KI-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation? Ich bin skeptisch. Wegen der Fakes, Vorurteile etc., die KI-Tools bekanntermaßen zu (re)produzieren drohen? Auch. Aber außerdem, weil menschliche Authentizität dabei auf der Strecke bleibt — und damit ein wertvolles Element unserer Kommunikation. Am vergangenen Donnerstag hatte ich beim Forum Wissenschaftskommunikation 2025 (Si apre in una nuova finestra) in Stuttgart die Gelegenheit, auf gleich zwei Panels über Chancen und Risiken von KI-Nutzung in der Wissenschaftskommunikation zu diskutieren. Im heutigen Newsletter teile ich einen kurzen, persönlichen Rückblick auf die beiden Panels und führe einige meiner Überlegungen von dort weiter, die mich schon länger umtreiben. Im Kern geht es mir vor allem um die Frage, warum es uns in vielen Fällen überhaupt wichtig sein sollte, dass Texte, Bilder und andere Erzeugnisse in substanziellem Umfang von Menschen erstellt wurden — und nicht von KI-Tools.
Zwei Panels zu unterschiedlichen Themen, eine Frage zieht sich durch
Die beiden besagten Panel-Diskussionen, an denen ich beteiligt war, haben mein Nachdenken über KI-Nutzung in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sehr bereichert — zumal sich trotz der unterschiedlichen thematischen Ausrichtung für mich erneut ein Thema herauskristallisiert hat, das mich schon länger beschäftigt. Doch zunächst zu den Panels: Worum ging es genau? Beim ersten Panel zum Thema „Künstliche Intelligenz in der Wissenschaftskommunikation und politischen Entscheidungsfindung“, wunderbar moderiert von Eva Wolfangel, sprachen unsere Wissenschaftsministerin aus Baden-Württemberg, Petra Olschowski, sowie Petra Grimm und ich über ein breites Themenspektrum: Abhängigkeiten von Tech-Konzernen, Gefahren durch Deskilling, Fakes usw. Wichtig war uns die Frage, welche Fähigkeiten wir in Zeiten von KI weiterhin für unverzichtbar halten — nicht nur mit Blick auf den Arbeitsmarkt, sondern auch, damit wir uns als mündige Bürger_innen in der Welt orientieren und informierte, selbstbestimmte Entscheidungen treffen können. Auf dem Panel „Verstehen durch Visualisieren — Anschaulichkeit zwischen Erkenntnis uns Manipulation“ führte Moderator Felix Heidenreich vom IZKT der Uni Stuttgart Michael Sedlmair, Steffen Staab, Gesine Born und mich kenntnisreich durch das Feld der KI-Visualisierungen. Auch hier ging die Diskussion über Fakes weit hinaus: Uns hat u.a. beschäftigt, warum wir so manchen KI-Content langweilig finden und ihm menschliche Erzeugnisse vorziehen — auch, wenn die weniger glatt, schick und (vermeintlich) perfekt sind. Hier lässt sich bereits die Frage anschließen, für deren Diskussion ich mich auf beiden Panels stark gemacht habe, nämlich: Warum sollte es uns überhaupt interessieren, ob ein Text, ein Bild, ein Video, ein Podcast o.ä. von Menschen gemacht wurde oder ob es sich dabei um ein KI-Erzeugnis handelt?
Auf verlässlichem Wege zu möglichst guten Inhalten
Meine These dazu: Wir wünschen uns weiterhin, Menschen und ihren Äußerungen zu begegnen, auch und gerade in der Wissenschaftskommunikation, weil wir uns eben nicht allein für die Inhalte interessieren, die kommuniziert werden. Wissenschaftler_innen und Kommunikator_innen – wie übrigens auch Politiker_innen – bürgen als Kommunizierende für die Güte dessen, was sie präsentieren. Als Wissenschaftler_innen etwa tragen wir (im besten Fall) die Verantwortung für den Forschungsprozess, der bei der Entwicklung und Wahl der Forschungsfrage seinen Anfang nimmt und dann je nach Disziplin verschiedene Etappen der Ausführung durchläuft, bis wir zu einem (vorläufigen) Forschungsergebnis kommen, das wir dann ggf. auch öffentlich kommunizieren. Wir sind als Wissenschaftler_innen darin ausgebildet, diesen Prozess möglichst redlich und gewissenhaft zu vollziehen. Fehler können uns dabei zwar passieren, ebenso wie mitunter mutwillige Verfälschungen vorkommen. Zugleich haben wir aber Mittel und Werkzeuge in der Hand, um all das zu vermeiden. Und wenn wir sie nicht nutzen, sind wir klarerweise (mit-)verantwortlich, wenn etwas schiefgeht.
