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Arbeitssucht und Dankbarkeitslisten

Es ist diese demoralisierende Zeit des Jahres, in der es zwischen elf und eins vielleicht mal kurz ein bisschen hell wird und dann ist wieder Nacht. In Berlin ist es auch nochmal extra dunkel und extra grau und nur die resilientesten Psychen halten diese Dauerbelastung aus, ohne zumindest ein bisschen nihilistisch zu werden. Mit der Psyche ist es wie mit dem Aquarium im Aquadom: Lange Zeit hält sie dem Druck stand, aber ohne professionelle Wartung ist das Ding irgendwann so marode, dass es einfach platzt und all die schönen Fische raus auf die Straße gespült werden. (Ja, wirklich alles ist eine Metapher).

Anyway, um die Dunkelheit zu überstehen, hilft absurd viel Schlaf (mein Tipp), hochdosiertes Vitamin D (Scarletts Tipp) und Dankbarkeitslisten (Standard Mental Health Tipp). Der Trick bei Dankbarkeitslisten ist, sich immer was Neues auszudenken, also ist man mit Banalitäten wie »Freundinnen« und »ein Dach überm Kopf« schon an Tag zwei durch und muss ein bisschen kreativer werden.

Sachen, für die ich diese Woche dankbar war:

All meine klimaneutralen Kaschmirpullover, die ich im Second Hand Laden für weniger Geld gekauft habe als Plastikklamotten bei H&M kosten und die sich anfühlen wie den ganzen Tag sanft umarmt werden.

Florence Given (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und ihre InstaStories, in denen sie mit pinken Haaren, Cowboystiefeln und Leopardenkaffeetasse unapologetically zu Seventies Musik tanzt.

Keine meiner Pleasures ist guilty.

Habe immer noch nicht die Grippe. Trotz U-Bahn!

Das liegt einzig und allein an neun Stunden Schlaf pro Nacht.

Lavi legt mir mein spezielles Lieblingskissen neben Scarletts Kissen.

Scarlett und Lavi schlafen auf meinen Schultern ein.

Perfekt sitzende Unterwäsche.

Rinderfilet, Rotkohl und Knödel.

Komplett splissfreie Haare. 

Der Typ auf Github, der einen selbst gebauten Ersatztreiber für mein veraltetes Grafiktablett online gestellt hat, einfach so, aus purer Menschenfreundlichkeit.

Die Befriedigung, das erste Mal in meinem Leben ein Notizbuch komplett vollgeschrieben zu haben, bevor ich das nächste anfange.

Dieser Essay (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) über einen wirklichen Scheißtypen, der mit dem Erfolg der Autorin nicht klarkam und immer Angst hatte, dass sie über ihn schreiben könnte und der dann mit ihr Schluss machte und an dem sie sich rächte, indem sie über ihn schrieb und das alles ist schon fast Literatur Revenge Porn, aber geil. 

Und dieser Reaction Essay (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) darauf, von dem ich mich (und meine kompletten Zwanziger) sehr doll gesehen fühle.

(Alle meine Exfreunde finden es btw komplett super, wenn ich über sie schreibe. Was schon auch heißt, dass ich irgendwas richtig gemacht habe.)

Textschnipsel der Woche

»Nüchternheit ist die Fähigkeit zu genießen.«

Russ Hudson

Mika fragt sich, ob sie arbeitssüchtig ist

Mein Typ schaut mir aus dem Video-Call von der anderen Seite des Bildschirms aus entgegen. Oh Gott, das klingt ganz furchtbar, sagt er und ich frage mich: Hä? Was meint der. Ich bin ganz gut gelaunt und hab ihm gerade von meinem neuesten Life-Hack erzählt: Ein Reminder für meine eigene Existenz. Mit schwarzem Kuli hatte ich mir heute morgen zwischen Daumen und Zeigefinger die Worte You are real geschrieben, um mich bei der Arbeit daran zu erinnern, dass ich weiterhin existiere, dass ich ein denkender, fühlender, handelnder Mensch bin. Denn ich vergesse das oft und so ein Reminder ist doch clever und praktisch. Dann sagt der Typ, immer noch mit diesem empathisch traurigen Blick, der einen völlig umhaut, wenn man ihn nicht erwartet: Mir tut das nur so leid, dass du bei der Arbeit vergisst, dass du existierst und du es dir auf die Hand schreiben musst, um dich daran zu erinnern.

Oh.

Ups.

