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DAVE SARDY

Der Produzent von „Born To Kill“

Ox-Interview von Joachim Hiller

Mike Ness erwähnt im Ox-Interview, dass Produzent Dave Sardy eine wichtige Rolle spielte beim neuen Album. Also sprach ich mit dem Grammy-ausgezeichneten Produzenten aus Los Angeles, dessen eigene musikalische Anfänge auf die späten 1980er und frühen 1990er zurückgehen, als er in New York mit seiner auch in Europa bekannten Band BARKMARKET aktiv war, die wiederum auf Rick Rubins Label American Recordings veröffentlichte. Sardy arbeitete in den letzten Jahrzehnten sowohl an Filmmusik wie auch mit diversen Bands, unter anderem war er an Alben von THE WHO, HELMET, SYSTEM OF A DOWN, Johnny Cash, WOLFMOTHER, OASIS, THE HIVES, HEALTH, FALL OUT BOY und eben JET beteiligt – letztere Produktion war es, die Ness zu seiner Wahl bewegte.

Foto: Chris Corsmeier

Dave, hast du eine Erinnerung an Deutschland aus der Zeit mit BARKMARKET vor über 30 Jahren?

Ich war damals fast Veganer, und als solcher in den 1990er Jahren auf Tour zu gehen, war weder in Amerika noch Europa einfach. Ich erinnere mich, dass wir einmal in einem Schlachthaus gespielt haben. Ich weiß nicht mehr, wo in Deutschland das war. Überall Blut und Sägemehl auf dem Boden. Und ich denke nur: Das ist echt nervig. Ich weiß, dass das nicht gut gehen wird. Und dann, wir haben gerade gespielt, sind total verschwitzt und haben den ganzen Tag nichts gegessen, es ist Mitternacht, bringen sie ein paar Tische und decken sie. Sie bringen das Essen. Ich denke mir: Nein, da ist Fleisch drin. Sie: Nein, nein, nein. Ich: Doch, da ist Fleisch drin. Die sagen: Nein. Nur Haut. Damals Vegetarier zu sein, war echt keine einfache Zeit. Mike ist übrigens ein überzeugter Veganer, was echt cool ist. Man würde das auf den ersten Blick nicht denken. Er redet nicht viel darüber, aber er und seine Frau leben schon seit Ewigkeiten vegan. Sie machen einfach keine große Sache daraus. Das ist ja auch nicht unbedingt ihr Publikum, da denkt man eher an Leute, die viel trinken, viel rauchen und Motorrad fahren. Ich hoffe, dass ich ihn jetzt nicht bloßgestellt habe.

Wie wurdest du einst Vegetarier?

Das fing schon als Kind an, aber ich habe daraus nie eine große Sache gemacht. Mich stört, wenn Leute damit ihre Tugendhaftigkeit signalisieren wollen. Ich war Vegetarier, aber ich habe einfach nicht darüber geredet. Die Leute fragten: „Was möchtest du essen?“ Ich antwortete: „Habt ihr etwas ohne Fleisch?“ Ich war so ein großer Kerl aus Brooklyn und Vegetarier zu sein, war überhaupt nicht angesagt. Meine erste Frau war sehr aktiv in der Tierrechtsbewegung, hat die Türen von Pelzgeschäften sabotiert und so. Als Kind hatte ich eine Cousine, die ich echt geliebt habe. Sie war eine Hippie-Frau, die um die Welt gereist ist und in den 1970ern in Afghanistan im Knast gelandet war. Die hat mal gesagt, dass ich schon als Kind vegetarisch gegessen habe – das habe man daran gesehen, wie ich im Essen herumgestochert habe. Und die Kochkunst in meiner Familie hat mir nicht gerade geholfen, graues Roastbeef mit Borschtsch ... Heute, mit Kindern und Familie, esse ich, was auf den Tisch kommt, aber ich bevorzuge es, wenn es nicht nach Tier aussieht.

Du bist erst nach dem Ende von BARKMARKET, ab Mitte, Ende der 1990er, zum erfolgreichen Produzenten geworden.

Ich bin erst spät Vater geworden und sage dann immer, das kam deshalb, weil ich in meinen Zwanzigern immer total abgebrannt war und irgendwo auf dem Boden geschlafen habe. Ich hatte bis Mitte 30 nichts geschafft, und dann war ich fast 40, als das erste Kind kam. Ich verspürte zunehmend ein Gefühl von Verantwortungsbewusstsein, dachte mir, dass ich all die Jahre einfach nur selbstsüchtig war. Was auch stimmt. Man kann kein Künstler sein, ohne total selbstsüchtig zu sein, zumindest am Anfang. Um in irgendeiner Kunstform gut zu werden, braucht man so eine zielstrebige Konzentration, dass man leicht zum Arschloch wird und sich so sehr in sich selbst verliert, dass man nichts mehr sieht außer seiner eigenen Vision. Man braucht eine gewisse Demut, um die nächste Stufe zu erreichen. Hätte ich mich nicht dafür entschieden, Produzent zu werden und mit Leuten zusammenzuarbeiten, die objektiv besser sind als ich, wäre ich nicht an diesen Punkt gekommen. Du arbeitest plötzlich mit einigen der besten Leute der Welt in diesem Bereich zusammen und stellst fest: Scheiße, Mann, das übersteigt meine Fähigkeiten. Aber ich kann dieser Person helfen, denn jeder hat seine Schwächen.