KI-Tools hingegen kommen regelmäßig auf intransparenten Wegen zu ihren Ergebnissen. Ob die Prozesse den Formen wissenschaftlicher Qualitätssicherung vergleichbar sind, wie sie von uns Menschen entwickelt, erlernt und praktiziert werden, muss bezweifelt werden. Das ist ein Problem für die Vertrauenswürdigkeit der KI-Ergebnisse. Denn nur, weil KI-Tools mitunter Treffer landen mögen, heißt das noch lange nicht, dass damit ihre Nutzung gerechtfertigt wäre. Ich kann für die Frage, welche Temperatur an einem kalten Dezembertag herrscht, einen Würfel heranziehen und eine vier würfeln, die dann zufällig der tatsächlichen Temperatur entsprechen mag. Lieber wäre mir aber ein Thermometer, denn hier weiß ich, dass es sich dabei um ein Messgerät handelt, das verlässliche Mechanismen nutzt, um die Frage nach der Temperatur zu klären — anders als der Würfel, der mir die richtige Antwort gerade nicht geliefert hat, weil sie richtig ist.
Nun mag man einwenden (wie es einige bislang ausschließlich männliche und von meinen Bedenken äußerst unbegeisterte KI-Apologeten auf LinkedIn sinngemäß tun): „KI-Tools sind inzwischen viel weiter, man kann sie kombinieren, man kann sie optimieren usw., wir machen das seit Jahren so. Und außerdem: Wir kontrollieren bestenfalls vor der Veröffentlichung, was dabei herausgekommen ist! Das muss doch reichen?!“ — Nun, abgesehen von der Frage, ob das im Einzelnen wirklich in der erforderlichen Weise geschieht und nicht nur eine allzu optimistische Schutzbehauptung ist, dürfte die nachträgliche Kontrolle gerade bei Themen, über die wir wenig bis keine Kenntnisse haben, vielfach nicht weniger aufwändig sein als die Sachen einfach selber zu machen. Wie groß die vielbeschworene Effizienzsteigerung hier tatsächlich ist und ob sie nicht eher auf Illusion beruht, wäre kritisch zu prüfen. Für Unternehmen zumindest zeigen inzwischen verschiedene Studien (Si apre in una nuova finestra), dass die versprochene Steigerung gar nicht stattfindet. Und schließlich fragt sich (wie Kristin Eichhorn zu Recht in einer Unterhaltung zum Thema festgehalten hat): Wer zahlt eigentlich für die (vermeintlich) gewonnene Effizienz — und womit? Denn selbst wenn KI tatsächlich in einer zielführenden Weise funktioniert, hat das seinen Preis. Dazu zählt neben dem problematischen Umgang mit Urheberrechten etwa auch die Ausbeutung von Clickworker_innen (Si apre in una nuova finestra), ebenso der immense Energieverbrauch (Si apre in una nuova finestra) und dass die allgegenwärtige Ressourcenkonkurrenz auch im wirtschaftlichen Sinne derzeit vielfach zugunsten von KI ausgeht (wie viele Ausschreibungen für Fördergelder zu KI-Projekten hat es in den letzten Jahren gegeben? Für welche anderen Themen fehlen entsprechende Mittel?). Wollen sich Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation wirklich an einer derart fragwürdigen Praxis beteiligen? Was aber darüber hinaus auch noch bedenkenswert ist: Wir gehen nicht nur das Risiko ein, anderen Menschen und unserer Umwelt zu schaden. Wir zahlen außerdem selbst einen hohen Preis für unsere KI-Anwendung, indem wir es uns auch dort leicht machen, wo wir gut daran täten, das sein zu lassen — und wiederum andere zahlen dafür, wenn wir sie mit KI-Content abspeisen, statt mittels authentischer Kommunikation eine Verbindung zu ihnen herzustellen. Beide Argumente führe ich nun noch einmal genauer aus.
