
Seit ich meinen letzten Text über KI mit euch geteilt habe, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Es ist, als wäre mir erst durch das Schreiben dieses Textes bewusst geworden, was da eigentlich gerade passiert. Mit mir, mit uns allen.
In meinem letzten Newsletter ging es darum, wie Kreative aller Couleur durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz ausgebeutet wurden. Ihre Werke wurden illegal kopiert und dazu benutzt, um eine neue Technologie zu trainieren, die ihre Arbeit jetzt überflüssig macht (ohne dass auch nur einer von ihnen dafür entlohnt wurde).
Musik, Bilder, Texte – all das erledigen jetzt Maschinen, viel billiger und effizienter als ein Mensch es je könnte. Auch beim Film verlieren Menschen ihre Jobs: Schauspieler, Kostüm- und Kulissenbildnerinnen, Synchronsprecher. Ihre Arbeit wird Stück für Stück ersetzt, durch Maschinen.
Das bedeutet, dass es für Kunstschaffende immer schwerer wird, von ihrer Kunst zu leben. Das ohnehin schon raue Pflaster der Kunstszene schlägt uns nicht mehr nur die Knie auf; es wird vielen vermutlich das Genick brechen.
Das, was da gerade passiert, hat aber nicht nur mit Künstlicher Intelligenz zu tun – und auch nicht nur mit Kunst. Künstliche Intelligenz an sich ist nur eine Technologie, eine neue und mächtige. Was sie so gefährlich macht, ist, dass sie Teil eines größeren Systems ist. Und dieses System betrifft nicht nur die Kunstsphäre oder unsere Arbeitswelt, sondern alle Bereiche unseres Lebens – und sie hat massiven Einfluss darauf, wie unser Leben in Zukunft aussehen wird.
Mit der Nase tief im Sumpf des Überwachungskapitalismus
Wie immer, wenn mich Fragen nicht loslassen, wende ich mich als erstes an mein Bücherregal. Und siehe da – ich traf eine gute Freundin, die Antwort wusste.
Shoshana Zuboff nimmt in ihrem stolzen 700-Seiten-Werk “Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus” die gegenwärtige Zeit genau unter die Lupe. Ihre kluge Analyse lässt mich den Atem anhalten, wann immer ich sie lese (ich bin noch längst nicht durch), und dann suche ich hektisch einen Stift, um mir alles zu notieren.

Zuboff beschreibt ihr Vorhaben wie folgt:
Es geht um die Verfinsterung des digitalen Traums und dessen rapide Mutation zu einem ganz und gar neuen gefräßigen kommerziell orientierten Projekt, dem ich den Namen Überwachungskapitalismus gegeben habe.
Doch was ist überhaupt neu an dieser Form – und warum ist es nötig, ihn vom Kapitalismus abzugrenzen, den wir bislang kennengelernt haben (und der ja auch genügend Schattenseiten besitzt)?
Was ist Überwachungskapitalismus?
Überwachungskapitalismus hat etwas mit der digitalen Sphäre zu tun, insofern als die digitalen Technologien seinen Aufstieg erst möglich gemacht haben. Er ist jedoch nicht auf die digitale Sphäre beschränkt, sondern neigt dazu, sich in alle Bereiche unseres Lebens auszudehnen. Warum, das werden wir noch sehen.
Beim Überwachungskapitalismus wird nicht mit physischen Produkten oder Rohstoffen gehandelt, die in Fabriken hergestellt oder aus der Natur gewonnen werden. Sondern der Rohstoff in dieser Wirtschaftsform sind wir Menschen selbst, genauer gesagt: unser Verhalten.
Dieses Verhalten wird durch Überwachung in Daten umgewandelt, und mit diesen Daten lassen sich jede Art von Geschäften machen. Das sah eine Weile noch recht harmlos aus.
Das Geschäft mit der Werbung
Ich habe eine Zeitlang meine Kleidung gerne bei Esprit im Online-Shop gekauft. Durch die digitale Überwachung mithilfe von Cookies wusste daraufhin jede weitere Website, die ich nach einem solchen Kauf besuchte, wo ich vorher gewesen bin und was ich dort getan habe. Das bedeutete, dass mich Esprit-Werbung durch das ganze Internet verfolgte. Egal, ob ich auf der Website einer Zeitung einen Artikel lesen oder mir bei Chefkoch ein neues Rezept besorgen wollte – überall wurden mir dieselben Werbebanner angezeigt.
