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Mein Hund ist tot. Und jetzt?

Plötzlich ging alles ganz schnell: Der sehr süße Hund meiner Freundin und Co-Autorin Vanessa verhielt sich seltsam, lief Kreise, guckte komisch und wirkte auf einen Schlag nicht mehr gesund. Ein Arzt-Marathon begann, eine Krebsdiagnose stand im Raum und auf einmal änderte sich Vanessas Alltag schlagartig. Am Ende musste sie Enna gehen lassen. Wie sie diese Zeit er- und überlebt und wie sie getrauert hat, hat sie mir erzählt. Man kann nur den Hut vor ihr ziehen. Legt vorher bitte die Taschentücher bereit.

Vanessa & ihr Hundekind. 15 Jahre war Enna an ihrer Seite. Die Anteilnahme an ihrer Trauer war riesig und herzerwärmend und ist es noch, denn "Hunde sind einfach Familienmitglieder."

Fangen wir von vorne an, Vanessa: Was ist passiert?

Enna war immer ein gesunder Hund. Wobei sie irgendwann plötzlich zugenommen hat. Da kam die Tierärztin auf die Idee, dass etwas mit der Schilddrüse nicht stimmte. Also bekam sie Hormone. Dann haben wir bemerkt, dass Enna auffallend viel ´rumstand beim Gassi gehen und in der Gegend herumgeguckt hat. Dass in ihrem Kopf etwas wächst, was da nicht hingehört und auf den Sehnerv drücken könnte, darauf sind wir nicht gekommen. Im Oktober haben wir auf Sylt Urlaub gemacht und gemerkt, dass sie sehr schnell erschöpft war. Als Hundebesitzer denkt man dann: Naja, sie wird ja auch bald 11 Jahre alt. Ein paar Wochen später hielt sie an einem Samstagnachmittag plötzlich den Kopf schief. Unsere erste Vermutung: Sie hat eine Granne im Ohr. Aber da war nichts. Am nächsten Morgen lief sie plötzlich im Kreis. Vom Tierarzt ging es direkt in die Tierklinik. Dort war erst der Verdacht, dass Enna eine Durchblutungsstörung im Gleichgewichtsorgan im Ohr haben könnte. Während einer Infusion mit Mineralien fiel sie in eine Art Koma, aus dem sie Tage lang nicht erwachte. Ich dachte, das war‘s. Wir verlieren sie. Trotzdem habe ich darauf bestanden, dass ein MRT ihres Kopfes gemacht wird. Und da haben die Ärzte etwas gefunden. Einen Tumor oder etwas in die Richtung. Wir standen kompletter Ahnungslosigkeit dieser Tierärzte gegenüber. Detaillierte Diagnose? Fehlanzeige! Therapieempfehlung? Keine Ahnung. Zum Glück kam eine Dame auf die Idee, Enna Cortison zu spritzen, weil das Ding im Kopf ein Ödem um sich hatte. Daraufhin wachte sie wieder auf. Ich habe sie mit nach Hause genommen und meine Instagram-Community gefragt, ob irgendjemand etwas Ähnliches erlebt hat. Es gab unzählige Empfehlungen. Schlussendlich landeten wir bei einer Ärztin nahe Hannover, die auf Krebsbehandlung beim Tier spezialisiert sein soll. Zwei Mal pro Woche fuhren wir ab da nach Hannover, montags und donnerstags abends, zur Bestrahlung.

 Wie ging es dir damit? Immer von Hamburg nach Hannover zu fahren und Enna durch diese Bestrahlung zu begleiten war ja psychisch wie physisch anstrengend?

Es war eine unglaublich anstrengende Zeit. Für uns alle. Enna hatte durch die Cortisongabe wahnsinnig Durst und musste entsprechend auch nachts alle zwei Stunden raus. Das bedeutete wenig Schlaf, ständige Sorge um das geliebte Tier plus die Fahrerei nach Hannover. Und zusätzlich ein ganz normaler Alltag mit Arbeit und Verpflichtungen.

Uns wurde gesagt, dass wier ungefähr sechs Wochen nach Beginn der Behandlung erste Verbesserungen sehen würden. Aber nichts tat sich. Ich behandelte Enna zusätzlich alternativmedizinisch: Sie bekam Mikronährstoffe, viel Omega 3, Heilpilze, Rotlicht, Bio-Essen ohne Zucker und Kohlenhydrate. Ich habe viel recherchiert und mich mit Ärzten zum Thema Gehirntumor ausgetauscht. Eines Nachmittags sprach mich eine Frau auf der Straße an. Ihre Katze hatte einen Tumor, der schon ins Maul gewachsen war. Sie hatte Ennas Geschichte auf Instagram verfolgt und erzählte mir, dass ihrem Tier Artemisia Annua, einjähriger Beifuß mit Eisen geholfen hatte. Das gab ich Enna. Sie wurde klarer, lief besser, war einfach wieder mehr sie selbst. Und dann ging es plötzlich wieder bergab, das Sehen wurde schlechter und sie schwächer. Sie bekam wieder höhere Dosen Cortison. Ich hoffte, dass es uns wie zu Anfang wieder retten würde...

