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Das größte Potenzial

In einem Co-Working Space bin ich letztens an diesem Spruch vorbeigelaufen: “I don’t pull, I attract”. Ich ziehe nicht, ich ziehe an. Meine erste Reaktion war: das klingt furchtbar blasiert.

Dass etwas eine tiefere Wahrheit hat, merke ich oft erst daran, dass es mir nicht aus dem Kopf geht. So ist das ja auch mit guten Popsongs: Da sind Zeilen, die gleichzeitig wahr und sehr einfach sind. Und “I don’t pull, I attract” geht mir nicht mehr aus dem Kopf. 

In diesem System der Gewalt, in dem wir leben, zerren wir unablässig aneinander, denn die Grundüberzeugung lautet: Wenn ich etwas will, dann bekomme ich es, indem ich es dir wegnehme.

Mehr Gehalt für mich, heißt weniger Gehalt für dich. 

Mehr leckeres Essen für mich, heißt weniger leckeres Essen für Menschen im Globalen Süden. 

Mehr politische Macht für mich, heißt weniger politische Macht für Menschen anderer Meinung. 

In den Räumen, die nicht komplett davon zersetzt sind – gute Freundschaften, (Wahl-)Familie – gilt das nicht. 

Sonst fast überall.  

Meistens merken wir das noch nicht mal mehr. Die Annahme, es ist nicht genug für alle da, hat sich tief in unsere Seelen gegraben. Dabei ist das kollektiv, wie individuell Quatsch. 

Ganz materiell könnten wir das Leben für jeden Menschen auf diesem Planeten angenehm, gesund und sicher gestalten, wenn wir das System ändern und für Umverteilung sorgen. Das ist zugegeben eine große Aufgabe, und nicht weniger groß ist sie fürs Individuum: Wirklich daran glauben, dass genug für einen selbst da ist.

Wer tut das schon? 

Ich nicht. 

Ich lebe auch in Angst, dass es am Ende nicht reicht. Dass ich kämpfen muss für mein Recht auf Sicherheit, Freiheit und Liebe – und so ist es ja auch in diesem System. 

Gerade hat die #MerzMafia-Regierung wieder die Grundsicherung verstümmelt. Wer seinen Job verliert, der wird bestraft, der bekommt nicht mehr genug zum Leben. Das macht Angst. Also muss man kämpfen. Am Ende kämpfen alle gegeneinander – und die Angst und das Kämpfen wachsen ins Unermessliche.


Das Furchtbare in dieser Situation ist ja: Selbst wenn ich mir etwas erkämpft habe, muss ich die ganze Zeit fürchten, es wieder zu verlieren, sobald ich nachlasse. Deshalb sind Millionäre und Milliardäre ja auch so paranoid.

Ich will nicht in ihrer Haut stecken. 

Raus kommen wir da nur gemeinsam. Vertrauen ist etwas, das wir uns gegenseitig schenken können. Das Wunderbare ist: Während Kämpfen den Kuchen immer weiter verkleinert, vergrößert er sich, wenn man vertraut, denn meine Erfahrung ist: Wenn ich jemandem vertraue, dann vertraut er meistens auch mir, und plötzlich: Lässt die Angst nach, und für uns beide ist mehr da – mehr Leichtigkeit, mehr Freude, ja, auch mehr Materielles, denn wir können ja teilen, was da ist, damit beide haben, was sie brauchen. 

Klar, auch das ist scary. Vertrauen kann missbraucht werden. Man kann auf jemanden mit offenem Herzen zugehen, die Person erwidert das jedoch nicht. Das tut weh. Das kann tief verletzen. Passiert mir auch. 

Was ich aber oft merke: dass ich es im Nachhinein wieder so machen würde, weil es richtig war, so zu handeln. Etwas hat wehgetan, aber meine eigene Menschlichkeit ist intakt geblieben, denn die kann ich nur selbst verletzen. Ich lerne daraus, wachse, und versuche es wieder, und: das ist ansteckend. 

Auch in sozialen Bewegungen gibt es den Impuls an Menschen zu ziehen: “Wir müssen sie dazu kriegen, mitzumachen!” 

Verwunderlich ist das nicht, schließlich sind wir alle im System der Gewalt sozialisiert worden. Doch damit stärken wir es nicht nur, wir bleiben auch hinter unserem Potenzial zurück. 

Eine soziale Bewegung, die radikal auf Vertrauen, Schönheit und Liebe beruht, würde sich so anders anfühlen als die Welt der Angst und des Kämpfens. 

“I don’t pull, I attract” – das klingt in meinen Ohren immer noch blasiert, aber im Kern liegt darin eine Wahrheit, die wir hören sollten. 

P.S. Entschuldigt, dass ich vergangene Woche nichts geschickt habe. Die erste FAIRNESS JETZT-Demo und der Bürgerrat waren richtig schön.

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