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Der schnellste Jahreswechsel meines Lebens: Zwischen Antigua und Jamaika

 

Das Schicksal schlägt ein neues Kapitel auf: Allein auf dem Schiff, allein auf hoher See. Seit fast einem Jahr lebe ich nun auf meiner über achtzehn Meter langen Ketsch DAISY, war aber noch keine einzige Meile allein mit ihr unterwegs gewesen.

Bis heute, Freitag, den elften Januar 2008. Die für die Reise von Santo Domingo nach Jamaika angemeldete Crew hat abgesagt. Autounfall in Deutschland. Näheres wurde nicht mitgeteilt, nur die Folge: Der Urlaub musste ausfallen. Das bedeutet für mich drei Wochen ohne Crew. Ist zwar von der Dominikanischen Republik aus nicht sehr weit, aber immerhin hohe See, Karibik, Passat. Rund fünfhundertvierzig Seemeilen.  

Erreicht hatte mich die Nachricht vor drei Wochen in English Harbour auf Antigua.

Es ist eine der nördlichen Inseln der kleinen Antillen. Der Staat heißt Antigua and Barbuda und umfasst neben diesen beiden noch sechsundvierzig weitere Inseln. Er versteht sich als unabhängige konstitutionelle Monarchie mit dem englischen König als Repräsentanten.

Bewohnt wird das Mitglied im Commonwealth überwiegend von afrikastämmigen Menschen. Ihre Vorfahren wurden von Europäern aus Afrika entführt, um in den Zuckerrohrplantagen auf den Inseln zu schuften. Seit dem Ende der Sklaverei im neunzehnten Jahrhundert spielt Zuckerrohr keine Rolle mehr. Die Leute leben überwiegend vom Tourismus. Sie leben von Menschen wie mir.

Hier erfahre ich also, dass ich von Santo Domingo nach Jamaika allein sein würde. Nun habe ich noch drei Wochen, mich darauf vorzubereiten. Zeit für mein spezielles Einhand-Training.

Auszubaden hat das die Crew, die auf Antigua an Bord kam. Gerlinde eine blondgelockte blauäugige Kollegin der schreibenden Zunft in den Vierzigern, zählt seit langem zur Stammcrew, Thomas kräftiger Kerl mit weisem Haarkranz, Zahnarzt und Segellehrer von der deutschen Nordseeküste und Therese, seine große sportliche brünette Gattin und Kollegin. Alle drei ambitionierte Segler.

Mein spezielles Training besteht darin, zu versuchen, mehr als sonst alles selbst zu machen.  Überhaupt kein Problem, solange das Schiff auf See geradeaus läuft. Segel setzen, Segel trimmen, reffen, geht alles allein, einhand, wie Segler sagen. Solange der Autopilot funktioniert, sowieso. Bei Hafenmanövern sieht es etwas anders aus. Aber das will ich trainieren.

Die Drei wagen also das Abenteuer Karibik und treffen auf einen Skipper, der zwar weder Augenklappe noch Holzbein vorweist, aber dessen rechter Unterarm noch immer dick verbunden ist. Der blutige Raubüberfall in Chateaubelair in St. Vincent, hatte mich gezeichnet. Die Naht ist geschlossen, die Fäden noch drin. Albrecht, den die Machete des Räubers tief den Oberarm verletzt hatte, war nach der Operation schleunigst heimgeflogen nach Bayern. Hannes, Uschi und Matthias hatten mich bis Antigua begleitet. »Blut, überall Blut« habe ich die Geschichte überschrieben.

Die Neuen wollen trotzdem fröhlichen Urlaub erleben auf unserer Reise nach Westen. Der Hafen, in dem die DAISY sie erwartete, liegt auf der Südseite Antiguas und wird auch »Nelsons Dockyard« genannt. 1784 kam der später berühmte Seeheld und Lord sechsundzwanzigjährig als Kapitän der britischen Fregatte BOREAS nach Antigua. Es bestand dort im English Harbour schon seit 1725 eine Werft.

