
Briefe meiner Mutter liegen vor mir. Geschrieben in den 90ern, geschickt von einer Freundin aus Pennsylvania. Beth dachte, ich freue mich darüber. 10 Jahre ist Mamas Tod nun her, obwohl es sich nicht so anfühlt. Wenn ich die Augen schließe, denke ich immer noch an das Klicken des Desinfketionsbügels, ihren Gesichtsausdruck, als der Masseur auf der Palliativstation ihren Nacken bearbeitete, das Winken, als ich das letzte Mal aus diesem Krankenhauszimmer ging: „Es war so schön, dass du nochmal da warst!“hatte sie gesagt. Es war ihr letzter Satz. Ich lächelte, erschöpft, denn ich war fast zu kaputt gewesen und hatte überlegt, die 600 km Autofahrt nicht auf mich zu nehmen. Zum Glück hatte ich mich anders entschieden.
Beth hat die Briefe, Postkarten und Fotos in rosa Seidenpapier gewickelt, dessen Rand in kleinen Halbkreisen ausgestanzt ist. Es knistert, als ich den Inhalt herausnehme. Will ich sie lesen? Was, wenn es mir nicht gut tut, was… wenn etwas Schockierendes drinsteht? Gut, letzteres ist nicht unbedingt anzunehmen, denn ich hatte auch Mamas Tagebücher gelesen. Was eher eine Bestätigung all dessen, was ich gefühlt und über sie gedacht hatte, war. Es war wohltuend.
Zuerst fallen mir die Fotos in die Hände. Es sind Bilder, die ich kenne, die sie mehrfach abgezogen hat, weil sie ihr so gut gefallen haben. Fotos mit meinem Bruder und mir. Mama und ich in New York im Central Park. Mama auf einer Party in Pennsylvania. Ihre Amerika-Zeit war nicht immer einfach, aber immer wenn sie für ein paar Wochen ´rüberflog, kam sie am Lebendigsten zurück. It fed her soul.
Es sind vermutlich 45 Briefe. Der Stapel ist etwas dicker als mein Daumen. Trotzdem wiegt er nichts, es sind viele auf Luftpostpapier geschrieben. Ich sehe meine Mutter noch am Küchentisch sitzen, die Lesebrille auf der Nase, Linienpapier darunter, den weinroten Montblanc-Füller in der Hand. Daneben ein Kaffee. Sie hat sich Zeit genommen. Freundschaften pflegen war ihr sehr wichtig und besonders die nach Amerika.
Generell konfrontiere ich mich immer lieber, als zu verdrängen. Ich starte lieber, durchleide und warte auf das Licht am Ende des Tunnels, anstatt gar nicht erst loszugehen. Der erste Brief ist voller Vorfreude: Es ist 1997 und sie packt gerade Koffer mit mir, um nach New York zu meinem Bruder zu fliegen. Im zweiten Brief bin ich kurz vor Studentin und wir fahren quer durch die Republik, um uns Unis und Städte anzugucken. Im dritten hat sie ihre erste Chemotherapie abgeschlossen und ist ängstlich wie froh, dass es vorbei ist. Ich mache eine Pause, koche Kaffee und esse Bitterschokolade mit Orange. Das Eintauchen in die Vergangenheit fühlt sich sehr dicht an. Vergessenes blinzelt durch, aber es fühlt sich nicht schlecht an. Manchmal muss ich schmunzeln über bestimmte Formulierungen. Dann denke ich, was für eine tolle Kindheit und Teenagerzeit ich hatte. Kind der Achtziger zu sein war ein sehr sorgloser Wimpernschlag in der Geschichte, denke ich, mit dem Blick auf heute. 2025 ist anstrengend, man ist ständig auf Speed, wenn man nur seinen timetable abarbeitet, und die digitale Welt ist überall, was nicht immer von Vorteil ist.
1997 hat man höchstens DSL, der Computer ist eine Kiste und macht knirschende Geräusche. Es gab genug Zeit für alles.
