22.01.26, 12.00 Uhr: Alle (in Europa) sind abgenervt von Trumps politischem Selbstzerstörungstripp (Nato kaputt bis Maga-Leute vergrault)… Selbst wenn in Davos ein (anscheinendes) Umdenken passiert ist – erst mal abwarten!
Vier Expert:innen und linken Socken haben das ganze Paket mal in ihrer besonderen und gründlichen Art analysiert. Damit ihr Zeit spart und doch die Früchte ihrer Analyse genießen könnt, bringe ich hier die Zusammenfassung. Was zur Hölle verhindert eigentlich die schnelle Krisenreaktion?
Version 1: Locker leicht. Humorig.
Version 2: Analytisch auf den Punkt.
Ich habe mich nach dem Video „Der Entscheidende Punkt.” gefragt: Lässt sich dieses Reaktions-Muster als typische Reaktion auf Metakrise im Sinne meiner bisherigen Analysen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)verstehen? Und: Welches sind die typischen Vermeidungsmuster von uns deutschen Spassgesellschaftler:innen (evt. auch übertragbar auf Kirche?) und die dahinterliegenden Motive?
Audio für die Genießer:innen hier:
Version 1: Deutsche Vulkanparty
Metafit in der Metakrise? Warum tanzen wir Deutschen dann lieber auf den Vulkan, als rechtzeitig die Schuhe zu wechseln?

Stellen wir uns vor, Deutschland wäre ein Fitnessstudio. Eines, in dem alle Geräte mit Handtüchern reserviert sind, aber niemand wirklich schwitzt. Willkommen zu dieser neuen Folge von „Metafit in der Metakrise“ – diesmal über die hohe Kunst, Krisen zu vermeiden, bis sie uns mit dem Vorschlaghammer treffen. Und ja: Wir sprechen über das kollektive „Lieber nicht drüber reden, sonst passiert’s vielleicht wirklich!“, das unsere Gesellschaft so einzigartig macht wie Sauerkraut auf Pizza. In der letzten Folge (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)hatten wir uns schon einen Kopf gemacht, warum die Kirche so Veränderungs-Resistent bleibt gegenüber nötigen Krisenanpassungen. Hier lauern weitere Antworten…
Die „politische Lebenslüge“: Unser mentales Laufband
Fangen wir mit dem Lieblingsgerät an: dem Laufband der politischen Lebenslüge. Jahrzehntelang liefen wir darauf, immer schön im Kreis, mit dem festen Glauben: „Um uns herum nur Freunde! Die Amis machen das schon, wir chillen derweil im Yogakurs der Friedensbewegung.“
Das war bequem. Niemand musste sich mit Gewichten wie „Macht“, „Krieg“ oder „Verteidigung“ abmühen. Wir waren die Nachkriegskinder im Wellnessbereich der Geschichte – und haben uns dabei eingeredet, dass Muskelaufbau (aka Prävention) eh nur was für Paranoide ist.
1. Präventions-Paradox: Erst wenn’s brennt, wird gelöscht
Kommen wir zum nächsten Gerät: dem Feuerlöscher, der erst benutzt wird, wenn die Sauna brennt.
In der deutschen Demokratie gilt: Prävention ist wie ein Fitness-Abo im Januar – teuer, anstrengend, und nach drei Wochen vergessen. Warum jetzt schon für Hochwasser, Krieg oder Klimawandel schwitzen, wenn die Katastrophe noch so schön abstrakt ist?
Der Trick: Erst wenn die Kacke dampft, wird kollektiv der Notausgang gesucht. Bis dahin diskutieren wir lieber, ob der Feuerlöscher genderneutral ist. Kinotipp dazu zum Ablachen (Humor am Rande des Erdbeerfelds):
2. Mentale Blockade: Die Normalitätsfalle
Das nächste Highlight im Studio: die Normalitätsfalle – ein Gerät, das aussieht wie ein Crosstrainer, aber eigentlich nur Stillstand produziert.
Warnungen? Obama 2008? Trump? Ach, das geht vorbei, dachten wir. Nach einer kurzen Schweißperle kehrt doch alles wieder zur gewohnten Gemütlichkeit zurück.
Das Problem: Wer zu lange auf dem Crosstrainer der alten Weltordnung bleibt, merkt nicht, dass draußen längst ein Sturm tobt. Aber hey, Hauptsache, der Puls bleibt im Wohlfühlbereich.
Flucht in die Erpressbarkeit: Die Zangenbewegung
Jetzt wird’s sportlich: Willkommen bei der Zangenbewegung!
Deutschland hat sich so eng an die USA gekuschelt – wirtschaftlich, technologisch, militärisch –, dass wir jetzt kaum noch rauskommen, ohne uns beim Stretching zu verrenken.
Früher war das clever: Stabilität, Wohlstand, alles läuft. Heute merken wir: Wer immer nur auf die gleiche Muskelgruppe setzt, hat irgendwann Rückenschmerzen. Und plötzlich steht Trump im Fitnessstudio und verlangt Eintritt.
3. Diskursive Scheingefechte: Debattieren statt trainieren
Last but not least: Diskursive Scheingefechte.
Statt wirklich zu trainieren, diskutieren wir stundenlang, ob „Kriegstüchtigkeit“ das richtige Wort ist. Währenddessen stehen draußen die Bodybuilder (Putin, Trump & Co.) und lachen sich schlapp.
Wir hingegen fechten mit Wattebäuschen um Begrifflichkeiten, weil uns das echte Gewicht – die „Semantik der Gewalt“ – zu schwer erscheint.
Warum handeln wir immer erst, wenn der Trainer schon pfeift?
Jetzt zur Kernfrage (siehe hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)):
Warum sind wir so unfähig, präventiv zu handeln?
Mangelnde Akzeptanz für Präventionskosten: Niemand will für ein Fitnessprogramm zahlen, das erst in zehn Jahren sichtbare Muskeln bringt. Lieber jetzt das Croissant, als morgen den Marathon.
Politische Lebenslügen: Wir haben uns so sehr an die Komfortzone gewöhnt, dass jeder Vorschlag für ein Bootcamp als Zumutung empfunden wird.
Abhängigkeit von Popularität: Politiker machen, was im Trend ist. Und Krisenvorsorge ist halt kein viraler TikTok-Tanz.
Fehlende Führung gegen den Mainstream: Früher gab’s Trainer mit Rückgrat. Heute werden die Geräte nach Umfragewerten eingestellt.
Strukturelle Abhängigkeiten: Wer sich immer nur auf Proteinshakes von den USA verlässt, hat irgendwann Mangelerscheinungen, wenn der Lieferant streikt.
Metafit-Check: Wie kommen wir aus der Schockstarre?
Was tun?
Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel:
Statt immer nur auf den nächsten Notfall zu warten, könnten wir anfangen, die Prävention als tägliches Training zu begreifen. (Mist, selbst erwischt: ich versuche 2026 mich wieder in Bewegung zu kriegen…). Nicht sexy, nicht sofort sichtbar – aber langfristig der einzige Weg, nicht beim nächsten Krisen-Workout umzukippen.
Und vielleicht, ganz vielleicht, sollten wir anfangen, uns von der Illusion zu verabschieden, dass Wellness und Weltpolitik sich dauerhaft kombinieren lassen.
Denn: Wer immer nur auf dem Laufband der Lebenslüge bleibt, wird irgendwann von der Realität überholt.
Jetzt kannst du im Hauskreis diskutieren: Was sind deine persönlichen „Präventions-Paradoxa“ im Alltag? Teile deine Erfahrungen mit uns!
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Bleib metafit – auch wenn der Vulkan schon qualmt!
Was könnte also unsere Haltung werden/sein?
Wir Europäer:innen können selbst nach Wegen suchen, uns mit dem anderen Amerika in diesen Tagen zu verbünden. Es gibt zahlreiche ökumenische und institutionelle Verbindungen, die genutzt und vielleicht reaktiviert werden können. Anders als im russischen Imperium gibt es in den USA eine lebendige Zivilgesellschaft, bürger:innenschaftlichen Protest sowie christliche und interreligiöse Geschwisterlichkeit, die sich der Regierung widersetzen.
Sich von Amerika abzuwenden und vom „Hineinschlittern der USA in den Faschismus“ zu salbadern, ist mir zu defätistisch, zu resignativ und vor allem zu einfach. Als ob wir in Europa einfach nur die Mauern hochziehen müssten und es die autoritäre Wende, den Rechtsruck etc. nicht auch bei uns gäbe. Weder die USA noch Europa „schlittern“ in den Faschismus. Hier wie dort wird genau darum gekämpft. Ich aktualisiere Sölles Worte: [Das Imperium] braucht nicht mehr Verbündete, sondern Vasallen, die zur Verfügung stehen. Wir Europäer sollten uns nicht dazu machen lassen. Verbündet sind wir mit denen, die gegen Trump und Co. aufstehen. […] NOT IN OUR NAME. Wir sind mit dem anderen Amerika verbündet. Der Kampf geht weiter.
Der ganze Artikel findet sich in der Eule hier. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Version 2: Kollektive Verleugnunsmuster der Deutschen
Hier sind die typischen Vermeidungsmuster und die dahinterliegenden Motive noch mal in Wissenschaftsjargon:
1. Die „Politische Lebenslüge“ als kollektiver Schutzraum
Ein zentrales Muster ist das Einrichten in einer sogenannten „politischen Lebenslüge“, die über Jahrzehnte hinweg die deutsche Identität prägte.