Horatio Nelson ließ den Naturhafen im Auftrag seines Königs George III. als Basis für die britische Präsenz in der Karibik ausbauen. Weil er die strengen britischen Handelsgesetze durchsetzen wollte, bekam er Ärger mit englischen und amerikanischen Geschäftsleuten. Acht Monate soll er deshalb auf der BOREAS gefangen gewesen sein, bis ein Gericht für ihn entschied.

Nur wenige der ersten Gebäude des Hafens sind erhalten. Vom alten Bootshaus stehen nur noch ein paar Säulen. Ein Erdbeben hat den Rest zerstört. Doch die Häuser, in denen heute die Büros der Autoritäten wie Immigration, Hafenbüro und Zoll untergebracht sind, haben locker zweihundert Jahre auf dem Dächern. Sie beherbergen auch ein kleines Museum und einige florierende Geschäfte.

In einer Boutique will ich mir neue Shorts besorgen. Die charmante Inhaberin sieht meinen Verband und fragt, was mir passiert sei. Als ich ihr die Story in groben Zügen schildere und Chateaubelair erwähne, meint sie: »I am so sorry. You are the poor guy. Keep you safe.«

Sie gibt mir einen Rabatt und legt noch ein T-Shirt von der Antigua-Sailing-Week drauf. Die Kleinen Antillen sind kommunikativ offenbar recht gut vernetzt.

Per Taxi schaffen wir Proviant für die nächsten Tage an Bord. Das Land lebt vom Tourismus. Man kann es an den Preisen fühlen. Die Anziehungskraft liegt in der Natur des Eilands: Es darf als paradiesisch gelten. Palmen, reiche Flora, noch etwas Urwald, der höchste Berg vierhundert Meter hoch, grün überwuchert, an den Küsten rund herum zahllose Buchten mit malerischen Ankerplätzen und immer der Passat aus Nordost gern um die sechs Beaufort.

Nur, im Sommer hört der Spaß mitunter plötzlich auf, wenn Wirbelstürme über die Insel fegen und alles demolieren, was nicht stark genug gebaut, verankert oder sonst gesichert ist.

Wenn sich die Karibik aufheizt, entstehen hier gewaltige Zyklone. Die ziehen gewöhnlich, sich kontinuierlich abschwächend, über den nordamerikanischen Kontinent nach Norden und über dem vierzigsten Grad nördlicher Breite nach Osten. Europa freut sich dann über stürmische Tiefdruckgebiete mit viel Nass aus den Wolken.

Die Zyklone im nördlichen Nordatlantik haben auch was Gutes: An ihrer Südseite lässt es sich genial nach Osten segeln etwa auf dem achtunddreißigsten Breitengrad. Meist raumschots und bei gutem Wetter. Habe es dreimal gemacht. Siehe: Novascotia – Faial, Azoren.

Diese Tour muss jetzt noch warten, erstmal liegt die Karibische See vor dem Bug. Drei Tage halten wir uns auf Antigua auf, weil es so schön ist. Genug Zeit, die Crew in das Schiff einzuweisen. Thomas wird zum Coskipper ernannt. Er kennt sich aus mit Segelbooten. Gemeinsam haben wir die Nachbarn bewundert:  Tolle teure Yachten liegen in English Harbour. Sehr teure. Segelyachten gut bis hundert Fuß lang, hochglanzpoliert, mit jungen Crews, die dauernd am Putzen und Wischen sind. Dort, wo früher die Fregatten seiner Majestät mit ihren Kanonen längsseits lagen, wird jetzt mit Buganker und Heckleinen gearbeitet.

Auch der Bug der DAISY zeigt nach Nordosten, dorthin, wo der Wind herkommt. Deshalb ist es wichtig, den Anker weit draußen im Hafenbecken mit viel Kette zu setzen. Sechs Beaufort auf die Nase machen ordentlich Druck. Sicherheitshalber hat man irgendwann eine mächtige Kette quer durch die Bucht gelegt. Wenn sich der Anker darin verhakt, liegt das Schiff sehr sicher. Nur das Ankeraufholen wird etwas schwierig. Hat mir freilich vor meiner Ankunft niemand verraten.  

Dreiundzwanzigster Dezember, drei Uhr nachmittags. Wir sind so weit. Diesel- und Wassertanks voll, ausklariert, Maschine kontrolliert, los geht‘s. Maschinenstart, Heckleinen los, Propeller sachte auf Voraus gestellt.

