Aus dem Wald
Okay, damit, dass wir wirklich weder Internet noch Handy-Empfang bekommen, haben wir nicht gerechnet. Unser Ferienhaus liegt friedlich im Wald, nur belagert von einer Armee riesiger Mücken. Wir schreiben, machen viel Mittagsschlaf, essen viel Gesundes und Ungesundes und gucken abends manchmal schlechte deutsche Krimis im Fernsehen.
Mia
Ich könnte problemlos dauerhaft so leben: In einem großen Holzhaus mit Freundinnen, schreiben, lesen, reden, nappen, Essen kochen. An die totale Abwesenheit von Internet gewöhne ich mich rasend schnell, die Lohnarbeit habe ich augenblicklich vergessen. Das Fernsehprogramm wirkt wie ein Artefakt einer untergegangenen Zivilisation.
Wir gehen wenig raus, was an dem unentschiedenen Wetter und an den absurden Mückenschwärmen liegt, die einen umfangen, wie Unwetterwoleken, sobald man einen Fuß vor die Tür setzt. Stattdessen bleiben wir drin, liegen herum, lesen und schreiben und genießen die überbordende Gemütlichkeit unseres Hauses.
Ich lese »Female Choice« (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ein Buch, das einem klarmacht, dass die gesamte Zivilisationsgeschichte aus der Unterdrückung weiblicher Sexualität und der Nutzbarmachung von Frauen als männliches Eigentum basiert. Das Buch wäre schwer zu ertragen, wenn die Autorin nicht so witzig schreiben würde. Good News: Die Zeiten ändern sich, weil wir immer freier werden.
Als der Gaslieferant uns am Nachmittag den leeren Gastank aufgefüllt und uns dann hochtrabend Sachen erklärt (wie Männer das eben manchmal so machen; Als sei er im Besitz exklusiver universeller Wahrheiten), betrachte ich ihn durch die Brille unseres kulturellen und biologischen Erbes und sinniere fasziniert darüber, dass dieser Mensch sich selbst einzig deshalb als höhergestellt wahrnimmt, weil er einen Penis hat, obwohl wir, drei Frauen, tatsächlich in jeder Hinsicht über mehr kulturelles Kapital verfügen als er: wir sind gebildeter, einkommensstärker, sexuell attraktiver. Ein Mann wie er hätte unter natürlichen Bedingungen nicht die geringste Chance, sich mit einer von uns fortzupflanzen.
Mit der Brille des Buches durch die Gegend zu laufen ist unterhaltsam: Es macht einem schlagartig klar, wie viel Macht wir in Wirklichkeit haben, und wie viel davon nur deswegen brach liegt, weil wir uns nicht entschließen, sie zu nehmen. Weil wir Angst vor dem eigenverantwortlichen Leben haben, weil wir nicht cool genug sind, downdating zu betreiben – wie es die Männer seit Jahrtausenden tun – weil wir immer noch unsere emotionalen Bindungen über Karriere und Abenteuer stellen, romantischen Idealen hinterher rennen, und uns immer bloß beschweren, dass Männer nicht genug emotionale Arbeit machen, anstatt die Konsequenzen zu ziehen und den Vertrag mit ihnen zu kündigen und wirklich zu erkennen, dass wir sie nicht brauchen, für eigentlich gar nichts mehr, denn die geistige Nahrung bieten Freunde und Geschäftspartnerinnen und die sexuelle kann im Zweifel auch von einem intellektuell weniger interessanten Mann mit einem schönen Körper oder vom »Vibrationsalarm eines alten Nokia« erledigt werden, wie Kathrin nüchtern feststellt.
Wirtschaftliche Zwänge oder restriktive Sexualmoral binden uns faktisch nicht mehr. Wir könnten uns, fantasiere ich fasziniert, nur duch emotionale und sexuelle Verweigerung binnen weniger Generationen eine Schar von Männern heranziehen, für die charakterliche Reife prestigeträchtiger ist als ein dicker SUV.
Und das sind die Gedanken, die ich entwickle, wenn ich eine Woche ohne Internet im Wald verbringe. Das Patriarchat hat wohl gute Gründe, sich große Sorgen zu machen.
Mika
Seit ich schreibe (was schon ziemlich lange ist), habe ich diese Idee von mir, dass ich Autorin werden könnte . Ein richtiges Buch zu schreiben, das Menschen in der Hand halten können, stand ganz oben auf der Lebensliste. Vor ein paar Wochen habe ich den Punkt gestrichen. Der Grund ist nicht, dass ich glaube, dass ich nicht schreiben kann (denn das kann ich ganz gut) oder dass ich nichts zu sagen hätte (denn ich habe bekanntlich ein großes Mitteilungsbedürfnis – wöchentlicher Podcast, ähem.). Vielmehr habe ich meinen Fokus verlegt von der Frage „Was will ich tun?“ zu „Wie will ich es tun?“. Ich finde heraus, auf welche Art und Weise, ich eigentlich arbeiten will. Damit rückt die Frage, was genau der Inhalt ist, was sozusagen in meiner E-Mail-Signatur steht, immer mehr in den Hintergrund. Und mit mir allein in einem Zimmer zu hocken und an einem schwer überschaubaren Projekt zu arbeiten, auf das niemand so richtig wartet und das immer über meiner Freizeit hängt, ist einfach nicht so mein Ding. Sonst hätte ich – gemessen an der Zeit, an der ich das unbedingt wollte – mehr Ergebnisse. Es fühlt sich gut und befreiend an, einen Traum loszulassen.
Es ist also genau der richtige Moment für eine Schreibwoche im Wald ohne Internet, in der ich mit zwei tollen Frauen abhänge, die an ihren Büchern schreiben.
Ich dagegen widme mich den kleineren Projekten, den überschaubaren und für mich schaffbaren. Eines dieser schaffbaren Projekte war ein Text, den ich schon lange schreiben wollte und den wir gestern veröffentlicht haben. Er heißt »Alkoholiker, das sind immer die anderen« und beschäftigt sich mit der Frage, was eigentlich ein:e »Alkoholiker:in« ist – wieso ich mich diesem Begriff so lange nicht zugehörig fühlte und wieso sich meine Meinung dazu verändert hat. Ich glaube, eine Tendenz innerhalb der Szene zu wahrzunehmen, sich nicht nur von dem Stigma des Begriffes zu distanzieren, sondern auch von guter und wertvoller Arbeit, die unter diesem begrifflichen Schirm stattfindet – einfach, weil sie mit diesem Wort assoziiert ist. Ich mache mir Sorgen, dass uns das spaltet und Hürden aufbaut, die bestehenden Strukturen für Suchthilfe zu nutzen (das war zumindest bei mir der Fall).
Ich würde mich freuen, wenn ihr den Text lesen würdet. Wir planen auch, eine eigene Folge zu dem Thema zu machen – Wenn euch also bestimmte Aspekte auffallen, die wir nochmal ausführlicher diskutieren sollten, schreibt uns das gern.
https://sodaklub.com/alkoholiker-sind-die-anderen/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bis nächste Woche
💙 Mia + Mika 🧡