Was wir uns heute einfach machen, wird morgen schwerer
Zunächst also zum uns selbst betreffenden Argument für eine Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI: Es sich einfach machen ist nicht immer eine gute Idee. Auf diesen Umstand wies mich neulich der Kollege Frank Homp (Si apre in una nuova finestra) hin. Es gibt sehr wohl ziemlich gute Gründe, warum es sich in vielen Fällen durchaus lohnen kann, nicht den einfachsten, unaufwändigsten, unanstrengendsten Weg zu wählen. Denn mitunter sind die schwierigen und fordernden Wege genau diejenigen, auf denen wir wichtige Fähigkeiten erlernen und kultivieren, die wir ansonsten einzubüßen drohen — Stichwort „Deskilling“. Schüler_innen und Studierende etwa könnten die Aufgaben, die sie in Schule und Studium bewältigen sollen, um sich Fähigkeiten anzueignen, einfach mithilfe diverser Hilfsmittel erledigen. Die Arbeit im Englischunterricht würde sicherlich leichter werden, je mehr Wörterbücher, Grammatikbücher usw. zur Verfügung stünden, und sie verkäme durch den Einsatz digitaler KI-Übersetzungstools zur lächerlichen Aufgabe. Warum nur halten wir am umständlichen eigenen Schreiben oder Übersetzen fest, wenn es stattdessen auch die KI für uns übernehmen könnte? Nun: Weil es gerade der Sinn von Schule und Studium ist, dass Menschen selbst befähigt werden, bestimmte Dinge zu können — und dieses Können dann auch im Rahmen von Prüfungen zu dokumentieren. Wenn man ihnen das alles abnimmt, können sie von alledem am Ende: nichts. Und ja, es mag Hilfsmittel geben, die wir durchaus für akzeptabel halten, etwa den berühmten Taschenrechner. Aber hier gilt eben: Dessen Machart stellt sicher, dass er die Ergebnisse nicht herbeiphantasiert, dass sie keine Zufallsprodukte sind, was bei zahlreichen zum Einsatz kommenden KI-Anwendungen durchaus anders ist. Ohnehin wird es an vielen Stellen trotzdem sinnvoll sein, Menschen das Rechnen beizubringen, allein schon, weil sie dadurch Ergebnisse unabhängig prüfen können. Je mehr wir uns an Arbeit abnehmen lassen, desto abhängiger sind wir von den Werkzeugen, die uns das Leben erleichtern sollen. Fallen sie weg, drohen wir nicht mehr klarzukommen (schreibe ich als Person, die dank exzessiver Nutzung von Maps-Apps einen miserablen Orientierungssinn hat — und sich in der Schweiz ohne entsprechende Hilfsmittel schon einmal kolossal verlaufen hat, weil ich damals das mobile Internet dort nicht bezahlen konnte).
Unabhängig sein, sich selbst ein Bild machen können, das wird in Zeiten verschränkter digitaler Abhängigkeiten immer wichtiger — und einmal mehr auch aufgrund der akuten Bedrohung unserer Demokratie (zu deren Bedrohung übrigens bekanntermaßen auch einige Tech-Konzerne durchaus einen Beitrag leisten: ein weiterer guter Grund, sich von ihnen nicht abhängig zu machen). Und, das noch als Geisteswissenschaftlerin: Sich in Schreibprozesse begeben, die mitunter ätzend sein mögen, aber eben nicht bloß Texte als Resultate hervorbringen, sondern vielfach auch unser Nachdenken und Verstehen befördern, kann von großem Wert sein. Texte sind nicht bloß Container für Argumente. Sie sind Mittel, um diese Argumente überhaupt erst zu entwickeln und um sie zugänglich zu machen: erst für mich, im Schreiben, und dann auch für andere, im Lesen. In diesen Prozessen entwickeln wir auch unseren eigenen Stil, unsere eigene Stimme. Mein Verdacht, den ein toller Text des Autors Till Raether (Si apre in una nuova finestra) noch erhärtet hat: Dass wir uns für die individuellen Stimmen anderer interessieren, hat nicht bloß ästhetische Gründe — es geht uns außerdem um Verbundenheit.
