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“Mein Kind macht keine Kompromisse”

Bild: Chiara Doveri

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Liebe Anna,

vielleicht hast Du mir einen Rat? Unsere Tochter ist 9 Jahre alt und hat schon immer einen für mich sehr herausfordernden Charakter gehabt. Dinge die sie nicht möchte, verweigert sie konsequent und geht auch nur selten einen Kompromiss ein. Wir haben uns über die Jahre angewöhnt, sehr genau zu überlegen welchen „Strauß wir ausfechten“, also was uns wirklich wichtig ist oder wo wir es als unsere Fürsorgepflicht sehen, dass diese Dinge getan werden. Dennoch ist alles ein Kampf. So diskutieren wir immer wieder wieso sie Sonnencreme verwenden oder zur U-Untersuchung bei der Kinderärztin gehen soll. Wir lassen extrem viel gewähren, von dem wir denken dass es nicht unmittelbar schädlich ist, ernten dafür aber auch viele negative Kommentare anderer Eltern (Wie kann das Kind bei dem Wetter im T-Shirt rumlaufen? Sie trägt ja garkeine Socken? bis hin dass die Schule uns angesprochen hat, dass unsere Tochter ein schlechtes Vorbild für die anderen Kinder sei, wenn sie ohne Jacke im tiefsten Winter rumlaufe) Das belastet uns sehr, wir stehen da aber zu unserer Tochter.

Wir sind also gewohnt, dass alles eher schwierig ist. Wir ziehen bewusst keine Vergleiche zu unserem Sohn (10 Jahre), bei dem vieles einfach läuft, der einfach Zähne putzt, sich eincremt, zur Ärztin geht etc. Aber natürlich spüren wir diese unterschiedliche Belastung im Alltag natürlich schon.

Nun zu meinem eigentlich Punkt: Seit einiger Zeit kommt bei unserer Tochter extreme Unhöflichkeit hinzu. Sie ist schnell genervt und lässt ihren Launen komplett freien Lauf. Fast jeden Tag macht sie mich verbal runter, alles ist dann falsch und meine Schuld. Ich weiss, dass es meistens etwas gibt was sie geärgert hat (zB musste sie aufhören zu lesen, weil es in die Schule geht oder solche Dinge), aber die Art und Weise wie sie diesen Ärger dann an mir auslässt übersteigt meine persönlichen Grenzen. Ich sage ihr dies auch immer wieder, leider ignoriert sie das, schimpft weiter oder wird noch gemeiner („das ist alles deine Schuld, du hast alles falsch gemacht, du hast es ja so gewollt/gemacht, dein Pech, was du willst… jaja, ist mir doch egal wie es dir geht") . Ich habe dies schon öfter angesprochen und versucht mit ihr zu klären (hinterher) aber sie hat in diesem Punkt kein Problembewusstsein bzw. findet dass sie eben so ist und nicht anders kann. Ich sehe das anders. Ich denke sie könnte in der Lage sein, sich um anderes Verhalten zu bemühen. Ich weiss ja, dass sie starke Gefühle hat und auch schnell wütend und frustriert wird aber in dem Maß wie es jetzt ist, habe ich den Eindruck sie lasse den Dingen ihren Lauf. Ich würde erwarten, dass sie wenigstens versucht sich dahingehend zu regulieren, dass es keine Beschimpfungen gibt. Ich sehe die Verantwortung für unsere Beziehung bei mir, aber ich merke, dass es mich stark triggert wenn jemand abwertend mit mir spricht. Mein Mann findet das Verhalten unserer Tochter auch sehr unverschämt und grenzverletzend, allerdings bezieht er ihr Verhalten nicht auf sich bzw. fühlt sich dadurch nicht abgewertet.

Wir stecken also ganz schön fest… ich würde mir wünschen
… dass meine Tochter meine Grenzen achtet (denn sie weiss dass es mich persönlich sehr verletzt wenn sie so mit mir redet)
… dass ich es schaffe, die Beleidigungen nicht mehr so persönlich zu nehmen (was mir extrem schwer fällt)
… wir wieder mehr schöne Momente zusammen haben

Im Moment fürchte ich mich nämlich regelrecht vor Interaktionen mit meiner Tochter, weil sie einfach immer unzufrieden ist (sie ist generell ein unzufriedener Mensch) und mich dann aber beschimpft. Ich habe den Eindruck, dass wir nicht nur das Problem an sich haben, sondern in diesem Punkt auch unsere Persönlichkeiten nicht zusammenpassen.

Ich würde sie auch gerne dabei unterstützen, ihre Frustrationstoleranz zu steigern aber weiss nicht wie. Gleichzeitig bin ich einfach ausgelaugt und erschöpft und habe keine emotionalen Kapazitäten mehr für Geduld und Verständnis, weshalb ich sie dann seit einiger Zeit manchmal auch anschreie, wenn sich zuviel bei mir angestaut hat, worauf ich natürlich nicht stolz bin und Angst habe, ihre Selbstwertgefühl zu schädigen.

Was würdest Du tun? Externe Hilfe kommt nicht in Frage, da käme sie nicht mit.

Ich danke dir für deinen Rat!

Herzliche Grüße
Sonja*

Argomento Elternschaft

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