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In Kontakt gehen (RDS #2)

Mawa lehnte sich im Klappstuhl zurück. Sie drehte eine Locke ein und guckte durch die riesige Lobby des Büroturms, den sie besetzt hatten. Ihre Beine schmerzten, sie hatte seit Stunden gestanden und gerettete Lebensmittel verteilt. 

Die Tapeziertische vor ihr waren immer noch voll davon. Brot in Plastiktüten, Paprika und Salatköpfe, eingeschweißter Lachs und dutzende andere Sachen, die sonst im Müll gelandet wären. 

Ihre Schwester Sara stand hinter dem Rezeptionstresen aus schwarzem Marmor. Wo früher Manager mit ihren Rollköfferchen ankamen und von Rezeptionistinnen mit falschem Lächeln begrüßt wurden, standen jetzt obdachlose Männer und Frauen mit ihren Fragen, ihrem Kummer, ihren Bedürfnissen. Sara hörte zu, gestikulierte, half. 

Die “Alten Frauen”, wie die Presse sie bereits nannte, hatten die Großraumbüros im ersten und zweiten Stock zu Unterkünften umgewandelt. Mit Stellwänden und Tischen versuchten sie kleine Abteile und damit etwas Privatsphäre herzustellen. Es gab genug Toiletten, aber keine Duschen. Dieses Problem war ihnen vorher bewusst gewesen, aber eine Lösung hatten sie nicht. 

Seit der ersten Stunde hatten sie damit gerechnet, dass die Polizei reinstürmen und sie räumen würde. Die Türen standen offen, nichts hätte sie davon abgehalten. Aber sie waren nicht gekommen. 

Die Mietpreise in den Städten stiegen, mit ihr die Obdachlosigkeit. Gleichzeitig standen seit der Pandemie massig Büroflächen leer, denn viele waren ins Homeoffice gewechselt und nie mehr vollständig zurückgekehrt. Dazu kam, dass KI immer mehr Jobs vernichtete.

Einige Law and Order-Politiker polterten. Aber selbst den rechtsradikalen Parteien fiel es schwer, Angriffspunkte zu finden, denn die Themen Miete und Obdachlosigkeit zogen sich quer durch alle Wählerschichten – und wer wollte Fernsehbilder verantworten, auf denen ältere Frauen in Handschellen abgeführt werden? Die Rechtsradikalen behalfen sich auf ihre Art, schütteten Misogynie über den Frauen aus. Mawa störte es nicht. 

***

Auf dem Teller vor ihm lagen ein paar Stücke Hähnchen in Knoblauch-Tomatensauce. Ostropel de pui, Skibidis Lieblingsgericht. Seine Mutter saß ihm gegenüber. “Pofta buna”, sagte sie. Guten Appetit. Dann sagte sie nichts mehr. Skidbidi guckte aus dem Fenster des 13. Stocks des Plattenbaus, in dem seine Mutter wohnte, seine verwitwete Mutter.

Seine Eltern waren noch in der Sowjetzeit geboren, in die Armut und Unterdrückung der späten Ceaușescu-Jahre, waren dabei gewesen im Jubel der Revolution von 1989, hatten das Ende des Sozialismus herbeigesehnt, gefeiert und dann bedauert. 

Im neuen System, in der Freiheit des Kapitalismus, waren ihre Berufsausbildungen plötzlich nichts mehr wert gewesen. Internationale Investoren und aufstrebende Oligarchen kauften die Großbetriebe auf, filetierten sie wie ein Schlachthuhn, behielten die Filets, den Rest schmissen sie den Hunden zum Fraß vor. 

Skibidis Eltern hatten zu dem Rest gehört, alles gegeben, sich durchgekämpft, irgendwann auch kleine Siege: ein erster Fernseher, ein kleines Auto, eine Spülmaschine. Doch der Preis dafür war hoch gewesen. Skibidi kannte seine Eltern nur müde. Es fühlte sich an wie eine Niederlage. Seit dem Tod seines Vaters war seine Mutter erloschen.

“Mutter”, sagte Skibidi. 

“Ja?”

“Ich rede jetzt online über den Tod von Papa.”

“Mh.”

“Leute hören mir zu.” 

Seine Mutter guckte ihn kurz an, dann auf seinen Teller, der leer war. 

“Im Topf, da ist noch was, wenn du noch was willst”, sagte sie, guckte dann wieder auf ihren Teller. 

***

Thomas klingelte an der ersten Tür. Niemand machte auf. Er stieg die Treppe hoch. Er humpelte leicht, seit er vor ein paar Jahren auf einer gefrorenen Pfütze ausgerutscht war und sich das Bein gebrochen hatte. Sobald der Gips ab gewesen war, war er jeden Tag laufen gegangen, jeden Tag ein Stück mehr, um wieder in Form zu kommen. Er konnte jetzt wieder unterwegs sein, das Humpeln ignorierte er.

In der Hand hielt er einen gefalteten Zettel, auf dem er alles festhielt. Wann er heute an der ersten Tür geklingelt hatte. Wie viele Menschen aufgemacht hatten, wie viele ihm gesagt hatten, dass sie zur Bürgerversammlung kommen würden, wie viele ihm ihre Kontaktdaten gegeben hatten. Wie lange es pro Tür gedauert hatte. 

Er wusste, dass es viel brauchte für eine Revolution. Eine gute Kultur im Inneren. Eine langfristige Strategie. Leadership in Service und klare Organisationsstruktur. Und all das musste im richtigen Augenblick bereit sein, in einem dieser Momente, wenn Geschichte flüssig wird, große Veränderungen in kurzer Zeit möglich werden. Wenn man den Kairos beim Schopf packen kann – doch all das war nichts, wenn die Zahlen nicht stimmten. Die Zahlen auf seinem Zettel. 

Hier in Lambeth im südlichen London sahen die Zahlen gut aus, das hieß: mit einer Arbeitsstunde von sich konnte er mehr als eine Arbeitsstunde von Freiwilligen produzieren. 

Thomas wusste, dass das kalt klingen konnte. Rationalistisch. Wo war da der Unterschied zum neoliberalen Weltbild, in dem alles immer nur Mittel zum Zweck war, vor allem auch Menschen? 

Für ihn war das klar. Er wollte nichts von den Menschen, außer dass sie sich selbst befreiten – aus der politischen Unmündigkeit, aus der Gängelung durch die Eliten, und dem sicheren Tod in der eskalierenden Klimakrise. 

Die nächste Tür war unscheinbar. Braun mit einem kleinen Türspion. Thomas strich sich über seine grauen Haare, die in einem Zopf endeten. Er hatte das tausende Mal gemacht. Jedes Mal war neu. Er klingelte. Eine junge Frau öffnete. Sie trug noch ihre Krankenschwesternuniform. Vielleicht kommt sie gerade erst von ihrer Schicht, dachte Thomas. 

“Ja, bitte?”, sagte sie. 

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