
Liebe Steady-Community,
ein paar Worte vorweg: Wir freuen uns wahnsinnig, dass in den letzten Wochen so viele neue Leute dazu gekommen sind, die den Newsletter abonnieren oder sogar eine Mitgliedschaft abgeschlossen haben. Falls du neu bist: Herzlich Willkommen! Falls du schon länger dabei bist: Tausend Dank für deinen Support!
Heute gibt es keine neue Folge SodaKlub (dafür aber SodaPop! Es geht um heiße Geistliche!). Deshalb wollen wir euch darauf hinweisen, dass es auf Spotify jetzt Playlists von uns gibt, die unsere Folgen thematisch zusammenzufassen.
Es gibt dort auch eine Playlist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), in der wir Podcastfolgen gesammelt haben, in denen wir bei anderen zu Gast sein durften. Mia war zum Beispiel im Oktober in dem Podcast Gute Gesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und hat dort über ihr sehr gutes Buch »Rausch und Klarheit« gesprochen. Ich war im September bei meiner Freundin Kathryn Rohweder von ADHS-Perspektiven und habe ihr mehr darüber erzählt, wie ADHS und Sucht bei mir zusammenhingen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Falls ihr Apple Podcast nutzt, findet ihr die Episoden hier: Gute Gesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und hier: ADHS-Perspektiven (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Und jetzt zum Thema, das mich in der letzten Zeit immer mal wieder beschäftigt hat:
Alkohol in Kinderbüchern: Die soziale Feinstaubbelastung
Ich habe neulich ein richtig gutes Buch gekauft. Es geht um eine Feuerwehr-Crew, die in den Urlaub fährt. Es ist super witzig, die Beschenkte (vier Jahre) liebt es und selbst die Mutter des Kindes, die die Geschichte seit ein paar Wochen ständig vorlesen muss, sagt: »Es gibt echt schlimmere Bücher.« Insgesamt ist es also ein absoluter Win. Wenn da nicht diese eine Sache wäre, die mir erst aufgefallen ist, als ich es zum ersten Mal selbst vorgelesen habe:
Auf mehreren der wimmeligen Seiten, ist irgendwo Alkohol im Bild. Nicht gerade im Fokus, aber hier mal ein Bierkasten, dort mal eine Champagnerflasche. Ich glaube nicht, dass Kinder das groß registrieren, geschweige denn problematisieren. Denn auch wenn ich den »feuchtfröhlichen Abend« etwas unangebracht finde, kann man ihn einfach als »fröhlichen Abend« vorlesen. Ich mache mir also keine Sorgen um Kindeswohlgefährdung, aber ich denke trotzdem: Muss das denn sein? Und: Wie krass, dass das eine Sache ist, auf die man beim Kauf eines Kinderbuches überhaupt achten muss?!

Kurze Zeit danach war ich auf Threads. Das ist das »Twitter« von Instagram, und – genauso wie man es erwarten würde – ein schrecklicher Ort. Dort postete eine Userin folgendes Bild (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):

Man kann sich vielleicht über die Formulierung streiten, aber die Userin weist im Kern lediglich darauf hin, dass in diesem Kinderbuch Alkoholkonsum (bei der Arbeit) normalisiert wird, während Suchterkrankungen in der Gesellschaft stigmatisiert werden – klingt für meine Ohren erstmal legitim. Das sehen allerdings viele Menschen anders. Wenn ein Post mehr Kommentare als Likes hat, ist das immer ein Warnsignal, dass die Kommentarspalte deprimierend wird. Und in der Tat: Die Leute gehen ab! Jetzt übertreib nicht mit deiner Political Correctness! Davon wird doch noch keiner Alkoholiker! Uns hat das damals auch nicht geschadet! DU musst doch dafür sorgen, dass dein Kind das richtig versteht! DU bist Schuld, dass du es überhaupt als Alkohol deutest – Es könnte ja auch Saft sein. Und so weiter und so weiter. Natürlich gibt es auch Zustimmung, aber die geht im Meer der Empörung unter.
Ich bin davon nicht nur deprimiert, sondern lerne auch noch was dazu. Und zwar, dass Playmobil in den 70ern tatsächlich diese Spielfigur herausgegeben hat (und dass das kein Auslöser für Alkoholabhängigkeit dieses Mannes war).

Ein anderer User schreibt:
Kümmere dich lieber um dein Kind. Das hat nix mit Alkohol zu tun. So cringe. In meiner Kindheit hat Pumuckel und sein Meister noch Bier am Tag getrunken. Und ich bin kein Alki geworden.
Da möchte man natürlich erstmal herzlich gratulieren. Ich habe allerdings auch gerne Pumuckl geschaut und bin ein Alki geworden, insofern weiß ich jetzt nicht genau, was ich von dem Argument halten soll. Vor allem war mir aber überhaupt nicht klar, dass Meister Eder wirklich massiv viel getrunken hat.
https://www.youtube.com/watch?v=eqsNcxN2_P8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Was ist denn das Problem?
Es ist natürlich Quatsch, dass die Darstellung von Alkohol in Kinderbüchern jemanden automatisch alkoholabhängig macht – und ich kenne auch niemanden, der das behaupten würde. Und doch ist er ein Symptom dafür, wie tief der Konsum in unserer Gesellschaft verankert ist. Immerhin haben wir uns darauf geeinigt, dass Kinder unter 14 Jahren nicht trinken sollten. Selbst der Spirituosenverband hat sich verpflichtet, seine Werbung nicht direkt an Minderjährige zu richten (Es sind wirklich Samariter). Wieso schreitet da in deutschen Verlagen niemand ein?
Die Antwort ist wahrscheinlich sehr banal: Weil es niemandem auffällt.
Wir sind so sehr daran gewöhnt, Alkohol erst dann zu problematisieren, wenn jemand schwerstabhängig ist, dass wir nur allzu leicht vergessen, dass jede:r von uns eine Geschichte mit Alkohol hat – und die beginnt nicht erst mit dem ersten Drink. Sie beginnt im Atem unserer Eltern, im Schnapsschrank, der wie ein Altar das Wohnzimmer regiert, und ja, anscheinend auch in unserer Spielzeugkiste.
In dieser Allgegenwart wird Alkohol unsichtbar. Er ist wie die Luft, die wir atmen, versteckt in seiner Omnipräsenz, wie eine soziale Feinstaubbelastung. Unsere Biographien sind intim mit ihm verwoben, und jede von ihnen trägt denselben Widerspruch: Das Trinken ist öffentlich, überall und unentbehrlich, aber die Bedenken über das Trinken sind privat, verhüllt und unsichtbar.
Ich glaube, dass ein Teil dieser Empörung in der Kommentarspalte auch daher kommt, dass jemand dieses unausgesprochene Gesetz gebrochen hat, dass jegliche Bedenken in Bezug auf Alkohol Privatsache sind.
Es ist diese Kombination aus Omnipräsenz und Schweigen, die besonders toxisch wirkt. Gleichzeitig ist genau hier die größte Veränderung möglich. Den Alkohol sichtbar zu machen, bedeutet auch, ihn besprechbar zu machen. Auch wenn sich Leute aufregen, sich empören und das alles völlig übertrieben finden. Der Fakt, dass immer mehr Menschen solche Dinge posten, ist alles andere als deprimierend. Das Bewusstsein für diese Fragen, ist der erste Schritt. Und wenn wir es dann noch schaffen, angstfrei darüber zu sprechen, dann haben wir gewonnen.
Wenn euch Alkohol in Kinderbüchern begegnet, schreibt mir doch gerne eine Mail an mika@sodaklub.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) . Ich will mal eine kleine Sammlung anlegen.