensiv und facettenreich die Ausstellung unsere Auseinandersetzung damit gewesen sind.

Wir sind Sonntag früh in Innsbruck gestartet und mit einem Bus, in dem neben uns auch Dr. Hubert Salden und Bischof Hermann Glettler, sowie eine Gruppe aus Innsbruck nach Lienz gereist sind, um eine erste ausführliche Führung mit den Initiatoren und Kuratoren der Ausstellung zu bekommen. Am darauffolgenden Montag durften Siljarosa und ich noch einen Workshop-Tag für Schülerinnen und Schüler der Berufschule gestalten, mit denen wir ebenfalls die Ausstellung besucht und gemeinsam Texte zu den Werken geschrieben und direkt am Abend der Öffentlichkeit präsentiert haben. Radio Osttirol hat dazu auch einen kleinen Audio-Beitrag produziert: ZUM BEITRAG (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Außerdem haben wir das Experiment einer lyrischen Intervention im Öffentlichen Raum gewagt und am Mittwoch-Vormittag im lokalen Einkaufszentrum Gedichte, Texte und Performances für die shoppenden Menschen präsentiert. Auch dazu gibt es einen schönen Pressebericht mit Bildern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Die verbliebene Zeit haben wir zu dritt hauptsächlich in der Ausstellung verbracht, intensive Dialoge mit den Kunstwerken und miteinander geführt und neue Texte und Gedichte ausgehend und inspiriert davon geschrieben, die wir am Mittwochabend in einer Wandel-Lesung durch die Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt haben (inkl. der grandiosen musikalischen Untermalung und Begleitung des phänomenalen Bertl Mütter an der Posaune) - Texte zwischen Körperlichkeit und Transzendenz, Politik, Spiritualität, Konkretem und Abstraktem. Dabei hat mir vor allem auch die Bandbreite unseres künstlerischen Ausdrucks gefallen: Paul Zinell kommt ganz stark von der Performance, hat improvisierte Passagen mit Textfragmenten zu einem unglaublich intensiven Gesamtkunstwerk kombiniert, voller Wortspiele, politischer Haltung und Humor. Siljarosa Schletterer ist dagegen eine wahre Lyrikerin, wo jedes Wort, jede Zeile ganz fein gearbeitet und mit Bedacht gesetzt wird und Gedichte schreibt, die gelesen nochmal eine ganz besondere Dringlichkeit bekommen. Und ich irgendwo dazwischen mit Texten, die zwar geschrieben, aber oft eben doch auch mit einem Augenmerk auf Klang und Performance hin konzipiert werden.
Während der Zeit dort und für die Abschluß-Präsentation ist u.a. auch das folgende Gedicht entstanden. Ich habe in der Form versucht die Jahreszahl des Konzils abzubilden und mir eine Struktur gebaut, in der zuerst drei Zeilen stehen, gefolgt von zwei weiteren und schließlich mit fünft Zeilen abgeschließt - drei,zwei,fünf - 325 n. Chr. Inhaltlich habe ich wiederum versucht dieses Ringen abzubilden, dass auch in einem Raum der Ausstellung besonders schön zum Ausdruck kam. Dort waren an einer Wand Werke von Andy Warhol und Kiki Smith zu sehen, in denen u.a. eine Szene des letzten Abendmahls oder der Besuch des Engels bei der Jungfrau Maria dargestellt werden. Während an der gegenüberliegenden Wand die abstrakten Werke von Volker Hildebrandt (passenderweise mit dem Titel Du sollst dir kein Bildnis machen…) und Rebecca Horn zu sehen waren. Das Konkrete und das Abstrakte direkt gegenüber.
In der Mitte zwischen diesen beiden Wänden stehend habe ich dieses Gedicht vorgetragen. Im Zwischenraum. Im Gleichzeitig. Im Und. Im Sowohl-als-auch. Im Rücken das Unfassbare, das auf das Anfassbare blickt - und umgekehrt, je nachdem wohin der Blick wandert und wohin der Körper des Be(tr)achtenden gedreht ist.

Hier kannst du dir das Gedicht auch von mir vorlesen lassen:
Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar für diese schönen, intensiven und inspirerenden Tage in Lienz. Es war mein erster Besuch in Osttirol und ich bin mir sicher, dass es nicht der letzte gewesen sein wird. Ich hoffe, dieser Text fängt ein bisschen von dem ein, was wir gemeinsam dort erleben durften <3
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Am 14.11. veröffentliche ich mit Manuel Steinhoff den 3. Teil unserer EP-Serie “Die gerade Linie ist gottlos”. Bei den ersten Teilen haben wir jeweils zwei Gedichte aus meinem Lyrik-Band “Wir werden alle verwandelt werden” vertont und neu interpretiert und dazu auf beide EPs noch ein bis dahin unveröffentlichtes neues Stück gepackt.
Dieses Mal haben wir einen ganz anderen Ansatz gewählt. Ich hatte die Idee, nicht an einzelnen Stücken zu arbeiten, sondern in einer langen Live-Session gemeinsam zu improvisieren und zu jammen und die drei neuen Tracks sozusagen als Gesamtkunstwerk aufzunehmen und später auseinanderzuschneiden. Das war für Manu natürlich extrem herausfordernd, weil er alle Instrumente und Geräte, die auf den Tracks zu hören sind live und gleichzeitig spielen und bedienen musste. Die Texte wiederum waren einigermaßen fertige Fragmente, an denen ich im Verlauf der gemeinsamen Session aber auch noch spontan Änderungen vorgenommen habe. Wir haben das Ganze auch als Video festgehalten, das wir begleitend zur neuen EP veröffentlichen werden.
GANZ WICHTIGE INFO:
Die letzten beiden EPs haben wir jeweils eine Weile vor dem offiziellen Release bereits den Menschen geschenkt, die mich hier auf Steady unterstützen. Das werden wir auch dieses Mal wieder tun. Wenn Du also vor allen anderen Zugang zu diesem und zukünftigen Releases haben möchtest, kannst du über den Button unter diesem Text direkt eine Mitgliedschaft abschließen und erhältst dann automatisch deinen Zugang in den nächsten Tagen. Es ist auch möglich das Ganze zunächst in einer Probephase zu testen. Auch in dem Fall erhältst du den vollen Zugang.
Liebe Grüße und bleib barmherzig

PS. Vielen Dank, wenn du bis hierhin gelesen hast. Alle Texte dieser Reihe sind kostenlos les- und abonnierbar. Du kannst mich und meine Arbeit und diese Textreihe aber unterstützen und möglich machen, indem du auf diesen Button klickst und mich mit einem Abo unterstützt. Das bedeutet mir viel und hilft sehr. DANKE <3