The only time we suffer is when we believe a thought that argues with what is.
- Byron Katie
Mika
Eine der fundamentalsten Erkenntnisse in meiner Nüchternheit war, dass ein Gedanke nicht wahr sein muss, bloß weil ich ihn denke. Das Problem ist nur: Was macht man jetzt? Ja, ich kann erkennen, dass ich nicht jedem (Sucht-)Gedanken in den Abgrund hinterherspringen muss. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass dieser Gedanke mich in Ruhe lässt.
Vor ein paar Monaten dachte ich zum Beispiel:
Angetrunken wäre ich sozialer.
Nichts lag mir ferner, als diesen Gedanken mein Handeln bestimmen zu lassen - aber trotzdem: er löste eine ganze Reihe nachgelagerte Bewertungen aus: Bin ich doch nicht so weit gekommen, wie ich dachte? Ich bin doch bescheuert, das noch zu glauben. Aber was, wenn es stimmt? Entgeht mir etwas? Was, wenn der Gedanke mich doch aufs Kreuz legt?
Byron Katie hat eine Methode erfunden, um die eigenen Gedanken zu durchleuchten und die Geschichte zu verändern, die man sich über eine Situation erzählt. Sie beschreibt das ausführlich in ihrem Buch “Loving what is (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” sowie auf ihrer Website und demonstriert das Vorgehen in unzähligen Live-Coaching-Sessions auf YouTube (Mehr zu den Ressourcen weiter unten).
Im Kern der Technik stehen vier Fragen:
Ist das wahr?
Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?
Wer wärst du ohne den Gedanken?
Im letzten Schritt wird der Gedanke umgedreht, Byron Katie nennt das den “Turn Around”. Hier findet man Gegensätze zum ursprünglichen Gedanken und sucht aktiv nach Beweisen, dass diese genauso wahr oder wahr-er sind als der ursprüngliche.
Für mich und meinen Gedanken sah das in etwa so aus: Ich setze mich aufs Sofa mit einer Tasse Tee und einem Notizbuch. Ich bin sicher und ruhig. Dann lasse ich mich gedanklich in die Situation fallen, in der ich dachte, dass mir soziale Interaktion leichter fiele, wenn ich noch trinken würde. Also: angetrunken wäre ich sozialer.
1. Ist das wahr?
Ähm… Nein.
Ich bin überrascht, wie schnell und klar dieses Nein in mir nach oben steigt. Hätte ich bejaht, wäre ich zu Frage 2 übergegangen und spätestens dort daran erinnert worden, dass wir im Grunde nichts mit absoluter einhunderprozentiger Sicherheit für objektiv wahr erachten können. So springe ich direkt zur nächsten Frage.
3. Was passiert, wenn ich diesen Gedanken glaube?
Ich bin in der Situation mit Menschen, die ich nicht kenne - alle trinken, nur ich nicht. Wenn ich den Gedanken “angetrunken wäre ich sozialer” glaube, fühle ich mich defekt. Meine Schultern spannen sich an und die Anspannung zieht sich meinen Hals empor, bis sie in meinen Ohren klingelt (das Gefühl kenne ich sehr gut). Ich fühle mich unpassend und als müsste ich mich verteidigen. Ich sehne mich nach Verbindung, aber kann sie nicht herstellen, weil die anderen etwas haben, was ich nicht habe. Ich bewerte die anderen, ich werde sauer, dass sie mich in diese Situation bringen, in der ich diesen Gedanken denken muss - was mich wiederum daran hindert, ihnen offen zu begegnen. Ich fühle mich klein und uninteressant.
4. Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?
Ich stehe kurz auf und schüttel mich. Dann setze ich mich zurück auf mein Sofa und stelle mir dieselbe Situation vor - bloß ohne den Gedanken. Ich finde das nicht so leicht, weil sich in solchen Momenten oft der Stress aus der Vergangenheit mit Sorgen über die Zukunft vermischt. Ich versuche es trotzdem. Wer wäre ich? Erstmal einfach nur Mika. Eine Last fällt von mir, als ich realisiere, dass ich mich in dieser Situation ziemlich unter Druck gesetzt habe. Ohne den Gedanken muss ich nichts beweisen. Weder muss ich mir beweisen, dass ich “auch ohne Alkohol Spaß haben kann” noch muss ich den anderen beweisen, dass ich genauso witzig oder aufgedreht sein kann wie sie. Ich muss meine Nüchternheit nicht verteidigen. Die Anspannung weicht langsam aus meinen Gliedern und ich fühle mich leichter - ich habe Lust, die Leute dort kennenzulernen. Und wenn ich mich nicht danach fühle, kann ich einfach gehen. Ich muss lächeln, während ich das schreibe.
Turn Around
Für die nächsten Sätze habe ich das Antonym von “sozial” gegoogelt und folgende Ergebnisse bekommen: Ich bin einsamer / isolierter / ich-bezogener / wenn ich angetrunken bin.
Ja, ich bin einsamer, wenn ich angetrunken bin, weil ich keine Verbindung mehr zu mir selbst habe
Ja, ich bin isolierter, wenn ich angetrunken bin, weil ich im angetrunkenen Zustand lediglich ein künstliches Bild von mir zeige, aber nicht, wie ich eigentlich bin - Andere können mich also gar nicht kennenlernen.
Ja, ich bin ich-bezogener, wenn ich angetrunken bin, weil nur Raum für mich und meine Bedürfnisse da ist.
Ich bin sozialer, wenn ich nüchtern bin: Ja. Definitiv ja. Ich kann viel besser Raum für andere lassen. Ich bin ausgeglichener, achtsamer und wacher (auch wenn ich früher müde werde).
Ich liebe es, mich mit Menschen zu unterhalten, sie kennenzulernen und zuzuhören.
Fazit:
Ich stehe noch ganz am Beginn mit meiner Auseinandersetzung mit Byron Katie, bin also keine Expertin. Gleichzeitig finde ich die Einfachheit der Methode bestechend: Einen Gedanken ganz in Ruhe anschauen, abklopfen und Beispiele finden, in denen er nicht wahr ist. Gerade für Suchtgedanken und das Dekonstruieren der alten Bilder über Alkohol kann das ein wertvolles Werkzeug sein. Statt uns selbst den Gedanken zu verbieten und uns dafür zu verurteilen, dass wir ihn überhaupt denken, können wir ihm begegnen.
Kanntet ihr die Methode schon? Wendet ihr sie an? Ich würde gerne mehr Erfahrungen hören, wie “The Work” in Bezug auf Abhängigkeit wirkt.
Ressourcen:
Kurzzusammenfassung von “The Work” auf Deutsch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
“Afraid of Donald Trump” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - Session in der m.E. auch Problemlagen der Technik deutlich werden
Podcastfolge zu “The Work” bei der Coachingbande auf Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)