Thomas hockt vorn an der Ankerwinsch. Singend holt die Winsch die Kette, DAISY verlässt langsam die Lücke. Schon liegen zwei, drei Bootslängen hinter ihr. Klar, es liegen über sechzig Meter Kette im trüben Hafenwasser.

Da geht das Singen in ein gequältes Quietschen über und dann stockt die Winsch. Stille. Thomas beugt sich über den Bug. Er wendet sich nach achtern zu mir.

»Der Anker hängt an irgendwas.«

»Okay. Lass Kette runter. Ich fahr drüber, vielleicht…«

Wäre ein alter Trick gewesen. Drüberfahren auf der anderen Seite des Hindernisses Kette runterlassen, dann anziehen. Da könnte der Anker umfallen und aus dem Hindernis aushaken. Hat schon oft funktioniert. Aber jetzt höre ich einen Außenbordmotor. Zwei junge Kerle knattern in einem Schlauchboot heran. Der eine zieht gerade eine Taucherbrille übers schwarze Gesicht.

»Hey captain! Problem with the anchor? There is a big chain on ground. We get it. Hundred US. Okay?«

»One moment guys!«

Auskuppeln, bin schon am Bug. »Zieh mal an Thomas.«

Er drückt den Fußschalter der Ankerwinsch. Die Kette wird stramm, sehr stramm, der Bug nickt nach unten. Sieht schlecht aus.

»Okay lass Kette runter. Okay guys, do it.«

Schon plumpst der Taucher aus dem Schlauchboot ins Wasser.

»Hundert Dollar! Mein lieber Schwan.«

»Willkommen in der Karibik.«

Der Kerl taucht wieder auf.

»You are free!«

»Los hol ihn rauf ich geh ans Ruder und hol die Kohle.«

Der fünfunddreißig Kilo-CQR kommt spielend hoch, scheppert am stählernen Bugspriet in sein Lager. Das Schlauchboot folgt mir zum Heck.

»Hallo Gerlinde, hast Du mal hundert Dollar, kriegst sie wieder.«

»Thanks a lot. Have a nice trip!« Die beiden rauschen mit ihrem Schlauchboot zurück an Land.

Drehzahl erhöhen, Propeller auf Voraus. Ruder legen. Es geht um die erste Kurve der Einfahrt.

»Würde gern wissen, wie die früher mit ihren Rahseglern hier reingekommen sind.«

Thomas wundert sich genau wie ich.

»Vermutlich geschleppt von Ruderbooten.«

»Gegen den Wind? Ganz schön heftig.«

»Mit zehn Ruderern?«

Die nächste Kurve und dann noch um ein paar kleine braune zackige Klippen herum, Felsen, die nur einen halben Meter aus dem Wasser ragen. Der Ford-Lehmann Sechszylinder schiebt die DAISY sicher dran vorbei. Unser Ziel für heute liegt gleich um die Ecke.

Die Morrisbay. Hier kann man frei ankern. Kostet nichts und ist unglaublich malerisch. Eine weite Bucht nach Westen offen, türkisklares Wasser, gesäumt von hellem Sandstrand und wiegenden Palmen.

Wir üben Bordleben am 24. Dezember. Therese und Gerlinde betätigen sich zum Dinner in der Pantry. Herauskommt ein Weihnachtsmal: Fischfilet mit Kapernsoße, Reis und Salat. Festliche Stimmung im Mittelcockpit.

Tags drauf kommt Santa Claus. In rotem Gewand mit Zipfelmütze kurvt er auf einem Quad über den hellen Strand. Die Palmen wedeln über ihm, während wir das Frühstück im Mittelcockpit genießen und der Generator brummt. Um halb elf holt Thomas den Anker rauf. Die Reise beginnt.

Raus aus der Bucht. Draußen rolle ich die Genua raus. Das große Tuch füllt sich. Raumschots getrieben zieht die DAISY rauschend durchs herrlich glitzernde Meer nach Westen. Auskuppeln, Propeller auf Segelstellung, Maschine aus.

