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Redensarten Nr. 18 - Wann hat der steile Zahn das gewisse Etwas?

Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,

willkommen zu meinem achtzehnten Newsletter.

Heute widmen wir uns einer angenehmen Sache: der Schönheit - und wo sie in Redewendungen und umgangssprachlichen Ausdrücken eine Rolle spielt.

Zunächst aber möchte ich Euch auf mein neues Video hinweisen, das ich vor ein paar Tagen hochgeladen habe. Dort geht es um das Gesicht in Redewendungen. Insbesondere die Redensart “das Gesicht verlieren (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” hat eine sehr interessante Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen - aber seht selbst:

Video "das Gesicht verlieren" (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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Das gewisse Etwas

Jetzt aber zum Thema. Zunächst einmal gibt es Sachen, die das "gewisse Etwas (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" haben. Damit meint man Dinge oder Menschen, die man als besonders schön oder ansprechend empfindet. Das kann ein Essen sein, das besonders gut schmeckt, ein interessantes Kunstwerk oder ein Mensch, von dem man sich angezogen fühlt.

  • Wer das gewisse Etwas hat, der kommt bei den Frauen gut an

  • Ein halber Kaffeelöffel Balsamicoessig verleiht den Tomaten das gewisse Etwas

Aber warum "gewisses Etwas (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)"? Dazu muss man sich beide Wörter mal näher ansehen.

Das Wort "etwas" bezeichnet ganz allgemein ein nicht näher Bestimmtes und kann daher auf alles Mögliche angewendet werden.

"Gewiss" wiederum bedeutet meist "sicher". Z. B. kann man sagen:

  • Morgen wird es regnen, so viel ist gewiss!

Das Adjektiv kann aber auch eine Sonderbedeutung haben, die hier zum Tragen kommt: "Gewiss" drückt auch aus, dass man an eine bestimmte Sache oder Person denkt, die man aber nicht nennen will oder kann bzw. vom Hörer leicht zu erraten ist. Man kann auch sagen:

  • Ein gewisser Herr Müller hat mich gestern angerufen

Das bedeutet, dass man Herrn Müller nicht kennt bzw. vor dem Anruf eine unbekannte Person war.

Otto Reutter (Quelle: commons.wikimedia.org (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Ein schönes Beispiel kenne ich aus meiner Kindheit, als ich eine Platte von Otto Reutter hörte - ein Komiker und Sänger lustiger Lieder, der von 1870 bis 1931 gelebt hat. In einem seiner Couplets finden wir im Berliner Dialekt eine Strophe, die von einem Abreißkalender handelt (ein Kalender mit abreißbaren Blättern, wobei jedes Blatt einen Tag darstellt):

’nen ollen Abreißkalender gab ick weg.

Mein Freund wollt‘ ihn zu ’nem jewissen Zweck.

Er kam Tag für Tag mit’m Datum aus.

Nur wie de Obstzeit kam, musst er öfter raus

Und Ende Aujust sagt "Prost Neujahr!" er...

Ick wundre mir über gar nischt mehr!

(Quelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Damals habe ich den "gewissen Zweck" und überhaupt die ganze Strophe nicht verstanden - bis man mir erklärte, dass der Freund den Kalender als Toilettenpapier gebrauchte und somit pro Tag nur ein Blatt zur Verfügung hatte.

Lange Rede, kurzer Sinn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Das "gewisse Etwas (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" drückt Unbestimmtheit aus, und das ist auch damit gemeint. Denn man kann nicht genau sagen, was man nun an der Sache oder dem Menschen besonders interessant, anziehend, attraktiv oder unwiderstehlich findet. Dem Ausdruck haftet somit auch etwas leicht Geheimnisvolles an, das man schlecht beschreiben kann. Vielleicht ist es auch eine leichte Abweichung von der perfekten Form, die man reizvoll findet. Die Anziehungskraft kann dabei künstlerischer, ästhetischer, geistiger oder erotischer Natur sein.

Die Götter und die Schönheit

Schöne Götter finden wir vor allem in der antiken Götterwelt: Aphrodite ist die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde, Hebe ist die griechische Göttin der Jugend, die die Macht hat, Menschen eine neue Jugend zu schenken und den Nektar reicht - den Unsterblichkeit und ewige Jugend verleihenden, balsamischen Trank der Götter. Und in den Olympischen Spielen der Antike kam nicht nur die Jugend zusammen, um ihre Kräfte zu messen, sondern sie waren auch ein religiöses Fest zu Ehren des Göttervaters Zeus und des göttlichen Helden Pelops.

In diesem Zusammenhang ist die Redewendung "wie ein junger Gott (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" zu sehen, der sich auf einen Mann bezieht, der schön und anmutig ist oder etwas perfekt beherrscht:

  • Er sieht aus wie ein junger Gott!

