Ich habe »Who Cares!« von Mirna Funk gelesen und zu viel darüber nachgedacht
von Mia
Mein Feminismus oszillierte seit jeher irgendwo im großen Raum zwischen Florence Given und Mirna Funk. Florence zu lieben ist easy – sie ist wunderschön und dein Geschlecht spielt bei ihr keine Rolle und immer, wenn ich ihren Content konsumiere, fühlt sich das an wie Sonnenlicht trinken und ich als ob wir alle einfach Schwestern sind, die gemeinsam alles erreichen können, allein mit der magischen Kraft unserer Vaginas. Mega!
Mirna Funk hingegen spricht zu dem Cool-Girl-Anteil in mir, der regelmäßig genervt ist von diesem Safe-Space-Trigger-Warnungs-Feminismus, den ich schon immer als ein bisschen weltfern und elitär und unangenehm entmachtend wahrgenommen habe. Das ist teilweise Selbstschutz: Es geht mir einfach besser, wenn ich mich nicht ständig als allein durch ungleiche Machtverhältnisse in eine schwache Position gezwungene Frau sehen muss. Es geht mir besser, wenn ich die Verantwortung für ein mieses Date mit fehlenden Consent-Absprachen bei mir selbst finden kann, statt bei einem ungerechten patriarchalen System.
Mirna Funks Texte aber rubben mich seit jeher the wrong way (man könnte auch sagen, sie triggern mich) und ich habe nie wirklich verstanden, warum das so ist. Also las ich dieses Wochenende ihr Buch »Who Cares!«, um zu verstehen, was da eigentlich los ist bei mir.
Mirna und ich haben so viel gemeinsam. Wir sind beide Berlinerinnen, beide aus eher Arbeiterinnen-Haushalten, beide haben wir früh eigenes Geld verdient, unsere Jugend in obskuren Clubs verschwendet, zu viel gekifft, zu oft geschwänzt, waren sehr interessiert an promiskuitivem Sex und am Schreiben und am auf-die Kacke-hauen, fanden andere Mädchen oft blöd und hingen eher mit den Jungs ab und glaubten nicht an die Disney-Liebe, sondern an die Sexyness getrennter Schlafzimmer.
Die von Mirna Funk herausgestellten Eigenschaften eines selbstbestimmten Lebens waren für mich also immer schon selbstverständlich. Mir wäre es nie auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen, mir von einem Mann die Miete bezahlen zu lassen, Heiraten als romantisch, Kinderkriegen als Zenit der Selbstverwirklichung, oder den besoffenen Sex, den ich hinterher bereute, als die Schuld meiner systemischen Unterdrückung zu betrachten.
Aber genauso wenig leuchtet mir ein, weshalb Care Arbeit keine Arbeit sein soll – schließlich ist die Aufzucht von Kindern de facto eine Leistung, die lauter kleine, zukünftige Steuerzahlerinnen hervorbringt und also in Cold Hard Cash resultiert.
»Who Cares!« richtet sich nun explizit gegen eine ganz spezielle Gruppe von Frauen. Frauen, die die Funk als »abgehängte Reihenhaus-Feministinnen« einführt – als »arme Häschen«, die »wie ein Häufchen Elend vor dem Big Boss« sitzen und allein deswegen nicht genug Geld verdienen. Frauen, die »wohlig aufgehoben in einem Mittelstandshaushalt in Westdeutschland aufwuchsen, in dem Mittags das warme Essen – gekocht von der Akademikermutter ohne Arbeit – auf dem Tisch stand.«
Und hier wirds vage. Wer zur Hölle SIND diese Frauen, von denen sich diese Buch so leidenschaftlich abgrenzt? Und WO sind sie? In meinem Freundes- und Bekanntenkreis finde ich sie jedenfalls nicht. Ich kenne ohne Scheiß keine einzige Frau, die nicht ihren eigenen Lebensunterhalt verdient. Auch in meiner westdeutschen Kindheit, die laut Funk ja vor erwerbslosen Hausfrauen gewimmelt haben müsste, kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Mütter meiner Freundinnen, geschweigedenn meine eigene Mutter, die Beine hochgelegt hätten. Die Frauen, die Funk so abhatet, müssen sich also irgendwie alle zusammen in ihren eigenen Kommentarspalten versammeln.
Funk argumentiert, dass nur 31 % der Frauen in Deutschland finanziell unabhängig seien und weil mich diese Zahl schockiert (lebe ich womöglich in einer weltfernen Filterblase?!) mache ich mir die Mühe, die Quelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die sie anhängt, anzuschauen:
Vielleicht haben sich die Zahlen geändert, seitdem Mirna Funk das letzte Mal nachgeschaut hat. Oder sie hat einfach unsauber argumentiert. Wie auch an anderen Stellen ihres Buches.