 

Und dann ging es ganz schnell?

Ja. Ich telefonierte an einem Nachmittag Ende Februar mit meiner energetischen Heilerin. Sie sagte mir, Enna fühle sich unsicher, alles mache ihr Angst. Auf ihre Anweisung hin, schrieb ich auf ein Blatt Papier: „Ich bin zu Hause“ und legte den Zettel unter ihr Körbchen und unter das Kissen, auf dem sie nachts schlief. Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, war Enna komplett weggetreten. Wie bewusstlos. Und ich wusste: Heute wird sie gehen. Ich denke, der Satz auf dem Papier hat dazu geführt, dass sie loslassen konnte. Erst hoffte ich, sie würde zuhause einschlafen. Also legte ich mich neben sie und sagte ihr unter Tränen: „Du darfst gehen.“ Aber als sie unruhig wurde, fuhr ich mit ihr in eine Tierarztpraxis in der Nähe.

Dort legten sie Enna in einen abgedunkelten Raum, sie wurde zugedeckt, es brannten Kerzen und ich bekam die Zeit, die ich brauchte, um mich zu verabschieden. So furchtbar die Situation war, sie gehen zu lassen, die Mitarbeiter und Ärzte haben uns sehr behutsam und liebevoll betreut.  Dann bekam Enna eine Art Betäubungsspritze und danach die Injektion, die innerhalb von Millisekunden ihr Herz zum Aussetzen brachte.

Das Verrückte war: In der Sekunde, in der ihr Herz noch schlug, war sie noch meine Enna - und in der nächsten Sekunde sah sie plötzlich ganz anders aus. Die Ärztin öffnete die Tür, so dass ihre Seele frei fliegen konnten. Viele Tierbesitzer sagen, dass die Zustimmung zur Einschläferung die schwierigste Entscheidung ihres Lebens war. Bei uns hat Enna diese Entscheidung getroffen. Ich habe sie nur für sie ausgeführt, weil ich wusste, dass ihr Leiden jetzt ein Ende haben musste. Auch wenn ihr Tod das Schlimmste ist, was mir in meinem Leben bisher passiert ist, tröstet mich dieser Gedanke. Sie wollte gehen.

 

Wie fühlte sich die Trauer zu dem Zeitpunkt an?

Ich fuhr nach Hause und musste mich erst einmal übergeben. Den ganzen Tag hatte ich nichts gegessen, nichts getrunken. Als die Anspannung weniger wurde, meldete sich mein Körper. Die nächsten Tage habe ich mich zuhause eingeschlossen. Jeder, der mich kennt weiß, dass ich Zeit für mich brauche, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Wie bei menschlichen Verstorbenen, muss man auch bei Tieren nach dem Tod Entscheidungen treffen: Soll der Hund verbrannt werden? Alleine oder mit mehreren zusammen – letzteres ist billiger. Will man eine Urne mit der Asche haben? Soll die Urne für draußen oder drinnen sein? Möchte man ein Schmuckstück für ein paar tausend Euro haben, gepresst aus der Asche? Das ist alles ein unglaubliches Business und kostet wahnsinniges Geld! Ich bekam zwei Tage nach Ennas Tod einen Anruf einer offensichtlich gut gelaunten jungen Frau vom Tier-Bestattungsunternehmen, die mich alles abfragte. Ich hörte sie wie durch einen Schleier. Aber dass ihre Stimmung nicht zu meiner passte, merkte ich trotzdem. Es dauerte Wochen, bis ich die Urne und zwei Armbänder mit ein bisschen Asche von Enna darin abholen konnte. Ich habe dann mal überlegt, was das alles gekostet hat und kam auf 1.500 Euro. Alles in allem waren Ennas letzte Monate ein teurer Spaß: 15.000 Euro Arztkosten, davon allein rund 10.000 Euro für die Bestrahlung, die nichts gebracht hat. Aber ich hätte für Enna mein letztes Hemd gegeben.

Mit dem Wissen von heute: Was würdest Du anders machen oder anderen raten?

Die Ärztin aus Hannover hat sich nie zurück gemeldet nach der Bestrahlung. Auch nicht, als ich sagte, es wird nicht besser. Für sie war Enna austherapiert. Das hat mich geschockt. Es interessierte sie einfach nicht mehr. Einen Tag, bevor die Praxis uns die Rechnung schickte, schrieb besagte Dame eine Mail mit dem Text: Das Leben geht, aber die Liebe bleibt. Ich war so sauer. Was für eine unsensible, kaltschnäuzige Person! Tiermedizin ist ein Geschäft. Das muss einem klar sein.

