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3000 iranische Raketen: Der Denkfehler

Immer wieder liest man in den Medien und von „Experten“, dass der Iran so viele Raketen hat. 2000, 3000, 12.000…
Dem liegt ein fundamentaler und laienhafter Fehler zu Grunde. Irgendwie schein niemand an den entscheidenden Faktor im System zu denken.

Im Iran herrschte der westlich orientierte Schah Mohammad Reza Pahlavi. Er hatte das vorherige Persien umbenannt in „Iran“. Denn „Persien“ war eigentlich die Fremdbezeichnung von den antiken Griechen. Im Iran wurde der Iran immer Iran genannt.

Deshalb verfügt das iranische Militär bis heute über viele westliche Waffensysteme. Nun… zumindest auf dem Papier.
Panzer und Jets aus den USA, Jets und Schnellboote aus Frankreich, sogar deutsche G3 Sturmgewehre israelische Uzi, mit denen ich noch geschossen habe.

1979 kam dann die islamische Revolution. Aus dem „Kaiserlichen Staat Iran“ wurde die „Islamische Republik Iran“. Die Mullahs übernahmen die Macht.
Damit endete dann aber auch die Versorgung aus dem Westen. Man verkaufte dem neuen Iran ungerne Waffen. Nicht einmal Ersatzteile für das, was da noch herumstand.

Also fing der Iran an, Waffen in der Sowjetunion zu kaufen. Und Sachen selber zu bauen. Das Kaufen endete dann natürlich auch, als die Sowjetunion zusammenbrach.
Und jetzt stand der Iran da. Die Garagen voll mit altem Kram, mit dem er nicht mehr so viel anfangen konnte. Damit hätte er sich nicht einmal verteidigen können. Geschweige denn den erklärten Erzfeind Israel vernichten.
Zwischen den 1500km zwischen Jerusalem und Teheran liegt auch noch der Irak. Eher ungünstige Voraussetzungen. Auf Kamelen und alten amerikanischen M113 Panzern überwindet man das nicht.

Also begannen die Revolutionsgarden, massiv in Raketen zu investieren. Damit schlugen sie gleich drei Fliegen mit einer Klappe.

Zum ersten konnten sie als einziger schiitischer Staat die sunnitischen, arabischen Staaten auf Abstand halten. Denn sie stehen ziemlich isoliert da, zumal als Theokratie. Die Hausmacht ist das sunnitische Saudi-Arabien, auf der anderen Seite des Persischen Golfs. Von wo der Islam stammt und wo Mekka und Medina liegen. Außerdem haben die viel mehr Öl und blendende Kontakte zu denen, die ihr Öl kaufen. Genau wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuweit und Katar.

Zum zweiten konnten sie Israel damit bedrohen. Wenn man schon nicht auf Kamelen da hin reiten kann, will man zumindest so viel Druck aufbauen, dass inzwischen fast jedes Haus und jedes Krankenhaus in Israel gebunkerte Räume, Tiefgaragen und Treppenhäuser hat.
Lapidar sagt man, dass kein Israeli jemals weiter als zehn Minuten von einem Schutzraum entfernt ist. Das ist bildlich gemeint. Seit Jahrzehnten muss jeder Neubau einen Schutzraum haben, einen „Merhav Mugan“.

Zum dritten kann man dem eigenen unterdrückten Volk erklären, wie mächtig und stark man ist.

Der iranische Raketen-Fetisch

Und tatsächlich sind die iranischen Raketen nicht unbedingt das Neuste vom Neusten. Aber ernst zu nehmen, gefährlich und sie können sehr viel kaputt machen. Und Menschen töten.

Später kamen dann mehr und mehr die ballistischen Raketen hinzu.
Ballistisch bedeutet, dass sie steil über die Atmosphäre aufsteigen. Und weil sie da oben weniger Treibstoff verbrauchen und immer schneller werden, erreichen sie im Endanflug enorme Geschwindigkeiten und eine hohe Reichweite. Fajr-3, Ghadr-110, Shahab-3, Ashoura und so weiter.
Das sind aber alles nur Mittelstrecken-Raketen. Echte Langstrecken-Raketen mit einer Reichweite über 5000km hat der Iran noch nicht hinbekommen. Noch.

Daneben haben sie natürlich auch die „normalen“ Raketen und Drohnen. Vor allem die Shaheed, die „Luftmofas“, die massenweise an Russland verkauft wurden und dort inzwischen auch in Lizenz produziert werden.
Marschflugkörper hat der Iran eher weniger. Sie sind zu kompliziert und werden meist von Flugzeugen abgesetzt. Und da sind wir dann wieder bei dem 1979-Problem.

Für diese Raketen hat der Iran sehr Vieles hintenangestellt.
Er verfügt über keine ernstzunehmende Luftwaffe. Er hat keine guten Flugabwehrsysteme; zum Schluss hat er einige S-300 von Russland gekauft. Die inzwischen in der Ukraine nachhaltig bewiesen haben, dass sie nicht so modern und überlegen sind, wie die gerade zusammenbrechende russische Rüstungsindustrie in die Prospekte geschrieben hat. Und die Marine besteht vor allem aus Schnellbooten, die man eher als Kamikaze-Drohnen bezeichnen könnte, die einmal zwei Raketen abfeuern können, und dann sicher versenkt werden.

