Liebe Koapiererinnen und Koapierer!
Ich bin davon überzeugt, dass diese Aussage stimmt:
„Kultur geht nicht unter. Sie geht weiter.“
Der Linguist Simon Meier-Vieracker hat dieser Aussage ein ganzes Buch gewidmet. Es heißt „Sprache ist, was du draus macht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ und bündelt auf Buchseiten was Simon sonst in hochschuligen Räumen und hochformatigen Videos macht. Er zeigt der Welt, dass der gekonnte Umgang mit Sprache nicht darin besteht, das eigene Wissen in Bezug auf Grammatik, Betonung oder Satzstellung als Gipfel der Erkenntnis zu verwalten. Sprache entsteht durch ihre Benutzung. Auch sie geht nicht unter, sie geht weiter. Simon zeigt dies nicht nur in der Hochschule, sondern auch hochformatig, hochkompetent und hochunterhaltsam.
Diese Woche stellt Simon ein Cover vor, dessen Original hier schon mal Thema war. Aber Simons Version entwickelt ihre besondere Qualität daraus, dass sie das Original nicht besser, sondern absichtsvoll vielleicht sogar schlechter macht. Was für eine tolle kapiert-Erkenntnis: das Kopieren ist lobenswert, weil es etwas Neues schafft, was nicht unbedingt besser sein muss.
Den Einstieg von der weiter gehenden Kultur habe ich übrigens auch gewählt, weil ich sehr stolz darauf war, dass der Bildungs-Publizist Bob Blume diese Aussage mal in einem seiner Bücher zitiert hat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Diese Woche hat er mir zudem einen wunderbaren Absatz geschenkt für die Vorbestellseite meines Buches „Social Media verbieten? Verboten!“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
„Ich empfehle die Bücher von Dirk von Gehlen, wo ich nur kann. Und das hat mehrere Gründe: Den Grundoptimismus, der so vielen Debatten fehlt. Die gelassen-pragmatische Sicht auf die Dinge. Und die neugierig differenzierte Perspektive auf Themen, die zu oft in ein Ja oder Nein aufgelöst werden sollen. Dies gelingt auch hier. Insofern: Lesen Sie dieses Buch!“
Bob Blume macht als @netzlehrer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) im Schulkontext, was Simon Meier-Vieracker als @fussballinguist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) im Hochschulkontext macht: Sie zeigen beide in ihrer Arbeit, dass Bildung auch anders denk- und machbar ist. Dass Kultur weiterleuchtet und nicht unterausgeht.
Was übrigens auch eine passende Erkenntnis mit Blick auf die Social-Media-Debatte ist. Bob und Simon zeigen auf den Plattformen, dass hochformatige Videos auch hohen Erkenntniswert haben können.
Hocherfreut verabschiede ich mich mit der erneuten Erkenntnis:
There’s a light that never goes out
Dirk
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Schneider TM & KPT.michi.gan: “The Light 3000 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”. Im Original von The Smith als “There’s a light that never goes out”. Vorgestellt von Prof. Simon Meier-Vieracker, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, der als @fussballinguist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) auf allen Plattformen unterwegs ist - und bei Droemer das Buch „Sprache ist, was du draus machst (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ veröffentlicht hat.
Ich kopiere hier gleich mal Marie Lina Smyrek (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Unsere beiden Coversong-Geschichten eint nämlich der Umstand, dass uns zunächst nicht klar war, dass es sich bei unseren Songs überhaupt um Cover-Versionen handelte. Daraus lässt sich eine schöne Erzählung machen, und bei mir klingt die so:
Über einen Promo-Sampler, wie er in den frühen 2000ern immer der SPEX beilag, war ich auf den Künstler Schneider TM aufmerksam geworden, dessen elektronisches, unaufdringliches, herrlich schnarzendes Gefrickel mir sehr gefiel. Der Promo-Song stammte von seiner gemeinsam mit KPT.michi.gan releasten EP Binokular, die auch für mein schmales Portemonnaie erschwinglich war.
Sechs untanzbare Tracks mit verschobenen Beats und mal surrenden, mal dudelnden Synthies. Auch der letzte Track „The Light 3000“ ist so. Allerdings legt sich hier eine Singstimme mit einer lieblichen Melodie darüber, irgendwie melancholisch, aber durch den Vocoder der Emotionalität beraubt.