Zum Beispiel als sie im Kapitel »Geld« schildert, wie sie jahrelang weder Steuern zahlte, noch Umsatzsteuer abführte – weil sie nicht wusste, dass man das machen muss! – und dann von der Kohle, die sie dadurch vom Finanzamt borgte, ihren ersten Roman schrieb, für den sie dann glücklicherweise einen hohen Vorschuss aushandelte. Puh, Glück gehabt, dass meine Unwissenheit in Finanzfragen doch noch einen okayen Ausgang genommen hat, würde ich dann denken. Aber Funk interpretiert die Geschichte anders, nämlich so:
»Ich habe nie das Risiko gescheut. (...) Nie hatte ich Angst davor. Immer traf ich diese Entscheidungen intuitiv. Kein einziges Mal habe ich mir dabei Gedanken über das Außen gemacht. (...) Und dieses krasse Ignorieren des Außens ist eine Grundvoraussetzung für freiheitliches Handeln im Alltag. Risiken einzugehen, die absolut lebensmüde erscheinen, ist eine weitere Grundvoraussetzung für freiheitliches Handeln im Alltag.«
Es ist eine bemerkenswerte Art, die eigene Ahnungslosigkeit zu framen. Und ein bisschen fragwürdig, das Ganze als einen allgemeingültigen Tipp unter die Leute zu bringen, denn nicht jede wird einen hohen fünfstelligen Schuldenbetrag innerhalb kurzer Zeit zurückzahlen können.
Ich verstehe also langsam mein eigenes Unwohlsein mit der Persona Mirna Funk. Das ganze Theater ist eine Strohmann-Debatte: Funk konstruiert ein Feindbild und inszeniert sich selbst als dessen heroische Gegenspielerin. Die Gegnerin, an der sich Funk hier abarbeitet, gibt es gar nicht – zumindest nicht so plakativ, wie sie in ihrem Text erscheint.
Und auf der anderen Seite: Sie selbst. Dramafrei, befreit, unaufgeregt, pragmatisch, voller Liebe, alles selbst erarbeitet, genau wie die Jungs. Care Arbeit ist keine Arbeit, Gender Pay Gap ist unsere Schuld. Gleichstellung existiert schon, wir sind nur zu faul, uns die Macht zu nehmen. Der übliche alte BS eben.
Wer nicht für sie ist, ist gegen sie
Das funktioniert absolut fantastisch. Das Buch verkauft sich super, und es erreicht tatsächlich genau die privilegierten Kundinnen mit zuviel Zeit, die sich einen Schuss Lifestyle Femnismus abholen wollen – also mich.
Mirna Funk nutzt geschickt die Empörungsmechanismen, die Social Media hervorgebracht hat. Sie sagt es selbst im Vorwort: ohne den Shitstorm 2021 wäre »Who cares!« nie geschrieben worden. Das Rezept: Sie schrieb einen extrem zugespitzten, polarisierenden Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der erwartungsgemäß die passenden, reflexhaften Reaktionen nach sich zieht. Und schreibt dann auf der Basis der empörten Reaktionen den nächsten polarisierenden Text, der wieder extreme Reaktionen nach sich zieht und so weiter. Ein endloser Kreislauf der Wut.
Unterdessen dokumentiert sie jede Kritik jedes feministischen Onlinemagazins in Echtzeit in ihren Instastories – als Beweis der Opferhaltung ihres selbstgemachten Feindbildes. Nicht ohne jedes Mal zu betonen, wie furchtbar egal ihr die Meinungen anderer sind.
Das ist natürlich kokett, denn die Meinungen anderer sind hier das Kapital. Die Provokation sichert ihr Einkommen. Man muss sie dafür einfach bewundern: Das Ganze ist ein cleverer Move, der komplett auf der Logik von Social Media basiert, die polemisches Schwarz-Weiß-Denken und brachiale Provokation mit unendlich viel höheren Klickzahlen belohnt als die kleinteiligeren, differenzierten, klügeren, anstrengenderen Debatten.
»Who Cares!« ist die Buch gewordene Fortsetzung einer erhitzten Kommentarspalte.
Leider reproduziert es dabei Misogynie und patriarchale Unterdrückungsmechanismen: Frauen sind schwach, klein, unselbstständig und lassen sich von Männern aushalten, aber ich bin nicht wie andere Frauen. Hier wird eine arrogante, undifferenzierte Haltung als Stärke ausgelegt. Hier werden Frauen pauschal abgewertet und reale Ungerechtigkeiten kurzerhand ausgeblendet. Es ist die langweilige alte Cool Girl Masche, hochgepitcht in ein erwachsene-Frauen-Lifestyle-Outfit.
In »Who Cares!« geht es nicht um eine revolutionäre, neue, schon längst überfällige Position des Feminismus, es geht nicht wirklich um die Frauen oder den deutschen Feminismus, es geht einzig und allein um Mirna Funk und wie Mirna Funk ihr Leben lebt. Im Grunde cool, wenn eine Frau sich selbst so abfeiern kann. Aber es ist scheiße, dass sie das auf Kosten anderer tun muss.
Hätte das kleine Buch 18 Euro gekostet, hätte ich mich ein bischen geärgert. Aber für 10 hatte ich zumindest einen interessanten Denkprozess (und das ist ja sozusagen das neue Partymachen).
Learning: Ich bin wohl doch mehr Team FLOSS (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Lover statt Hater. 💙
Learning: Häng nicht so viel in Kommentarspalten ab, geh aus in die reale Welt und triff reale Frauen. Die sind nämlich großartig.
There is a special place in hell for women who don't help other women. — Madeleine Albright