Und dem weltweit einmaligen Drohnenträger Shahid Bahman Bagheri. Einem umgebauten Containerschiff, von dem Kamikazedrohnen wie die Shaheed gestartet werden können. Was mit etwas Ahnung von maritimer Kriegsführung doch eher ein merkwürdiges Projekt ist. Jedes moderne Kriegsschiff verfügt über Radar-gestützte Gatling-Guns (CIWS, Close-In Weapon System), die auf 3000 Metern aus diesen Drohnen Konfetti machen. Mit 3000 bis 6000 Schuss pro Minute, also bis zu 100 Schuss pro Sekunde.

Die befremdlich wirkende Shahid Bahman Bagheri, das zum Drohnen-Träger umgebaute Containerschiff.

Nachtrag: Der Drohnenträger Shahid Bahman Bagheri wurde wenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Beitrags versenkt.

Eine Vorstellung von solchen Raketen

Um eine solche ballistische Rakete in den Orbit zu bekommen, braucht die schon Druck auf dem Kessel. Und das bildet sich dann in der Größe ab. Die vielen sicher nicht bewusst ist.

Tatsächlich gibt es von den iranischen Raketen sehr wenige Fotos. Deshalb recycle ich hier einfach eine Grafik der Raketen der Huthi, die alle direkt aus dem Iran stammen oder mit iranischen Teilen gebaut wurden.
Das sind die Dinger, die auf Israel geschossen werden.

Skizze mit Silhouetten von Raketen im Vergleich zum winzig wirkenden Menschen.

Genaue Längen werden meist nicht angegeben. Denn sie können auch variieren. Wenn die Physik stimmt, kann man im Grunde das Rohr verlängern und mehr Treibstoff reinpacken. Daher gibt es für die verschiedenen Raketen auch verschiedene Bau-Typen.
Eine solche Rakete ist beispielsweise auch die iranische Shahab-3, die etwa 16m hoch ist.

Eine iranische Shahab-3 auf einem Trägerfahrzeug bei einer Vorführung.

Das ist wichtig, weil genau hier die Logik einsetzt, an die viele „Experten“ und Medien nicht denken. Die aus Ermangelung an genaueren Informationen gerne etwas davon erzählen, dass der Iran 3000 ballistische Raketen hat. Oder mehr.

Die Starter

Im Bild unten sind vier mobile Starter der Iskander. Einer der ballistischen Standard-Raketen, die Russland ständig auf die Ukraine feuert. Und weil die Kurzstrecke ist, ist sie nur halb so lang, wie eine Shahab-3.

In der Mitte ist übrigens der legendäre Armata T-14 Kampfpanzer. Der es als Wunderwaffe bis heute nicht nur nicht in die Ukraine geschafft hat. Sondern bei der letzten Parade, an der er teilnahm, auch liegenblieb und abgeschleppt werden musste.

Iskander-Starter bei eienr Parade auf dem Roten Platz. Moskau, 07.05.2015

Ich denke es ist fair zu sagen, dass man diese Dinger schwer übersehen kann.

Nachladen eines Iskander-Starters während einer Übung. 17.11.2016

Diese Dimensionen haben auch die iranischen Starter ballistischer Raketen.

Ein iransicher Shahab-3 Starter.

Und deshalb sind sie vergleichsweise leichte Ziele.
Normalerweise würden diese mobilen Einheiten (TELAR - Transporter Erector Launcher) irgendwohin fahren, feuern, sofort alles einpacken und wieder wegfahren.
Das klappt aber nur bedingt, wenn man da, wo diese Starter stehen, nicht die Lufthoheit hat.

Die US Navy hat Flugzeuge und Drohnen, die genau zur Bekämpfung solcher Launcher ausgelegt sind.
P-8A Poseidon kreisen über der Region und können so etwas erfassen. Ebenso MQ‑9 Reaper und MQ‑4C Triton Drohnen. Und dann kommen beispielsweise die F-18 Super Hornet und Growler.

Israel hat die Drohnen Heron (in der Bundeswehr im Zulauf), Hermes und Eitan zur Erkennung, F-16 „Sufa“ und F‑35I „Adir“ zur Bekämpfung.
Da diese Raketen Israel erreichen können, ist das ja ganz essentiell.

Eine israelische F-35I auf der Ovda Air Base. 11.11.2019

Zur Sache, Schätzchen

Ich gebe jetzt nur einen Mittel- und Schätzwert wieder, wie viele Raketen und Starteranlagen der Iran wirklich hat. Aus mehreren Quellen überschlagen, was mir seriös und realistisch erscheint.