Dass ich ein verqueres Verhältnis zu Arbeit habe, ist wirklich nichts neues. Mia und ich witzeln manchmal darüber, dass wir beide diesen einen großen Bereich im Leben haben, der immer voll mit Drama-Gefühlen ist. Für Mia ist es Liebe und für mich ist es Arbeit. Sätze von mir, die darauf hinweisen, beinhalten Goldstücke wie diese hier: Wenn ich einmal angefangen habe, ist es schwierig, mich zu stoppen. Arbeit ist der Bereich, in dem mein Selbstwert steht und fällt. Das schönste am Kranksein ist, dass man mal in Ruhe zum Arbeiten kommt. Und natürlich: Wenn ich bei der Arbeit bin, vergesse ich oft, dass ich existiere.

Als Mia und ich letztes Jahr Daniel Schreiber interviewten, mieteten wir dafür ein Studio in Berlin und für den Soundcheck sollten wir alle ein Wort mit “P” sagen. Mia sagte: Papagei. Daniel sagte: Papier. Ich sagte: Produktivität. Unfreiwillige Selbstoffenbarung nennt man das wahrscheinlich (Obwohl Mias Antwort natürlich maximal rätselhaft ist).

Am Morgen nach dem Gespräch über meinen Existenz-Reminder, wachte ich auf und über Nacht hatten meine Gedanken eine neue Rahmung bekommen. Das Selbstgespräch, das sich anschloß, verlief etwa so:

Wait! Was, wenn mein Verhältnis zur Arbeit eigentlich die Kriterien einer Sucht erfüllt?

Unmöglich. Dafür arbeite doch gar nicht genug. 

Bezeichnend.

Ich fand das nicht beängstigend oder schlimm - ich war erleichtert. Sucht kenne ich. Sucht ist zwar ein Arschloch, aber ich kenne dieses Arschloch. Ich weiß dann, dass mir mein Wille manchmal nicht gehört. Wenn ich wirklich arbeitssüchtig bin, dann weiß ich, was zu tun ist: kapitulieren. Nüchtern werden. Auf den Prozess vertrauen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie man das macht, wenn man nicht einfach eine Substanz weglassen kann, sondern in einem komplexen Konstrukt aus wirtschaftlichen Zwängen, Selbstverwirklichung und -Optimierung, kreativem Schaffensdrang und Selbstüberforderung den goldenen Mittelweg finden muss.

Ich machte also, was ich immer mache: recherchieren. Ich landete unter anderem bei einem Artikel, der einen engen Zusammenhang zwischen ADHS und Arbeitssucht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sieht sowie auf der Seite der Workaholics Anonymous (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (WA), die einen 20 Fragen Katalog auf ihrer Website haben. Darunter zum Beispiel:

1. Fühlen Sie sich mehr zu Ihrer Arbeit oder Tätigkeit hingezogen als zu engen Beziehungen, Ruhe usw.?

9. Übernehmen Sie zusätzliche Arbeit oder freiwillige Verpflichtungen, weil Sie befürchten, dass die Dinge sonst nicht erledigt werden können?

10. Unterschätzen Sie regelmäßig, wie lange etwas dauern wird und beeilen sich dann, es zu erledigen?

11. Tauchen Sie in Aktivitäten ein, um Ihre Gefühle zu verändern oder um Kummer, Angst und Scham zu vermeiden?

19. Fühlen Sie sich unruhig, wenn Sie untätig sind, und/oder hoffnungslos, dass Sie jemals ein Gleichgewicht finden werden?

Ich checke vielleicht nicht alle der 20 Boxen, aber auf jeden Fall mehr als drei (Mia checkt NULL What the Fuck?!), was die WA bereits als Zeichen für eine Arbeitssucht sehen. Zum Beispiel übernehme ich Aufgaben, um Langeweile oder Ablehnung zu vermeiden oder eben für Anerkennung von Außen. Oft höre ich mich zu etwas “Ja” sagen und wenn mein Präfrontaler Cortex wieder online geht, fragt er, wie das jetzt schon wieder passieren konnte. Ich unterschätze ständig, wie lange etwas dauern wird. Und ich gehe auf Arbeits-Binges: Für ein paar Wochen oder gar Monate gibt es kaum etwas anderes, bis ich völlig erschöpft bin und mich regenerieren muss. Darunter leiden auch Beziehungen und Freundschaften, Hobbys und allen voran: ich selbst.

Es geht also spannend weiter.

Und ja: Mir ist die Ironie völlig bewusst, dass ich diesen Text an einem Sonntagmittag schreibe.

Sujet Bi-Weekly

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