  • Der Fußballer spielt wie ein junger Gott

  • Der Musiker spielt Saxofon wie ein junger Gott

Die Redensart drückt also vor allem Bewunderung aus.

Adonis (Quelle: commons.wikimedia.org (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Hierher gehört auch Adonis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), eine Figur aus der griechischen Mythologie. Er ist das Sinnbild der Schönheit und Geliebter der Aphrodite. Schon in der Antike wird er als Gattungsbezeichnung für "schöner Jüngling" verwendet und ist auch heute noch - wenn auch nicht besonders häufig - als redensartlicher Vergleich in Gebrauch:

  • In Jugendjahren war er hübsch wie ein Adonis, vor dem die Frauen angeblich reihenweise in Ohnmacht fielen

Bilder und Gedichte

Von Künstlern geschaffene Werke sind meist ästhetisch und ansprechend. So gibt es die Redewendungen "ein Bild von... (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" und "ein Gedicht von... (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", die einen schönen Anblick bzw. einen außergewöhnlichen Genuss beschreiben:

  • Er ist ein Bild von einem Mann!

  • Sie trug ein Gedicht von einem Kleid

  • Diese Steinpilzsuppe ist ein Gedicht

Dann gibt es noch die Redensart vom "ein Bild für die Götter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" - wohl hergenommen vom "Schauspiel für die Götter". Sie beschreibt einen wunderschönen Anblick, kann aber auch eine komische oder groteske Situation kennzeichnen, die man genießt:

  • Wenn Tiere unterschiedlicher Art miteinander spielen und rumtoben, ist das ein Bild für die Götter

  • Es ist ein Bild für die Götter: Mein Sohn ist gerade auf der Couch eingeschlafen und hält krampfhaft Papas Portmonee in der Hand

Die Frauen

(Quelle: depositphotos.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Nun, was wäre die Schönheit ohne die Frauen! Die Attraktivität des weiblichen Geschlechts wird immer wieder besungen, gelobt, ja angehimmelt. Klassische Bezeichnungen für "schöne, attraktive Frau" finden wir dagegen kaum.

Viele gibt es dagegen in der (alten) Jugend- und saloppen Umgangssprache. Heute kaum noch jemand kennt den "steilen Zahn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" und die "dufte Puppe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", die aus der Jugendsprache der 1950er Jahre stammen. Schöne Frauen werden oft mit Tieren verglichen ("eine flotte / süße Biene (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "eine Mieze (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "ein flotter Käfer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "eine Schnecke (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "eine süße Maus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "ein flotter Käfer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)"), Süßspeisen ("eine Torte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "eine Sahneschnitte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)") oder sie beziehen sich auf ihre erotische Wirkung ("ein heißer Feger (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", "ein Geschoss (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", eine Sexbombe).

Mein persönlicher Eindruck ist allerdings, dass die Zeit derartiger Ausdrücke mehr oder weniger vorbei ist. Im Zuge der Gleichberechtigung von Mann und Frau werden sie als plumpe Anmache oder gar abwertend empfunden und wer solche Ausdrücke verwendet, macht sich eher lächerlich.

Femme fatale: Marlene Dietrich in “Der blaue Engel“ (1930) (Quelle: wikipedia.org (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Dann gibt es noch die Kunstfigur der "Femme fatale (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" (Französisch: verhängnisvolle Frau), die mit ihrer Schönheit und erotischen Ausstrahlung die Männer ins Unglück stürzt und als Motiv in Literatur und Kunst seit der Antike zu finden ist. Ihr umweht die Aura des Dämonischen und Geheimnisvollen und spiegelt letztlich die Angst des Mannes vor weiblicher Sexualität und Selbstbestimmung wider. Es ist schon auffällig, dass das Motiv in Kunst und Literatur vor allem um 1900 verstärkt auftritt - einer Zeit, in der die Frauenbewegung viele gesellschaftliche und politische Errungenschaften erstritten hat.

Ganz ähnlich ist auch der Ausdruck der "verbotenen Frucht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", der jedoch nicht nur auf sexuelle Verführung, sondern auf alles Mögliche bezogen werden kann, das verlockend ist und Genuss verspricht, aber als schädlich und verhängnisvoll gilt (z. B. leckeres, aber ungesundes Essen).

Hugo van der Goes, Ein Flügel des Wiener Diptychons (Der Sündenfall) (1470/1475) (Quelle: commons.wikimedia.org (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Ursprung ist hier natürlich die biblische Erzählung vom Sündenfall: Die Stammeltern Adam und Eva lebten im Paradies, dabei war ihnen von Gott verboten, die Früchte des Baumes der Erkenntnis zu essen. Als sie, von der Schlange verführt, es trotzdem tun, werden sie von Gott aus dem Paradies verstoßen.

So, das wars von mir für heute. Ich wünsche Euch noch einen schönen Tag!

Viele Grüße,

euer Peter vom Redensarten-Index

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