Haben Viren leichtes Spiel, weil unsere Körperabwehr in der dunklen Jahreszeit nicht ganz so fit ist? (Teil 1)

Haus, Heizung, Home-Office – der moderne Mensch lebt hinter Türen, Fenstern und Bildschirmen. Unmittelbar ist er den wechselnden Jahreszeiten meist nur eine kurze Zeit am Tag ausgeliefert. Wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, ob eine überlebenswichtige Körperfunktion wie die Immunabwehr im Laufe des Jahres unterschiedlich „gut“ funktioniert, müssen wir im Hinterkopf behalten: Wir leben heute vollkommen anders, als unsere Urmütter und -väter es taten.
Sollte es also aus dem Tierreich Hinweise geben, dass das Immunsystem sich in seiner Aktivität den Jahreszeiten anpasst, könnte das auch für den ursprünglich lebenden Menschen gegolten haben. Finden sich in Studien am Menschen keine Hinweise auf eine zyklische Aktivität der Immunabwehr, könnte dies auch das Ergebnis unseres Lebensstils und der körperlichen Anpassung daran sein.
Kürzere Tage, mehr Melatonin
Jetzt, Anfang Oktober, wo die Tage kürzer und die Nächte länger werden, geht auch unser Körper mit dem veränderten Rhythmus mit. Manche sind abends früher müde, andere fühlen sich tagsüber kraftvoller und lebendiger als im Sommer.
Der Sensor für die Tageslänge sitzt in unseren Augen: Über die Nervenzellen in der Netzhaut erhält eine kleine, kegelförmige Drüse in den Tiefen des Gehirns, die Zirbeldrüse (Epiphyse), die Information darüber, ob es gerade hell oder dunkel, Tag oder Nacht ist. Während der Dunkelheit stellt die Zirbeldrüse das Hormon Melatonin her und gibt es direkt in das Blut und Gehirnwasser ab.
Auch ganz ohne Uhr und Kalender „kennt“ der Körper also eigentlich (ohne den verwirrenden Einfluss künstlichen Lichts) nicht nur die Tageszeit, sondern er kann über die Tageslänge und ob diese gerade zu- oder abnimmt, auch die Jahreszeit, in der er sich befindet, wahrnehmen.
Ob sich lange Sommertage anders auf die Immunabwehr des Menschen auswirken als kurze Wintertage, sei nach aktueller Studienlage unklar, sagt Hannes Stockinger vom Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. Untersuchungen an Tieren zeigten jedoch deutlich: „Über das Melatonin, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, wirkt sich die Tageslänge auf die hormonelle Lage und damit auch auf das Immunsystem aus“, so der Immunologe.
Immunzellen selbst und auch die Thymusdrüse, ein wichtiges Reifungsorgan für eine Gruppe von Abwehrzellen, tragen Rezeptoren auf ihrer Zelloberfläche, an die das Melatonin andocken kann. Bei Tieren, denen die Zirbeldrüse entfernt wurde, bildet sich der Thymus nicht richtig aus, die Immunabwehr ist stark geschwächt.
Stärkere Immunaktivität durch längere Nächte?
Darüber, in welche „Richtung“ das Melatonin die Immunfunktion beeinflusst, ob es sie eher antreibt oder bremst, sind die Resultate aus Tierexperimenten sehr unterschiedlich. Lange Nächte und damit „mehr“ Melatonin steigern zum Beispiel die Antikörperproduktion von (nachtaktiven) Mäusen und stimulieren die Vermehrung von Natürlichen Killerzellen sowie anderen Immunzellen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und scheinen die Balance der Immunzellen untereinander eher in Richtung „Angriff“ als in Richtung „Toleranz“ zu verschieben.
Im Gegensatz dazu sind die Fresszellen bei Hamstern (ebenfalls nachtaktiv) und andere Zellen der angeborenen Immunabwehr in Zeiten langer Nächte (im Winter) vergleichsweise weniger aktiv als bei Artgenossen, die unter sommerlichen Lichtbedingungen leben.
Wenn einzelne Immunzellen im Labor hin auf ihre Aktivität unter verschiedenen Bedingungen untersucht würden, müsse man vorsichtig mit den Ergebnissen umgehen, kritisiert Hannes Stockinger. Wenn die Aktivität der ein oder anderen Zellart dabei herauf oder herunter gehe, müsse das für das gesamte Netzwerk noch nichts bedeuten.
„Das Immunsystem ist ein höchst ausgeklügeltes System, das sich stets auf einer Gratwanderung zwischen Selbstheilung und Selbstzerstörung befindet“, sagt der Immunologe. Im günstigsten Fall könne ein Erreger ohne viel Aufsehen und Symptome aus dem Körper beseitigt werden. Im schlimmsten Fall dagegen löse der Kontakt mit einem Erreger oder harmlosen Umweltantigen eine überschießende Immunantwort aus, die in Autoimmunreaktionen oder Allergien münde.
Unterm Strich belegen die meisten Studien einen eher immunfördernden Effekt des Melatonins, was eine „Immunstärkung“ in der dunklen Jahreszeit zur Folge haben könnte.
Zurück zum Melatonin. Das Hormon ist nur ein Mitspieler im Gesamtgefüge, das auf die Immunzellen einwirkt. Andere Faktoren wie zum Beispiel auch die Sexualhormone, Schilddrüsenhormone oder auch die Verfügbarkeit von Nährstoffen beeinflussen die Aktivität der Immunzellen ebenfalls.
Unterm Strich belegen die meisten Studien einen eher immunfördernden Effekt des Melatonins, was eine „Immunstärkung“ in der dunklen Jahreszeit zur Folge haben könnte. In einer Welt, in der die Lebewesen einer zunehmenden Lichtverschmutzung ausgesetzt sind, könnte der Verlust der Nacht zu einer chronischen Schwächung der Immunabwehr von Organismen beitragen und diese anfälliger machen für Infektionen und Entgleisungen der Immunabwehr.
Text: Dr. Ulrike Gebhardt
In der nächsten Woche hier bei Taktvoll: Jahreszeit und Immunabwehr – welchen Einfluss haben Vitamin D und die Ernährung?
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