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Das Papierkleid

Das Papierkleid

Sie kniete auf dem kalten Betonboden, den Kopf unter einem Berg aus zerknittertem Papier begraben. Es raschelte bei jedem Atemzug – laut, aufdringlich, als würde die Welt ihr ins Ohr schreien. Niemand hatte ihr gesagt, dass Erwartungen so viel wiegen konnten. Dass sie sich anfühlten wie altes Zeitungspapier, das man um den Körper gewickelt hatte: unförmig, spröde, überall. Halt es aus, dachte sie. Noch einen Moment. Sie wich zurück. In den Schatten, in den Türrahmen, in das Zwischenreich zwischen drinnen und draußen. Das Papier hatte sich inzwischen mit ihr verbunden – es hing an ihr wie eine zweite Haut, faltig und gelblich wie alte Briefe. Dort, wo es die Wände berührte, hinterließ es Geräusche. Dort, wo es ihren Körper berührte, hinterließ es Spuren. Vielleicht war das die Stille, nach der sie gesucht hatte. Nicht Frieden – nur Abwesenheit. Dann, plötzlich, eine Bewegung. Die Arme rissen nach oben, die Haare flogen, der Raum erzitterte. Das Papier riss nicht – es tanzte mit. Wie eine Schlangenhaut, die man nicht wirklich abstreift, sondern mit der man zu tanzen lernt. Ihre Füße stampften auf den Boden. Die Tür flog auf. Licht fiel herein. Sie schrie nicht. Aber ihr Körper schrie für sie. Sie trat durch die Tür – nicht sauber, nicht befreit, aber aufrecht*. Das Papier wehte noch um ihre Schultern wie ein Umhang aus vergangenen Tagen. Es war nicht mehr Gefängnis. Es war Geschichte. Ihr Gesicht war ernst, der Blick geradeaus gerichtet, irgendwo hin, wo die Kamera nicht mehr hinreichte. Draußen wartete kein Applaus. Nur das leise Knistern des Papiers im Wind. *Und das genügte.

Sujet Eigene Fotografie

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