Und was kannst du als Produzent dann tun?

Die Aufgabe eines Produzenten ist es, Ziele zu erkennen und herauszufinden, was uns daran hindert, diese Ziele zu erreichen. Beim Songwriting, bei den Aufnahmen, den Ideen, der Umsetzung, der Ausführung, der endgültigen Version – es gibt immer etwas, das dich davon abhalten kann, den Weg bis zum Ende zu gehen. Es geht also um das Streben nach absoluter Perfektion. Und selbst wenn wir dieses Ziel nicht ganz erreichen, sind wir immer noch weiter, als wenn wir es nicht versucht hätten. So zu arbeiten hat mich sowohl selbst zu einem besseren Künstler gemacht, wie auch zu einem besseren Produzenten. Ich merke das, wenn ich Musik für einen Film komponiere. Du bist nicht der Boss bei so einem Film, du bist vielleicht das 28. Glied in der Kette, je nach Regisseur und Art des Drehbuchs und den Zielen des Films. Es ist eine sehr demütige und sehr intensive Erfahrung, aber es macht Spaß und ist verdammt herausfordernd. Und dann kehrst du zu deinem Job als Produzent zurück und plötzlich bist du wieder der Entscheidungsträger. Mit dieser wechselnden Erfahrung kann ich den Job mit viel mehr Demut ausüben.

Was schätzen die Leute an dir?

Je besser man wird, desto mehr bleibt man seinen Prinzipien treu und hat seine eigene Meinung. Ich bin bekannt dafür, dass ich ein brutal ehrlicher Produzent bin. Wenn ich mit einem Künstler zusammenarbeite, habe ich das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, das Publikum zu sein, bevor das wirkliche Publikum die Musik zu hören bekommt. Wenn ich also sage, dass mir langweilig wird bei einem Song, meine ich das auch so. Dann läuten die Alarmglocken. Also sage ich: Lass uns herausfinden, woran das liegt. Die besten Künstler, mit denen ich gearbeitet habe, sind sich sehr bewusst, dass sie mich als eine Art Personal Trainer bezahlen, um bessere Sportler zu werden. Schau dir die besten Spitzensportler der Welt an, die machen das nicht alleine, die haben Teams von Profis um sich herum, die sie in Topform halten. Es gibt diesen Mythos über Künstler, dass sie Einzelgänger sind, die ganz alleine auf geniale Ideen kommen. Ja, die eigentliche Idee kommt daher, aber um dauerhaft auf hohem Niveau zu arbeiten, sollte man ein Team um sich herum haben. Leute, die einem bei den T-Shirt-Designs helfen, die den Bus fahren, die einem helfen, die Platte in 75 Ländern zu veröffentlichen. Als Musiker, der sich keinen Produzenten leisten konnte, hatte ich selbst damals das Glück, dass der Besitzer des Plattenlabels, bei dem ich mit meiner Band unter Vertrag war, selbst Produzent war.

Du redest von Rick Rubin und American Recordings?

Ja. So hatte ich den Vorteil, dass mich jemand, der wusste, wie man Platten produziert, vorantrieb. Er ließ mich eine Platte aufnehmen und spielte mir das Ergebnis dann vor und sagte: „Das ist verrückt. Das ist unglaublich. Aber was ist hier passiert?“ Und ich sagte dann: „Scheiße, ja, ich weiß ...“ Es war nicht so, dass er sagte, ich solle das anders machen, sonst würde das nicht im Radio gespielt. Er meinte: „Scheiß auf das Radio. Die machen, was sie wollen, scheiß auf die.“ Es war toll, jemanden an der Spitze des Labels zu haben, der genauso ein Plattenproduzent war, wie ich einer sein wollte. Normalerweise sind die Leute, die Labels leiten, überhaupt keine Musikmenschen, sondern solche, die gut darin sind, Märkte zu analysieren und Firmen zu leiten. Und wenn die dann mal einen Hit landen, ist es in neun von zehn Fällen Glückssache, das hat nichts mit der verantwortlichen Person beim Label zu tun.

Weißt du, wie Mike Ness dich gefunden und ausgewählt hat? Im Interview sagte er, zu mir, dass es wegen des JET-Albums war, das du gemacht hast. Wie war es, mit ihm an „Born To Kill“ zu arbeiten? Alle seine Fans haben 15 Jahre lang darauf gewartet, dass dieses Album kommt.

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