Meine Kinder rufen mich und so mache ich eine Lesepause. Als ich später weiterlesen will, komme ich irgendwie nicht rein. Ich lasse die Briefe liegen, auch die Tage und Wochen danach. Eine Hemmschwelle tut sich auf. Warum, denke ich. Die letzten Klassenarbeiten vor den Herbstferien halten uns in Schach und irgendwie denke ich jedes Mal, wenn ich den Stapel sehe: Jetzt nicht. Nicht der richtige Zeitpunkt. Oder: Liegt es an mir?
Abends recherchiere ich im Netz: Sollten wir Briefe unserer Verstorbenen lesen oder lieber nicht? Kann das auch nach hinten losgehen? Trauer ist immer individuell, soviel habe ich bereits gelernt. Der eine sucht die Nähe, der andere lehnt sie radikal ab. Vor einer Weile traf ich einen Bekannten auf einer Party und erzählte ihm, dass ich für meinen verstorbenen besten Freund Sascha ein Buch (Hildi von Henn: “Oma Hildegard und der Spielplatz des Schreckens”) geschrieben habe, damit seine Gedanken nicht verloren gehen. Er sagte nur: „Warum? Er ist tot, er ist weg, seine Geschichte ist für mich auserzählt. Fertig. Wir müssen nicht mehr über ihn reden. Es gibt ihn nicht mehr.“ Ich war völlig platt. Sein literarisches Denkmal war außerdem sein letzter Wille. Nur deshalb hatte ich mich überhaupt an den Schreibtisch gesetzt und in die Tastatur gehauen. Ich musste mich erstmal erholen von dem Dialog.
Aber zurück zu den Briefen. Ich fange an zu recherchieren: Das „Continuing Bonds“-Modell, sprich, man kappt eben nicht alle Verbindungen zum Verstorbenen, findet, dass Briefelesen völlig ok und Teil einer gesunden Trauerbewältigung sein kann. Ähnlich wie innerliche Gespräche kann es guttun. Ein Weg, um seine Beziehung weiterzuführen ohne sie zu blockieren. Mehrere Studien zeigen sogar, dass es sogar heilsam sein kann, zurück zu schreiben. Auch wenn natürlich nie eine Antwort kommt. Die Studie „Letter Writing as a Clinical Tool in Grief Psychotherapy“ zeigt, dass Schreibaufgaben sogar mittlerweile in Trauertherapien als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Aufgabenstellung: Lerne deine Trauer besser zu verstehen durch aktive Verarbeitung. Interessant. Auch Gefühle können so besser geordnet werden, insbesondere wenn noch ungelöste Dinge im Raum stehen. Schreiben und lesen verbindet, verdrängen lässt einen nur Verharren. So weit, so gut. Natürlich gibt es auch Theorien, die dagegen sprechen: Es gibt auch Menschen, die noch verstärkt im Schmerz festhängen und durch das Lesen sogar Rückschritte machen können. Wichtige Parameter sind der aktuelle psychische Zustand, die Beziehung zum Verstorbenen, der Inhalt der Briefe und die Art des Verlustes. All dies kann uns beeinflussen. Bei sehr frischer Trauer raten Trauerprofis auch manchmal davon ab, da das Lesen sich zu intensiv anfühlen und überfordern kann. Aber auch eine Neuausrichtung ist möglich. Tja.
Fazit: Am Ende ist das Ganze immer eine individuelle Kiste und bedarf einer Abwägung. Bauchgefühl ist gefragt. Was ist los unterhalb der Gürtellinie? Hattest du einen schlechten Tag? Dann lass es. Fühlst du dich stabil? Dann mach dir einen Kaffee oder Tee, setz dich in deinen Lieblingssessel und fang an. So wie ich. Mama und ich stehen gerade in Bess´ Küche und fahren gleich zu einem Dinner bei den Amish. Es wird Maiskolben, Möhren und Ente geben und ich werde über all die Pferdekutschen staunen. Es wird sehr gemütlich werden. Es ist 1997, und ich freu mich an allem, was war. Danke, Mama. Schön, Dich zu lesen.