Bald zeigt das GPS sechs Knoten über Grund. Der westliche Horizont ist leer. Achtundvierzig Seemeilen sind es bis Charlestown auf der Insel Nevis. Wir segeln quasi im Kielwasser des jungen Horatio Nelson. Auf Nevis haben sich er und seine spätere Ehefrau gefunden.

Bei achterlichem Passatwind und kleiner Welle saust die DAISY hinter der stramm geblähten Genua her. Mittags muss der Generator mal zwei Stunden laufen. Aus der Pantry kommt ein köstlicher Snack. Der Autopilot steuert leise summend. Das ist es wohl, was die Leute von der Karibik erwarten. Segeln im Passat, blaues Meer, zweiunddreißig Grad Celsius mitten im Winter.

Nachmittags taucht am Horizont voraus eine Insel auf. Eine grüne Spitze. Das muss Nevis sein. Eine grünüberwucherte Vulkaninsel. Knapp tausend Meter ragt der erloschene Kegel laut Karte übers Meer. Das Eiland gehört zu dem Karibikstaat Saint Kitts and Nevis. Bisschen über fünfzigtausend Einwohner.

St. Kitts hieß ursprünglich Sankt Christobal. So schrieb es Kolumbus in sein Logbuch. Hat sich bisschen abgeschliffen seit 1493. Auch Nevis hatte einen spanischen Namen: Nuestra Señora de Nieve. Auch zu lang. Nun bilden beide einen der kleinsten Staaten der Erde, Mitglied im Commonwealth of Nations. Parlamentarische Monarchie. Repräsentantin ist zur Zeit unserer Reise die britische Königin.

Wir lassen die Insel an steuerbord. Es wird finster, ehe wir das Südkap erreichen. Im Westen hinter dem kegeligen Berg gibt es kaum noch Wind. Der Sechszylinder wird gebraucht. Ich will die Genua wegrollen, aber Thomas nimmt mir die Arbeit ab. Mit den Lichtern der Siedlungen an steuerbord motoren wir schließlich nach Norden. Es gibt Arbeit: Die rote Lampe an Backbord fällt aus.

Vor der Stadt Charlestown umrunden wir das Kap einer vorspringenden Halbinsel und schon sehen wir die Ankerlichter etlicher Segler. Es findet sich ein ruhiger Platz in der weiten Bathbay im Windschatten des Vulkans. Anker klar und fallen lassen auf sechs Meter Tiefe mit vierzig Meter Kette. Wollte ich eigentlich auch selbst machen. Position 17°07‘433 Nord, 062°38‘068 West.

Landgang ist nicht geplant in der karibischen Finsternis. Das Dinner wieder im Mittelcockpit. Die vielen anderen Ankerlieger vermitteln ein Gefühl der Sicherheit. Die Schiebeluken werden dennoch verriegelt.

Am Morgen kümmert sich der Skipper um die Backbord-Positionslampe, während der Generator brummt. Die Glühbirne ist in Ordnung kriegt aber keinen Strom. Der Fehler in der Leitung wird gefunden. Baden, Frühstück. Um zwanzig vor zehn Maschinenstart und Anker auf. Diesmal ist unser Ziel schon bei der Abfahrt zu sehen: St. Kitts.

Der Kurs weist nach Nordwest und das bedeutet, dass der Passat fast halbwinds einfällt und alle Segel gefragt sein werden, sobald wir aus dem Windschatten kommen. Also kurble ich um zehn das Groß hoch und dann das Besansegel, während der Autopilot steuert. Muss mich richtig beeilen, damit mir niemand die Arbeit abnimmt.

Da wir wieder mit sechs Beaufort rechnen müssen, binde ich gleich das erste Reff ins Groß. Beim Trimm greifen dann doch Thomas und Therese ein. Die DAISY rennt wieder richtig flott.

Es sind nur zwölf Seemeilen bis Basseterre. Die Hauptstadt von St. Kitts und des gesamten Staates trägt den französischen Namen: Basseterre, niedriges Land. Um zwölf mittags schalte ich die Maschine ab. DAISY segelt leicht nach backbord gekrängt mit sechs Knoten nach Nordwest.

»Seht Ihr das?«

»Was?«

»Da vorn. Das Wasser. Weiß geschäumt. Da pfeift es sauber.«

Sujet Komm an Bord!

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