Mia
erstens möchte ich eine neue Rubrik einführen: Der Textschnipsel der Woche. Mein Schreiben läuft momentan zäh, aber ich habe schon immer gerne irgendwelche Textfragmente gesammelt, manchmal nur ein genialer Nebensatz oder eine Formulierung oder eine Zeile aus einem Song, die mich inspirieren und motivieren, weiterzumachen.
Der heutige Textschnipsel kommt aus »Hung Up (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)«, einem amerikanischen Celebrity-Klatsch-Newsletter der Autorin Hunter Harris, über »pop culture, music, movies, and Martin Scorsese not wearing his glasses anymore«, von dem ich nicht mehr weiß, wann und warum ich ihn abboniert habe, aber ich lese ihn immer, denn Hunter Harris ist bissig und lakonisch und schreibt wie eine moderne Dorothy Parker.
Sie lieferte in den letzten Wochen immer wieder Updates über so wichtige Sachen wie »den geschiedensten Mann der Welt« (meistens ist es Kanye West, sporadisch auch Brad Pitt). Diese Woche ist der Footballspieler Tom Brady der geschiedenste Mann der Welt und der Textschnipsel handelt davon, was man aus den jeweiligen Schriftarten der Instagram-Story-Scheidungs-Ankündigungen von Gisele Bündchen und ihrem soon-to-be-ex-husband ableiten kann:
»Gisele opted for a clean, serif font: elegant, tidy, settled – this is over for her. Brady used a blocky, bold sans serif – a font that just looks divorce, looks unloved, looks like the font of a man who realized that he’s not in control of anything.«*
*»Gisele entschied sich für eine saubere Serifenschrift: elegant, aufgeräumt, abgeklärt – für sie ist es vorbei. Brady verwendete einen blockigen, fetten serifenlosen Font – ein Font, der nach Scheidung aussieht, der ungeliebt aussieht, der wie der Font eines Mannes aussieht, der erkannt hat, dass er nichts unter Kontrolle hat.«
Ein todeswitziger Satz. Einen besseren Satz brauche ich heute nicht mehr.
Zweitens musste ich mir diese Woche eingestehen, dass ich offenbar in ein fiktives Comicpferd verliebt bin. Ich habe gerade begonnen, »Bojack Horseman« zu bingen und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so restlos mit irgendeinem Charakter mitgelitten habe. Bojacks abgrundtiefe Traurigkeit und seine durch Zynismus schlecht verschleierte Verletzbarkeit und seine herzzerreißenden Versuche, besser zu sein und Liebe zu finden und seine schreckliche Kindheit zu überwinden, bei denen er sich doch immer wieder an den Ecken und Kanten des Lebens verletzt – das alles macht mich so fertig, dass ich täglich davon fantasiere, seinen weichen Pferdehals und seine Nüstern zu streicheln und ihm zu sagen, dass er ein wunderbares Wesen ist und geliebt wird und dass alles gut wird.
(Es ist kein Witz. Ich muss nur ganz kurz daran denken, dass es sein könnte, dass Bojack den Kampf gegen seine Dämonen verlieren könnte und schon heule ich los.)
Das letzte Mal, dass ich den Schmerz von jemandem so sehr fühlen konnte, war der meines Exfreunds während unserer Trennung (und er hat sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Cartoon Pferd). Indes bleibe ich in den Angelegenheiten, die mich EIGENTLICH fertig machen müssten, irritierend gelassen.
Beispielsweise in dem Drama um meine Mutter, die nicht nur, wie manche Hörer:innen des Podcasts wissen, seit einigen Monaten in einer toxischen Co-Abhängigkeitsbeziehung mit ihrer Schwester in Ungarn lebt, sondern auch (leider sehr voraussehbar) ihren Mann verlassen hat (nun vielleicht bald schon der geschiedenste Mann Berlins).
Seither bekomme ich regelmäßig spät abends Anrufe von verschiedenen, verstörten Freund:innen der Familie, die wissen wollen, was da abgeht und die deutlich emotionalisierter scheinen als ich, immerhin die Tochter. Sollte ich mich nicht anders fühlen? Alarmierter, trauriger, wütender, aktionistischer? Sollte ich nicht irgendwie damit klarkommen müssen? Oder irgendetwas tun?
Doch alles, was ich fühle, ist die entschiedene Abneigung, dem epischen, aber doch todlangweiligen Drama Alkohol und seinen Verheerungen auch nur noch einen weiteren Tag meines Lebens zu schenken. Alkohol hat jahrzehntelang eine derartige Spur der Verwüstung durch meine Familie gezogen, dass ich fast meine komplette erste Lebenshälfte mit der Aufarbeitung dieser dämonischen Kraft zugebracht habe und für den Rest meines Lebens nicht das Geringste mehr damit zu tun haben will.
Mika
ist unterdessen noch in der Reha und hat keine Zeit, was zu schreiben, es geht ihr aber gut und sie kümmert sich um ihre Mental Health, wie man auf diesem Update-Foto gut erkennen kann:
Happy Sunday! 💙
Mika + Mia