Let’s connect — ohne KI
Lasse ich mir das Anstrengende an der Produktion von Texten, Bildern usw. ständig von KI-Tools abnehmen, nehme ich mir nämlich neben den eigenen Fähigkeiten auch noch eine weitere wertvolle Sache weg. Denn zwischenmenschliche Kommunikation ist nicht bloß ein leidiges Mittel zum Zweck der Informationsübermittlung, auch nicht in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation: Treten Wissenschaftler_innen und Kommunikator_innen als Menschen in Erscheinung, geben sie ihrem Gegenüber auch die Gelegenheit, mit ihnen in Verbindung zu treten, an ihrem Erkenntnisprozess teilzuhaben, Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse zu erhalten. Dass es mich interessiert, ob ein Text, ein Bild oder sonst etwas von Menschen gemacht wurde oder von KI generiert ist, liegt nicht allein im Interesse begründet, zu klären, wer für diesen Content verantwortlich zeichnet. Ich möchte auch mit Menschen kommunizieren, weil sie mich als Menschen interessieren. Es gibt Gründe, warum wir oft auch bei Kunst und Literatur mehr erfahren wollen über die Personen, die dahinterstehen.
Verbundenheit, Solidarität, Zusammenhalt, Mitgefühl und Mitmenschlichkeit: Das alles ist in diesen krisenhaften Zeiten eine Menge wert. Chatbots und andere KI-Anwendungen können diese Effekte nur simulieren — und das oft mit problematischen Auswirkungen. Dass wir Chatbots als vermeintlich menschliches Gegenüber nutzen, weil uns die echten Verbindungen fehlen, sollte uns daher eher zu denken geben, denn es ist kein Ersatz, sondern ein Problemindikator.
Wer glaubt, dass menschliche Anteile verzichtbar werden, wenn es um die Kommunikation von Wissenschaft und anderen Inhalten geht, unterschätzt, dass gelingende Kommunikation, die bei den Rezipient_innen ankommt, von einer Verbindung zwischen Menschen enorm profitiert. Erst wenn wir als Menschen kommunizieren, birgt das die Chance, andere Menschen wirklich zu erreichen – und das ist es doch, was wir in der Wissenschaftskommunikation tun wollen!

Vertrauen stärken durch Zurückhaltung beim KI-Einsatz
Und schließlich: Wir kämpfen als Wissenschaftscommunity ohnehin mit einer uns betreffenden Vertrauenskrise. Wie wollen wir Vertrauen stärken, wenn wir unsere Arbeit teils an nachweislich nicht verlässliche Tools outsourcen? Tragen wir damit nicht zur Erosion der Relevanz von Wahrheit und Wissen bei — sogar dann, wenn wir die Erzeugnisse gewissenhaft prüfen? Schließlich droht letztlich jede Nutzung von KI in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation den Umgang mit Tools zu normalisieren, die zwischen Wahrheit, Falschheit und Bullshit keinen Unterschied machen. Daher: Lasst uns als Wissenschafts- und Wissenschaftskommunikations-Community weiter menschliche Authentizität hochhalten — und denen eine Absage erteilen, die sagen, KI-Nutzung sei alternativlos. Wir haben sehr wohl eine Wahl. Und wenn wir uns zusammentun, können wir dem Druck, KI auch dort zu nutzen, wo es uns nicht sinnvoll erscheint, wo es unseren Werten und unserer Haltung widerspricht, effektiv etwas entgegensetzen. Dazu müssen wir allerdings den Wert unserer eigenen Arbeit und ihres zwischenmenschlichen Elements erkennen — und auch auf deren Anerkennung und angemessene Vergütung durch unsere Arbeitgeber und Institutionen rechnen können. Unsere Arbeit ist eine ganze Menge wert, gerade weil sie unsere menschliche Handschrift trägt, weil wir damit etwas über uns preisgeben, weil wir uns darin erkennbar machen als die Menschen, die wir sind. Statt denjenigen in die Karten zu spielen, die in der KI-Nutzung neue Einsparmöglichkeiten wittern, stünde es uns daher gut zu Gesicht, uns für die Vorteile authentischer menschlicher Kommunikation stark zu machen.
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Mein Newsletter verabschiedet sich mit der heutigen Ausgabe in die Weihnachtspause — am 13.1. geht es weiter. Liebe Leser_innen: Ich wünsche Euch und Ihnen bis dahin eine schöne, erholsame Zeit!