Mit dem Wissen von heute und nach all den Recherchen zu Tierärzten und was für finanzielle Interessen dahinterstecken, würde ich meinen Hund nicht mehr soviel impfen lassen. Ich würde ihm keine chemischen Zeckentabletten mehr geben. Das Risiko, dass Tiere durch einen Zeckenbiss krank werden ist so viel geringer, als die gesundheitlichen Schäden dieser Medikamente. Ich würde meinen Hund von Anfang an anders ernähren, noch mehr Bio, noch mehr selbst kochen, auf Mikronährstoffe achten. Der Tierarzt würde uns seltener sehen. Und ich würde mir einen Arzt suchen, der ganzheitlich behandelt und zusätzlich einen Hundeheilpraktiker. Ich denke, dann kann ein Hund ohne Probleme 18-20 Jahre alt werden.

 

Was hast du gegen die Trauer gemacht?

Wenn etwas Schlimmes passiert, ziehe ich mich immer in meine Höhle zurück. Nach etwa fünf Tagen habe ich das meiste verarbeitet und kann wieder am normalen Leben teilnehmen. So war es auch nach Ennas Tod. Andere müssen ganz viel reden, und das ist auch völlig in Ordnung. Mir hat zusätzlich meine energetische Heilerin geholfen, mit der ich Enna im übertragenen Sinn in mein Herz zurückgeholt habe. Mich haben die ersten Tage Gedanken gequält wie: Wer passt jetzt auf sie auf? Habe ich zum Schluss alles richtig gemacht? Diese quälenden Fragen waren sofort weg, und ich konnte friedlicher verarbeiten.

Bei Instagram ist mir aufgefallen: Überall auf der Welt haben Menschen, die ein Tier verlieren, die gleichen Gedanken. Die verstorbenen Hunde, Katzen, Pferde sind Familienmitglieder. Alle schreiben: Du warst mein Seelentröster, du hast mich gerettet. Man denkt ja, als Herrchen oder Frauchen nimmt ein Tier auf und gibt ihm ein Zuhause, aber es ist eher andersrum: Diese wunderbaren Wesen retten uns Menschen mit ihrer bedingungslosen Liebe und sind ein emotionaler Anker in unserem Leben. Nach Ennas Tod haben mir viele Freunde ihre Trauer-Geschichten erzählt. Und selbst die härtesten Kerle haben zugegeben, dass sie das einzige Mal in ihrem Leben richtig geweint haben, als ihr Hund gestorben ist. Andere mussten Therapien machen, um diesen Verlust zu überstehen.

Deshalb ist es richtig zu trauern, wenn ein Tier stirbt. Ich habe meine Gedanken und Tränen um Enna auch auf Instagram geteilt – und rührenden Zuspruch von tausenden Menschen bekommen. Man darf sich die Trauer um ein Tier nicht absprechen lassen, sie ist wie die Trauer um einen Menschen. Wenn man kein Haustier hat, ist es wahrscheinlich schwierig nachzuvollziehen. Ein Hund gibt einem einen Tagesablauf, ein Gerüst – fressen, Gassi gehen, spielen, schmusen. Über Jahre. Und dann ist das von einem auf den anderen Tag plötzlich weg. Wenn man Wochen oder Monate danach noch in Tränen ausbricht, ist das ganz normal. Das passiert mir auch immer noch. Manche brauchen sofort einen neuen Hund, weil sie die Leere in der Wohnung nicht ertragen. Ein Freund von mir wiederum will gar keinen Hund mehr, weil er den Schmerz nicht ertragen kann, die Tiere im Alter und in Krankheit bis in den Tod zu begleiten. Jeder muss seinen ganz eigenen Weg finden.

 

Wie geht es dir heute?

Ennas Urne steht im Wohnzimmer. Viele sagen ja, wenn die bei ihnen zuhause steht, sind sie beruhigt. Das war bei mir nicht so. Ich habe einen kleinen Altar gebaut, der mich im Alltag begleitet, mit Fotos, Kerzen, Trauerkarten von lieben Menschen - aber ohne die Urne.

Was ich von Anfang an ohne in Tränen auszubrechen machen konnte: andere Hunde streicheln. Viele Hunde suchen jetzt noch mehr als früher meine Nähe. Als ob sie meine Trauer spüren könnten. Ich kann mir auch problemlos Bilder von Enna anschauen.

Es gibt immer noch Momente, in denen ich anfange zu weinen. Nicht mehr so oft wie direkt nach Ennas Tod. Wenn ich nicht gerade im Supermarkt stehe, lasse ich die Tränen auch zu.

Meine Erfahrung ist, je mehr man darüber spricht und ganz offen mit seinen Gefühlen umgeht, umso leichter wird es. Im Nachhinein ist mir aufgefallen: Man weiß von Anfang an, wenn man diesen süßen Welpen zu sich holt, dass der Hund sehr wahrscheinlich vor einem sterben wird. Und trotzdem blenden wir das aus. Es liegt in unserer Natur, dass wir uns mit Tod und Verlust nicht beschäftigen wollen. Aber vielleicht hilft es uns, die gemeinsame Zeit noch mehr zu schätzen, wenn wir uns die Endlichkeit ab und zu bewusst machen. Und vielleicht ist der Abschied dann nicht ganz so schwer.

Sujet TRAUERBEWÄLTIGUNG

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