Es war nervig, und außerdem hatte ich bereits eingekauft – und keine dieser Anzeigen verleitete mich je dazu, tatsächlich auf sie zu klicken.
Die Methoden jedoch wurden feiner. Wir wissen, dass in den Sozialen Medien wie Instagram, Facebook, TikTok und so weiter diese Überwachung für Werbezwecke perfektioniert wurde. Diese Apps erfassen nicht einfach nur die Kaufgewohnheiten ihrer User, sondern sie wissen ganz genau, in welcher Stimmung sich der User gerade befindet, welche Videos er in diesem Moment braucht, und welche Werbung ihn dabei am ehesten abholt.
Doch mittlerweile geht es bei der ganzen Überwachung leider nicht mehr nur um harmlose Werbung, die uns dazu verleiten soll, etwas zu kaufen.
Massenmanipulation für Individuen
Unter dem Druck, immer schneller zu wachsen und höhere Profite einzufahren, erschlossen sich die großen digitalen Unternehmen einen neuen lukrativen Geschäftszweig. Es war eine Sache, das Verhalten von Usern mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen zu können (“in der jetzigen Stimmung wird er sich diese App mit hoher Wahrscheinlichkeit herunterladen…”). Im nächsten Schritt ging es darum, das Verhalten der User proaktiv zu steuern. Also ganz bestimmte Verhaltensweisen aus ihnen herauszukitzeln – bestimmtes Verhalten zu provozieren.
Das rief ganz neue Kunden auf den Plan.
Waren es vorher Unternehmen, die einfach etwas verkaufen wollten (die gibt es natürlich immer noch), sind die neuen Kunden von überwachungskapitalistischen Unternehmen von einem ganz anderen Kaliber. Das können Regierungen, Staaten, Geheimdienste, Terroreinheiten, militante Gruppen oder durchgeknallte Milliardäre sein.
Wer auch immer genug Geld hat, kann heute dafür zahlen, dass das Verhalten der Masse zu einem bestimmten Ziel gelenkt wird. Und das nicht über breitgesteuerte Propaganda, die im Fernsehen oder im Radio läuft und für alle Menschen gleich aussieht. Stattdessen bekommt im Überwachungskapitalismus jedes Individuum eine Spezialbehandlung, die auf dem immensen Berg an Daten fußt, den es über diesen Menschen gibt.
Wir können hier also von einer beispiellosen massenhaften Manipulation von Individuen sprechen, die unsere persönlichsten und privatesten Gedanken, Emotionen, Wünsche und Sehnsüchte kennt.
Keiner von uns ist davor sicher. Über jeden von uns gibt es massenhaft Daten, und wir alle haben unsere schwachen Punkte.
Künstliche Intelligenz macht diese Methode noch effizienter. Weil sie noch effektiver Daten sammelt (wir vertrauen unseren Chatbots noch viel mehr an als unseren Suchmaschinen – eben weil sich die Interaktion mit ihnen so menschlich anfühlt) und weil sie schneller den je massenhaften Content für unzählige Individuen herstellen kann.
Eine enorme Bedrohung
Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklung unsere Gesellschaften, unsere Demokratien, unser Zusammenleben und damit unseren Alltag enorm bedroht. Schon heute bemerken wir die schädlichen Auswirkungen dieses perfiden Systems, das sich hinter bunten Icons, lustigen Videos und praktischen Haushaltsgeräten verbirgt.
Wer denkt, dass er sich davon fernhalten kann, indem er auf Social Media verzichtet, der irrt. Das System sitzt längst viel tiefer. Es ist in unsere Nachrichten-Apps integriert, in den Großteil aller Websites, die wir besuchen, in die meisten Tools, die wir online nutzen und in unzählige Produkte, die bei uns zu Hause herumstehen.
