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Portugal-Tagebuch I

Wir sind in Portugal! Mit dem Team von me|sober und der Dokumentarfilmerin Anne Scheschonk besuchen wir Titilayo in ihrem frisch gegründeten Offline-Hotel. Für euch schreiben wir ein kleines Tagebuch über die Zeit.

Mika, 03:00 Uhr

Es ist drei Uhr nachts und ich will mich aus der Wohnung meiner Freundin schleichen, aber ihr Hund will Streicheleinheiten. Ich streichle Zora und wimmele sie ab, flüstere Sarah noch ein schnelles Tschüss zu und lasse ihre Wohnungstür hinter mir ins Schloss fallen. Neukölln um halb vier ist ruhig als ich losgehe und wird lauter, je näher ich meiner Bahnstation komme. Tagsüber sitzen die Menschen in Reihen davor. Sie erinnern mich an diese alten Bilder von Arbeitern, die an Bahnhöfen warten, in der Hoffnung auf Arbeit für den Tag. Heutzutage macht das keiner und nachts um halb vier schon gar nicht.

Die Leuchtreklamen weniger Läden flackern. Aus der Bahn schlägt mir die berauschte Kakophonie Betrunkener entgegen. Statt genervt zu sein, beschließe ich, dankbar zu sein, außen vor zu bleiben.

Es ist das zweite Mal, dass ich mich auf den Weg zum Flughafen mache. Unser Flug, den wir mit Vlada, Lena und Anne nehmen wollten, wollte uns nicht mitnehmen. Der Drittanbieter hatte uns von den Fluglisten gestrichen.

Das zweite Mal ist es einfacher. Ich habe wieder die Einreisformulare ausgefüllt und ausgedruckt. Ich habe wieder eingecheckt. Ich habe wieder einen Corona-Test in der Tasche. Und als ich am Sonntag am Berliner Flughafen eintreffe, weiß ich schon, wo es Brötchen gibt.

„Komisch“, sage ich zu Mia, als wir noch Kaffee in unser System bringen, bevor wir zum Check-In gehen „Ich bin immer nur vorher aufgeregt, ob etwas schief geht. Wenn es tatsächlich eintrifft, werde ich ruhig.“ Ich glaube es ist, weil ich dann weiß, was zu machen ist. Das Rauschen der Welt dämpft sich, mein Blick wird gelenkt von der Dringlichkeit der Alles überblendenden Aufgabe N°1. Meine mentale und immer viel zu volle To-Do-Liste ist plötzlich blank und es steht nur noch eine Sache drauf: Nach Portugal kommen.

Mia: 03:00 Uhr

Ich wache zur Abwechslung in meinem eigenen Bett auf. Bevor die Woche zuende ist, werde ich in vier verschiedenen Städten und zwei verschiedenen Ländern aufwachen. Ich bin seit zwei Monaten unterwegs. Unterwegs sein dehnt die Zeit. Es ist wie Leben in Zeitlupe: Es sind zehnmal so viele Informationen in einer Sekunde enthalten wie normal, die Zeit erscheint länger, als sie wirklich ist. Die Idee war: auch meine inneren Prozesse in wenigen Wochen abzuhandeln. Ich habe keine Lust mehr darauf, langsam zu sein und für jeden Scheiß Jahre zu brauchen, ich will einen Trick. Eine Abkürzung. Ich will schnellere Prozesse, ich will weniger Zeit verschwenden, ich will stromlinienförmig sein.

Ich denke an ExLover, das erste Mal heute, und gucke sofort auf die Uhr: Sieben nach drei. Sieben Minuten, bevor ich das erste Mal an ihn gedacht habe.

Es ist viertel vor vier. Ich trete zwanzig Minuten früher als nötig auf meine dunkle Straße und sehe mich Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Fuchs, der mich aus bernsteinfarbenen Augen anblickt, als wollte er sagen: Was willst du denn hier um diese Zeit, bist du verrückt? Ich will weg, schon wieder weg, zum Flughafen. Gestern haben sie uns ohne Erklärung nicht fliegen lassen und damit alle Alpträume über Flughäfen wahr gemacht. Heute bin ich extra ruhig, weil ich glaube, dass immer nur eine begrenzte Menge an Shit passieren kann und das Kontingent ist für diese Woche aufgebraucht. Vielleicht auch, weil ich todmüde bin.

Mika hat schon Kaffee gekauft und alles geht diesmal wie von selbst, Berlin Brüssel dauert nur ne Stunde, dann vertreiben wir uns die Wartezeit in Brüssel mit Kaffee, Schoko Croissants und swipen auf meinem Bumble Account herum, der erstaunlich viele gutaussehende Belgier präsentiert. Auf dem Flug nach Porto dämmere ich vor mich hin und nehme mir in den wenigen wachen Minuten vor, endlich mal eins von diesen überheblich-dekadenten Flugzeukissen zu kaufen, das man sich um den Hals legen kann, um zu sagen: Ich bin ein Individualist und ein Freigeist und Flugreisen sind mein Lifestyle.

Mika: 12:30 Uhr

Titilayos Kontakt holt uns vom Flughafen. Straßen, Berge, Flüsse und Steinmauern in allen Größen kreuzen sich wie Luftschlangen. Die Bilder, die vor dem Fenster vorbeihuschen, suchen ihren Platz hinter den Augen. Die Synapsen feuern anders als sonst. Mir wird klar, wie lange meine Welt aus meiner Wohnung, dem Büro und ein paar Orten in Hannover bestand. Die Luftschlangenstraßen und die kleinen Häuser, die sich an die Berghänge drängen und die Eukalyptuswälder sind ein Schock für mein System. Ich weiß jetzt schon, dass es richtig war, den Trip zu machen.

Mika: 14:00 Uhr

Nachdem wir durch das rote Eisentor zum Garten unserer Unterkunft gegangen sind, dauert es keine Sekunde, bis ich da bin. Wir essen Nudeln. Dann sitzen wir am Pool und reden über Gefühle.

Montag

Mia: 10:00 Uhr

Ich habe geschlafen wie tot. Das Sonnenlicht glänzt auf dem mahagonifarbenen Holzboden und die Luft, die aus dem Garten in die Küche kommt, riecht wie gerade erst geboren worden.

Wir wohnen in einem riesigen herrschaftlichen Haus, weitläufig und vollgestopft mit Gründerzeitmöbeln, jede Oberfläche jedes Möbelstücks ist bedeckt mit Intarsien und handgemalten Blumen und Ornamenten, die Büsche und Bäume im Garten sind schwer von ihrer Blütenlast. Wir liegen und im Gras und auf den Polstermöbeln herum wie sechs blaublütige Damen aus einer anderen Zeit, trinken schwarzen Kaffee und Wasser, in dem Kräuter und Beeren schweben, essen Honigkuchen, tippen in unsere Laptops und analysieren einander.

Wir sind alle augenblicklich und mühelos in einen Modus der kollektiven Kreativität verfallen, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Tastaturen klicken, Notizbücher liegen überall herum und wir skizzieren Gedanken, die wir einander von Zeit zu Zeit zuwerfen, um ihre Beschaffenheit zu testen. Ich bin erst seit ein paar Stunden hier, weiß aber jetzt schon, dass ich Monate so leben könnte.

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