Im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass diesem seltsam unterkühlten Stück Musik ausgerechnet eine regelrechte Hymne Modell gestanden hat. Eine Hymne, zu der sich alle – ob gedanklich oder in echt – in den Armen liegen können, die sich nach dem Licht in der Dunkelheit und nach dem Leben sehnen, die sich treiben lassen, und sei es bis in den Tod.
Das verstand ich erst, als ich auf dem Flohmarkt das Album „The Queen Is Dead“ von den Smiths (in wunderschönem grünen Vinyl!) erstand. Aber auch dann zog ich erst nach mehrfachem Hören die Verbindung von „There Is a Light That Never Goes Out“ zu der in „The Light 3000 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ umbenannten Version von Schneider TM & KPT.michi.gan.
Dieses Cover versucht gar nicht erst, das Pathos und den Schmelz des Originals zu replizieren (ganz anders als die in diesem Newsletter von Martin Hommel besprochene Fassung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Außer der nackten Melodie der Singstimme und einem Zitat des Streicherarrangements bleibt wenig übrig. Das passt zu Schneider TMs Arbeitsweise, der irgendwann mal in einem Interview gesagt hat, dass er seine Tracks erst wie Popsongs sauber durcharrangiert und dann systematisch wieder kaputt macht.
Ein so sehr verfremdendes Cover kann irritieren, provozieren und verärgern. „Was für eine Scheißversion! Alles, was den Song so toll macht, wird hier gekillt!“, so sagte mal eine Person zu mir, die offenbar viele herzblutgetränkte Momente mit dem Original verbracht hat.
Ich liebe „The Light 3000“ trotzdem, so sehr wie das Original. Und es stimmt ja auch nicht, dass alles gekillt wird, was den zweifelsohne zeitlosen Smiths-Song auszeichnet. Die Verlorenheit, die Süße und das Hingebungsvolle der Performance von Morrissey & Co. klingt eben auch dann noch durch, wenn sie durch die Verkaputtungsmaschine von Schneider TM und KPT.michi.gan gejagt wird. Das Licht wird niemals ausgehen, und wenn es nur eine kleine Leuchtdiode auf dem Mischpult von Schneider TM ist.
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(B6) Als ich vor 15 Jahren das Lob der Kopie schrieb, war ich sehr begeistert von der Erkenntnis, dass die Entstehung menschlichen Lebens ohne das Prinzip der Kopie nicht denkbar ist, ich blätterte durch das Buch „Ein Kind entsteht“ und las:
„Nach einigen Tagen beginnt die Zelle eine Wanderung hinunter in die Gebärmuter. Dabei teilt sich die Zelle zum ersten Mal und stellte eine exakte Kopie von sich her. Das ist der Ursprung allen menschlichen Lebens, der Schlüssel zum Wunderwerk der Schöpfung.“
Man könnte also sagen:
Ich hab kapiert, ich bin kopiert!
Das ist beruhigend und ein gutes Gegenargument gegen das schlechte Image, das die Kopie hat. Sie wird häufig als minderwertig beschrieben – unter anderem weil bei analogen Kopien früher mit jedem Vervielfältigungsvorgang Qualitätseinbußen einher gingen. Die Original-Fans dachten deshalb: Die Vorlage ist besser als die Vervielfältigung. Denn sie ist fehlerfrei.
Doch auch der Kopier-Fehler, hat seine schöpferische Bedeutung. Die zitierte Cover-Version dieser Folge zeigt dies, aber auch die menschliche Evolutions-Geschichte. Wie Jürgen Schäfer in seinem Buch „Lob des Irrtums“ schreibt:
„Evolution wäre ohne Fehler undenkbar. Jedem Entwicklungsschritt geht eine Mutation voraus, ein simpler Kopierfehler im Erbgut. Die Evolution sucht nicht die Stärksten, sie strebt nicht nach Perfektion, im Gegenteil: Evolution will Vielfalt, denn nur Vielfalt bedeutet Zukunftsoffenheit.“

Für alle, die neu dazu gekommen sind: Wir sind auf dem Weg zu einem Buch: hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist das Inhaltsverzeichnis.
Diese Folge ist das 22. Kapitel. Es werden am Ende (des Jahres) 50 Kapitel, die jeweils mittwochs um 18 Uhr erscheinen.