Und selbst wenn wir es als Einzelne schaffen, alle Tools und Apps und Websites und Produkte zu meiden, die überwachungskapitalistisch funktionieren, spüren wir die Auswirkungen dieses Systems dennoch längst in allen Bereichen unseres Lebens. Es beeinflusst unsere Arbeitswelt, unsere Beziehungen, unsere psychische Gesundheit, unser Konsum- und unser Wahlverhalten – unsere gesamte Umwelt. Kurz: Es schafft die Bedingungen, unter denen wir heute leben und arbeiten.
So. Das war heftig. Kurz durchschnaufen.
😤
Ich möchte zu dem Thema noch drei Gedanken mit euch teilen – Gedanken, die ich von Shoshana Zuboff habe und die mich sehr beschäftigt haben.
Gedanke 1:
Die Technologie ist nicht schuld an dieser Misere.
So, wie die digitale Welt sich uns heute präsentiert, müsste sie nicht aussehen. Es gibt keine Notwendigkeit dafür, dass die Technologie auf diese Weise funktioniert: ausbeuterisch, unsere Daten sammelnd, unsere Privatssphäre ausspionierend, zutiefst manipulierend und unsere Demokratie untergrabend.
Technologie folgt immer der Logik, die ihr zugrundeliegt. Und wir hätten ihr auch eine menschliche Logik geben können. Haben wir aber nicht. Wir gaben ihr eine ausbeuterische Logik.
(Autsch.)
Gedanke 2:
Der Überwachungskapitalismus schleudert uns zurück in feudale Machtverhältnisse.
Wir sind in unserem Selbstverständnis moderne, gebildete Individuen, die um ihre Würde und ihr Recht auf Selbstbestimmung wissen. Doch wir treffen zunehmend auf Umstände, die uns wieder zu Leibeigenen machen – zu Menschen, deren Arbeit nur dem Profit anderer dient, ihnen selbst kaum genug zum Leben übriglässt und die keinerlei Mitspracherecht in Bezug auf die Umstände haben, in der sie leben.
(Gruselig.)
Gedanke 3:
Das ist scheiße.
(Richtig scheiße.)
(Ok, der Gedanke kommt von mir.)
Was hat das mit women & arts zu tun?
Vielleicht kommt dir dieses Thema ziemlich weit weg vor von dem, worüber ich hier sonst so schreibe. Ist es aber nicht. Denn Kunst ist keine frei im All schwebende Blümchenwiese. Sie ist Teil ihrer Zeit, genau wie wir Teil unserer Zeit sind. Und je besser wir diese Zeit verstehen, desto handlungsfähiger werden wir.
Und darum geht es mir: Ich möchte hier kein Schreckgespenst aufrichten. Sondern ich möchte der Realität mit offenen Augen begegnen. Ja, die Realität sieht an vielen Stellen gruselig aus. Ja, auch auf mich wirkt sie zuweilen als viel zu groß und komplex und einschüchternd. Ja, das ist alles ganz schön viel.
Und gleichzeitig tun sich, wenn wir genau hinsehen, neue Spielräume auf. Möglichkeiten, die wir nur erkennen, wenn wir uns trauen, wirklich hinzusehen.
Ich sehe große Möglichkeiten.
Ich sehe, dass Kunst gerade wichtiger wird denn je.
Was ich genau damit meine, darüber sprechen wir das nächste Mal. (Für heute ist der Text echt lang genug.)
Ich sage nur so viel:
Alles wird gut. Weil wir es gut machen werden.
Alles Liebe
Miriam
❤️
Wenn du das Thema vertiefen möchtest,
lege ich dir “Das Zeitaltes des Überwachungskapitalismus” von Shoshana Zuboff ans Herz. Eine so kluge, tiefe und dabei so menschliche und warmherzige Analyse, dass es eine wahre Freude ist, sie zu lesen. Auch wenn das Thema starker Tobak ist.

Wenn du lieber eine Doku siehst,
dann sieh dir in der arte-Mediathek die frei erhältliche Dokumentation “Der digitale Tsunami” an. Auch hier bekommst du einen guten Einblick, in das, was im Digitalen gerade passiert – und was das für Auswirkungen auf uns alle hat. Ernst, aber nicht hoffnungslos. Sollte man mindestens zu zweit schauen – denn danach hast du Redebedarf, garantiert.
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