Das Muster: Man ging davon aus, dauerhaft „von Freunden umgeben“ zu sein und sich bedingungslos auf den Schutzschirm der USA verlassen zu können.
Das Motiv: Dieses Muster diente der Bequemlichkeit und dem Wunsch, sich nicht mit den harten Realitäten von Macht, Gewalt und Verteidigungsnotwendigkeit auseinandersetzen zu müssen. Es erlaubte der Gesellschaft, sich als „Friedenskinder“ zu definieren, für die Krieg im eigenen Horizont nicht mehr existierte.
2. Bestrafung von Prävention (Präventions-Paradox)
In der deutschen Demokratie wird Prävention laut den Quellen von der Wählerschaft oft nicht honoriert, sondern eher bestraft.
Das Muster: Notwendige Investitionen oder Verhaltensänderungen (z. B. in Verteidigung, Klimaschutz oder Gesundheit) werden aufgeschoben, bis die Katastrophe (Hochwasser, Krieg, Krankheit) offensichtlich ist.
Das Motiv: Prävention verursacht unmittelbare Kosten und Opfer, während der Nutzen abstrakt und in der Zukunft liegt. Psychologisch reagieren Menschen erst dann, wenn der Leidensdruck („die Kacke am Dampfen ist“) so groß wird, dass Handeln alternativlos erscheint.
3. Mentale Blockade gegenüber Brüchen (Normalitätsfalle)
Die Quellen beschreiben eine Unfähigkeit, fundamentale Brüche in der Weltordnung überhaupt für möglich zu halten.
Das Muster: Warnungen (wie die von Barack Obama 2008 oder die erste Amtszeit Trumps) wurden als vorübergehende Episoden abgetan, nach denen man zur gewohnten Normalität zurückkehren könne.
Das Motiv: Es handelt sich um eine soziopsychologische Abwehr, da die Anerkennung eines Bruchs das gesamte bisherige Weltbild und die darauf basierenden Sicherheitsgarantien zerstören würde. Man bleibt lieber in vertrauten Denkstrukturen (z. B. Politik als reine Kommunikation/Deliberation), anstatt Kategorien wie „Feindschaft“ oder „Macht“ anzuerkennen.
4. Flucht in die Erpressbarkeit durch Abhängigkeiten
Deutschland hat sich in fundamentale Abhängigkeiten begeben, die nun als „Zangenbewegung“ wahrgenommen werden.
Das Muster: Man hat sich technologisch (IT, KI), wirtschaftlich (Exporte in die USA) und militärisch (atomarer Schutzschirm) so eng an die USA gebunden, dass eine Loslösung kurzfristig unmöglich erscheint.
Das Motiv: Ökonomischer Pragmatismus und kurzfristiger Wohlstandsgewinn überwogen die strategische Vorsorge. Diese Abhängigkeiten wurden lange Zeit nicht als Risiko, sondern als Stabilität wahrgenommen, was nun in eine Phase der „gnadenlosen Erpressbarkeit“ führt.
5. Diskursive Scheingefechte statt Realitätscheck
Ein weiteres Muster ist die Konzentration auf Begrifflichkeiten statt auf die Sache selbst.
Das Muster: Es wird langwierig über Begriffe wie „Kriegstüchtigkeit“ gestritten, während die reale Bedrohung durch Akteure, die Deutschland bereits als Feind deklariert haben, ignoriert wird.
Das Motiv: Dies ist ein soziologisches Ausweichmanöver, um sich nicht mit der „Semantik der Gewalt“ gemein machen zu müssen. Die Angst vor der eigenen „Ansteckung“ mit harten politischen Kategorien ist oft größer als die Sorge vor der eigentlichen Bedrohung.
Meine Zusammenfassung: diese Muster – von der Lebenslüge bis zur Verweigerung von Prävention – sind tief in der Nachkriegsidentität verwurzelt. Kollektive Trauma-Folgen also? Die Abwesenheit eigener Kriegserfahrung („Nachkriegskinder“) hat zu einer erhöhten Neigung geführt, Gefahren auszublenden, bis sie eskalieren. In der Logik der Metakrise reagiert die Gesellschaft also nicht proaktiv auf die Komplexität der Krise, sondern verharrt in einem Zustand der reaktiven Schockstarre, solange das alte System noch irgendwie funktioniert.
Hier noch ein weiterer Infoblock zur Vertiefung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) aus der linken „solidarischen Kollapsszene” von Tadzio Müller . Lohnt immer!
https://steady.page/de/friedlichesabotage/posts/af19a3d1-9b3a-47b7-8776-2442eb0e0e19 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)