Die ballistischen Raketen wurden vor dem 12-Tage-Krieg im vergangenen Jahr auf 3000 und mehr geschätzt. Das ist etwa um die Hälfte reduziert worden. Tatsächlich konnte der Iran aber schnell wieder nachrüsten, denn das hatte Priorität.
Man geht derzeit wieder von etwa 2500 bis 3000 ballistischen Raketen aus.

Und jetzt kommt das große Aber.
Alle Schätzungen von Startern belaufen sich im Schnitt auf etwa 100 SRBM (Short Range Ballistic Missile) und 50 MRBM (Medium-Range Ballistic Missile). Und Letzteres sind ballistischen Mittelstrecken-Raketen, die auch Israel erreichen können.
Da der Iran jetzt aber bereits mehrfach in einer Welle mehr Raketen gefeuert hat, geht man von etwas mehr aus. Aber auf keinen Fall mehr als 250 insgesamt.
Zusätzliche soll der Iran noch etwa 40 bis 50 immobile Starter haben. Die dürften aber leicht auszuschalten sein.

Wenn von solchen Zahlen einer Angriffswelle gesprochen wird, werden meist Flugkörper insgesamt genannt. Das sind dann aber nicht alles ballistische Raketen, sondern auch Drohnen und Marschflugkörper.
Zunächst werden die Drohnen losgeschickt. Dann die Marschflugkörper und dann die ballistischen Raketen. So, dass alle gleichzeitig über dem Ziel auftauchen. Um die gegnerische Flugabwehr zu überlasten.

Wenn Israel beispielsweise einen Luftalarm gibt, dann haben vermutlich Flugzeuge, Radars oder Satelliten den Start vieler Drohnen im Iran erkannt. Dann dauert es also noch, bis diese langsamen Dinger über Israel sind. So haben die Leute meist noch genug Zeit, in die Schutzräume zu gehen.
Und so wissen auch die USA und Israel schon vorher, wenn bald ballistische Raketen gestartet werden. Und können auch dadurch die Starter leichter finden. Zusätzlich zur Luftbildauswertung.

Genau so funktioniert das auch in der Ukraine.
Und deshalb gibt es in der Ukraine immer weniger zivile Opfer.

Die Phasen des Angriffs

Das macht es auch verständlich, wenn die IDF (Israel Defense Forces, Israelischen Verteidigungsstreitkräfte) derzeit auf Social Media Videos posten, wenn sie so einen Starter erwischt haben. Das ist schon eine große Sache, die der Iran auch nicht einfach ersetzen kann.
Ich habe alleine am gestrigen Sonntag mindestens vier solcher Treffer gesehen.
(Die USA veröffentlichen erwartungsgemäß fast gar nichts.)

Screenshot eines Postings der IDF.

Das ist es, was ich versucht habe, mit den verschiedenen „Phasen“ zu erklären.
Zunächst wird geguckt, dass man möglichst ungehindert über dem iranischen Luftraum fliegen kann. Und dass die eigenen Raketen und Marschflugkörper nicht abgefangen werden. Also sind Flugabwehrstellungen und Radars immer die höchste Priorität. (Außer, man will einen Ayatollah ausschalten, siehe hier… (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))
Und dann versucht man natürlich, solche Raketen auszuschalten, damit sie einen nicht mehr angreifen können.

Die Ziel-Priorisierung und -Zuweisung wird von entsprechenden Fachleuten und nachrichtendienstlichen Analysten gemacht bzw. beraten.

Was wirklich wichtig ist

Auch hier ist ganz logisch, dass das natürlich alles wie kopfgesteuertes Theoretisieren wirken muss, wenn man in einem Bunker in Tel Aviv sitzt. Oder, wie gestern Abend, Menschen getötet werden.

Aber genau solche Überlegungen sind wichtig. Denn sie entscheiden darüber, was zu tun ist, wie es weitergeht und wie viele Menschen vielleicht noch getötet werden könnten. Und wie man sich schützen kann.

Krater einer eingeschlagenen ballistischen Rakete in Tel Aviv. 01.03.2026

Nicht die Anzahl der Raketen sind wichtig, die irgendwo in irgendwelchen Bunkern und Silos lagern. Sondern die Möglichkeiten, sie abzufeuern.
In einem Krieg wie in diesem sind nicht Gewehre oder Panzer entscheidend. Auch nicht die kleinen Drohnen, wie inzwischen in der Ukraine. Sondern diese LKW, die nach außen vielleicht nicht viel hermachen.

Deshalb merken OSINT-Leute (OSINT = Open Source Intelligence, Aufklärung aus offenen Quellen) auch sofort, wenn irgendwelche Medien oder „Experten“ etwas von der Anzahl der Raketen erzählen. Ohne es zu erklären oder auf die viel wichtigere Zahl der Starter einzugehen.
Weil sie Klicks haben wollen, weil sie keine besseren Informationen haben oder weil sie keine Ahnung haben.

Und wer diesen Beitrag gelesen hat, merkt es jetzt sicher auch.

Nachtrag 06.03.2026: Gestern Abend haben die IDF veröffentlicht, dass sie etwa 60% der Starter zerstört haben.

Sujet Krieg

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