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being human

Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein

Eine Kolumne von Christina Emmer
#8 - Schleifchen für die Hölle

Ich schaue mir ja immer mal wieder meine Erinnerungen auf Facebook an. Dabei entdecke ich manchmal kleine Schätze, manchmal Lustiges, manchmal Posts, die immer noch aktuell sind, manchmal welche, die überholt sind, manchmal auch Posts, wo ich mich frage, ob ich nichts Besseres zu tun hatte...

Aber letztlich… letztlich habe ich zum ersten Mal einen Post von mir aus 2015 gesehen, in dem ich mich nicht wiedererkannt habe. Schon bei den ersten Zeilen kam ein Gefühl von Scham in mir auf: wie konnte ich denn sowas nur schreiben?

Heute vor 11 Jahren war ich sehr erfolgreich auf Facebook und mit meinem Onlinebusiness. Es entstand damals gerade meine Gruppe "Werde sichtbar als Coach" und ich hatte bereits einige tausend Mitglieder gewonnen.

Und ich war auch gerade in meiner - ich nenne es mal - “spirituellen Phase”. Wobei es das nicht richtig trifft, denn ich würde mich heute noch als spirituellen Menschen beschreiben.

Aber ich war damals in einer Phase, wo man gerade merkt, dass es “da doch vielleicht noch mehr gibt”, man geht auf Entdeckungsreise, findet die “Licht- und Liebe”-Szene, bleibt da eine Weile hängen, weil irgendwie alles so schön ist… bis man nach mehr oder weniger langer Zeit merkt, dass dort auch nicht alles Gold ist, was glänzt.

Ja, dass es dort sogar recht passiv aggressiv zugeht, weil man in Wirklichkeit nicht positiver geworden ist, sondern den eigenen, inneren Frust nur positiver framed. Auf gut Deutsch: man bindet Schleifchen um so manchen Kackhaufen und ist dann davon überzeugt, dass er nicht mehr stinkt.

Und genau in dieser Phase ist der Beitrag entstanden, von dem ich hier spreche. Ich habe darin ernsthaft behauptet, dass ich am besten weiß, was trauernden Menschen am meisten hilft. Nämlich, dass man Schleifchen an die Scheiße heftet und sich freut, wie die Sonne auf die Schleifchen scheint.

Was für ein Bockmist.

Und den habe ich geschrieben.

Und ich habe eine Menge Zuspruch dafür bekommen, viele Likes, einige haben den Beitrag sogar für teilenswert gehalten. (Da ich niemanden diffamieren will, werde ich den Link zum Beitrag nicht hier einfügen.)

Vielleicht schäme ich mich für diesen Beitrag auch deswegen ein bisschen weniger. Immerhin war ich nicht allein mit meiner ultimativen Weisheit, dass wir “doch nur den Fokus auf das Gute lenken müssen”!

Versteh mich nicht falsch: ich halte es grundsätzlich nicht für verkehrt, den eigenen Fokus auf das Gute zu lenken. Auf das Negative zieht sich unser Fokus nämlich meist ganz von alleine. Antrainiert seit Generationen.

Es ist anstrengend, aber lohnend, den eigenen Fokus auf schöne und positive Dinge zu lenken. Das kann grundlegend das eigene Leben verändern.

Das Problem dabei ist allerdings das Wörtchen “nur”. Oder besser gesagt: “Du musst doch nur…”

Denn das “nur” suggeriert auf ziemlich unverschämte und anmaßende Weise, dass das einfach wäre. Dass jeder, der das nicht schafft, sich halt “nur” ein bisschen mehr anstrengen muss.

Genau dort beginnt oft die Gewalt — sprachlich weich verpackt.

„Du musst doch nur loslassen.“
„Du musst doch nur positiv denken.“
„Du musst doch nur vergeben.“

Das sind Sätze, die sich freundlich anhören und gleichzeitig komplett blind für die Realität anderer Menschen sind.

Ich glaube, ich habe mich damals beim Schreiben dieses Bullshit-Posts sehr überlegen gefühlt. Ich dachte damals vermutlich, zu den Erleuchteten zu gehören, die einfach checken, wie es wirklich läuft.

Ich glaube heute, dass das genau so sein muss, wenn man in der Onlinewelt bestehen will: man muss überlegen sein, schlauer, besser, krasser, lustiger, ehrlicher, doofer, gescheiter... irgendwas eben. Oder man muss zumindest den Eindruck erwecken.

Heute schaue ich zurück auf diesen Post aus 2015 und bin ehrlich froh, nicht mehr wie damals zu sein.

Ich habe immer mehr geschafft zu verinnerlichen, was Kafka sagte.

Dass wir in Wirklichkeit rein gar nichts über die Hölle des anderen wissen.

Auch wenn wir uns jahrelang mit Menschen, mit Psychologie, mit Persönlichkeitsmodellen, mit Mustern beschäftigt haben und wenn wir dadurch manchmal glauben, genau zu erkennen, zu sehen, zu spüren, was im anderen gerade vorgeht, dürfen wir nicht glauben, dass man um die Hölle anderer Menschen einfach so ein scheiß Schleifchen binden kann.

***

Alles Liebe
Christina

PS: Danke an Gabriele, Simone und Anja für Eure Rückmeldungen zur letzten Kolumne. Ich freue mich, eine Inspiration für Euch zu sein. 

Wie denkst Du über die Schleifchen auf den Kackhaufen? Kommentiere hier oder schreibe mir per Email an mail@christinaemmer.de (Si apre in una nuova finestra), ich lese alle Nachrichten. 

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