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Altentreptow: Bahnhof außer Betrieb – Stadt gleich mit

Ausgabe vom Sonntag, 31. August 2025

Als der Bahnhof noch Geschichten erzählte

Es gab eine Zeit, da war der Altentreptower Bahnhof mehr als nur Gleise und Fahrpläne. Hier roch es morgens nach heißem Kaffee, kaltem Schienenstaub und dem feuchten Zeitungspapier der Frühaufsteher. Der Schaltermann kannte jeden beim Namen, und wer eine Fahrkarte nach Berlin wollte, bekam sie zusammen mit der neuesten Dorfgeschichte gratis dazu.

Und dann war da der Pittilatsch-Tisch. Damals standen sie in Reih und Glied, kleine Plüschkerle mit handgestrickten Schals von Oma Hilde. Jeder, der aus dem Urlaub kam, brachte Pittilatsch was mit: mal eine Postkarte, mal einen Kofferaufkleber. Es hieß, Pittilatsch wisse mehr über Europa als das Rathaus selbst. Die Kinder fütterten ihn mit Bonbons, die Reisenden tippten ihm zum Abschied auf die Nase, und wer aus Berlin zurückkam, brachte ihm manchmal sogar ein neues Schnattchen aus Plüsch mit.

Und dann gab es noch den berühmten Fahrkartenautomaten. Angeblich konnte der nur Münzen aus dem Jahr 1984 lesen – alles andere spuckte er beleidigt wieder aus. Der Schaltermann nannte ihn liebevoll „den Beamten“. Einer erzählte mal, er habe versucht, den Automaten zu überlisten, indem er ihm ein glänzendes Zwei-Mark-Stück hingehalten habe. Der Automat blieb stumm. Erst als der Mann ihm leise zuflüsterte: „Ist doch für Berlin“, druckte er widerwillig die Fahrkarte.

Und natürlich darf man den „Zug nach Nirgendwo“ nicht vergessen. Der hing jahrelang auf der Tafel am Gleis: Abfahrt 17:32 Uhr, Ziel: „Nirgendwo“. Keiner wusste, wohin er fahren sollte. Manche sagten, nach Burg Stargard. Andere behaupteten, er führe direkt ins Paradies, vorbei an einer funktionierenden Ampelanlage. Gefahren ist er nie. Aber pünktlich war er – laut Anzeige jedenfalls.

Heute sitzt Pittilatsch allein im Regal, staubig, sein Blick leer. Neben ihm steht eine Tasse, in der früher Büroklammern lagen, heute wohnt darin eine tote Fliege. Der Bahnhof war früher Treffpunkt, Nachrichtenbörse, Kaffeeklatsch und ein kleines Theater. Heute ist er nur noch Kulisse – für das, was Altentreptow mal war und vielleicht wieder sein könnte.

Bahnhof außer Betrieb – Stadt gleich mit

Wer heute am Bahnhof vorbeigeht, sieht ein Gebäude, das aussieht, als hätte es den Anschluss nicht nur verpasst, sondern verschlafen. Das rote Backsteinhaus steht da, hübsch und stur, aber lebendig ist es wie ein Faxgerät im Rathauskeller. Die Fenster blinzeln matt, der Putz bröckelt, und die Gleise weinen leise in den Schotter, weil hier seit Jahren kein Zug mehr hält, der mehr mitbringt als Graffiti und leere Bierdosen.

Drinnen herrscht Schweigen. Der Schalter ist verriegelt, die Kaffeemaschine verrostet, und Pittilatsch sitzt im Regal, guckt beleidigt – und nicht mal sein Schnattchen, seine beste Freundin, kriegt ihn wieder fröhlich. Der Bahnhof ist so vermüllt, dass selbst die Altentreptower beim Vorbeigehen kurz die Straßenseite wechseln, wie man’s bei diesem einen Onkel macht, der seit zwanzig Jahren dieselbe Geschichte erzählt und immer lauter wird, je weniger man zuhört.

Die Stadt selbst? Sie merkt davon nichts. Wie auch, wenn man den Blick fürs Wesentliche nur einmal im Jahr beim Neujahrsempfang auspackt? Stattdessen fragt man öffentlich im Clean-Up-Post: „Wo ist die Stadt eigentlich vermüllt?“ Ich sag’s mal so: Vielleicht einfach dem eigenen Schreibtisch folgen. Bürgernähe, Altentreptower Art: Wegsehen, weghören und hoffen, dass der Dreck sich von selbst wegräumt. Seit 2012 offenbar erfolgreich im Flugmodus – Akku voll, Empfang null.

Altentreptow fährt in den Süden und kommt ohne Bahnhof zurück

Und dann die große Ansage: „Wir holen den Bahnhof zurück!“
Also packte man Klemmbretter, Amtsblazer und das letzte Stück Selbstbewusstsein ein und reiste in den Süden. Große Mission, große Erwartungen. Vor Ort dann das volle Programm: Man sitzt beim Eigentümer am Tisch, nippt an Filterkaffee, nickt bedeutungsvoll, schiebt bunte Broschüren rüber – und fährt mit exakt nichts zurück. Kein Bahnhof. Kein Vertrag. Kein Rückkauf.

Dafür immerhin ein Erinnerungsfoto fürs Amtsblatt und die Option, beim nächsten Mal noch eine neue PowerPoint-Folie mitzunehmen. Laut „Nordmumpitz“ hatte die Kleinstadt-Kanzlerin Frau Frau Pusemuckel den Bahnhof sogar zu Weihnachten auf dem Wunschzettel – schön mit Schleifchen drum und Empfangshalle auf Hochglanz. Aber der Gabentisch blieb leer: Der Eigentümer verhandelt nicht. Er will seinen Bahnhof behalten – rostig, verriegelt, vermüllt.

Vielleicht schaffen wir’s dafür wenigstens noch auf Platz eins der Lost-Places-Charts. Mit geführten Touren durch den „Bahnhof des Verfalls“ und optionalem Tauben-Selfie am Gleis. Altentreptow – Lost Place mit Gleisanschluss.

Der Bahnhof, der auf uns Bürger wartet

Und dabei hätten wir alles, was wir brauchen: Platz, Geschichte, roten Klinker zum Niederknien. Ein Gebäude, das schreit: „Mach was aus mir!“ – nur blöd, dass hier keiner hinhört. Stattdessen pfeift der Wind durch die leeren Fenster, die Tauben nicken wie Aufsichtsräte nach dem Mittagsbuffet, und wir Bürger stehen davor wie Antragsteller in einem Amt ohne Stempel.

Altentreptow wollte Anschluss. Bekommen haben wir Stillstand. Und während die Gleise weiter weinen, träumen wir von einem schönen Bahnhof, der Gäste einlädt zu bleiben – mit einer riesigen Empfangshalle, blühenden Beeten, einem freundlichen Mann am Schalter und vielleicht sogar einem kleinen Café, in dem Pittilatsch und sein Schnattchen wieder Gesellschaft hätten. Bis dahin sitzt Pittilatsch im Regal, drückt sein Schnattchen ganz fest an sich und wartet mit uns. Vielleicht auf den nächsten Zug. Oder wenigstens auf eine neue Idee.

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Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Sonntag, 31. August 2025 © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/ Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

Sujet Satire aus Altentreptow

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