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Neulich wollte ich meditieren und habe dabei fast den Verstand verloren. Weil ich dachte, einen Timer zu brauchen, der mich beim Meditieren unterstützt. Ich hätte natürlich einfach die Uhr-App meines Handys nutzen können. Aber jeder Standardton dort löst bei mir instinktiv Stress aus, als würde jemand dringend etwas von mir wollen.
Die Timer-App wirkte vielversprechend. Sie war kostenlos und ihr reduziertes Design in Brauntönen erinnerte mich an eine reizarme Klosterzelle. Ich wollte einfach nur 20 Minuten meditieren und danach einen freundlichen Gong hören.
Stattdessen drangsalierte die App mich wie ein aufdringlicher Life Coach. Beim Öffnen musste ich erst einmal ein motivierendes Zitat von John Steinbeck lesen. Dann sollte ich meine Intention für den Tag eingeben. Meine Intention gleicht eigentlich immer der einer Pendlerin im Berufsverkehr: Möglichst gut durchkommen und keine Unfälle bauen.
Erst meditieren, dann angebrüllt werden
Die App war aber noch nicht fertig mit mir. Am oberen Bildschirm klebte ein Banner mit einer „Morning-Routine-Challenge“, an der laut Anzeige bereits 140.000 Menschen teilnahmen. Und wollte ich nicht vielleicht für knapp 4 Euro im Monat auf den „Plus“-Timer umsteigen? 35.000 Premium-Tracks geführter Meditationen statt der mageren 250.000 in der Basisversion? Dazu wahlweise sieben verschiedene Flötentöne – weil ein oller Gong ja offensichtlich nicht reicht. 94 Prozent der Plus-Nutzer sagten, dass sie sich im Alltag besser fühlten!
So hart habe ich noch nie arbeiten müssen, um einen Wecker zu stellen. Nach einer Runde Wegklicken schaffte ich es tatsächlich, 20 Minuten zu meditieren. Friedlich öffnete ich nach dem digitalen Gong die Augen und sah, dass mir die App sofort einen neuen Job geben wollte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie. „Halte deine Sitzung im Tagebuch fest!“, brüllte sie weiter und informierte mich anschließend, dass mein nächster Meilenstein beim Meditieren (?!) in sechs Tagen erreicht sein würde.
Klar: Jede App, die Geld einbringen soll, ist so gebaut, dass sie ihre Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange festhält. Sie darf nicht einfach nur nützlich sein – man muss Zeit mit ihr verbringen. Aber erst dieser Meditations-Timer hat mir gezeigt, wie etabliert es inzwischen ist, dass Programme uns unverschämt viel Zeit absaugen. Eine App, die eigentlich zur Ruhe führen soll, in eine Aufmerksamkeitsfalle zu verwandeln, ist wie jemanden, der fasten will, ständig dampfende Teller Spaghetti Carbonara unter die Nase zu halten.
Nichts zu erreichen und nichts zu leisten
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Meditation. Es war eine schwierige Zeit, und ein Freund, der regelmäßig buddhistische Seminare besuchte, schickte mir eine Aufnahme einer geführten Meditation. Die Klangqualität war nicht besonders – man hörte leises Rauschen –, aber die Stimme der buddhistischen Nonne nahm mich sofort gefangen: weich, aber nicht zuckrig; sanft, aber bestimmt. Ein Satz, den sie sagte, hallt in mir bis heute nach, zwanzig Jahre später: