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Fantastisch

Das Arbeitsdokument dieser Newsletter-Ausgabe trug noch den Titel “November”. Das hat wohl nicht geklappt. Bitte entschuldigt.

Ich hatte in meiner (unserer) Newsletterfreien Zeit einige Ideen, die ich nun nach und nach recherchiere und aufschreibe. Deshalb erscheinen im Dezember gleich mehrere Digi-Briefe für euch und zwar mit folgendem Inhalt:

Heute
  • Die erste Besprechung des Not-Quite-A-Book-Clubs. Es geht um postmoderne Phantastik, yay ✨.

  • Ohne Zahlen belegter Fakt, dass Fantasy in ist.

  • Ganz schlimme KI-Werbung (aber nicht die, an die ihr jetzt denkt).

  • Museums-Tipp.

Nächstes Mal
  • Neue Formen der Wahrheit und was Pop-Sängerinnen damit zu tun haben.

  • Video-Tipp.

  • Meme der Woche.

Außerdem
  • Wie ist es, ein Jahr lang (fast) nur Frauen gelesen zu haben? Oder: Was ich 2025 gelesen habe und wie es mir gefiel.

  • Wie ist es, kein einziges Spiel gespielt zu haben, das mich vom Hocker gehauen hat? Oder: Was ich 2025 gespielt habe und wieso es mir nicht gefiel.

Not-Quite-A-Book-Club

In der September-Ausgabe (Si apre in una nuova finestra) habe ich ein Curriculum vorgeschlagen, das sich diesen Herbst und Winter der Frage widmet: Was bedeutet es ein Mensch zu sein?

Something Wicked This Way Comes ist der erste und vermutlich ambitionierteste Eintrag in der Liste. Ewig lag es in meinem Regal, ein vermeintlicher Klassiker, Stephen King lobt es in seinem Blurb (das ist ein Zitat auf dem Cover) sehr.

Something Wicked This Way Comes - Cover, ein Karusellpferd

Mich hat es gleichzeitig verzaubert und fertig gemacht. Es fiel mir unfassbar schwer einen Weg in die Geschichte zu finden, die poetisch anmutet, weil sie Informationen und Satzteile weglässt. Worum es eigentlich geht, wird erst nach einem Drittel Exposition klar, aber ab dann wird es ein wilder Ritt.

Zwei Jungs, Will und Jim, beobachten den Karneval, der eines Nachts auf der Wiese neben der Kleinstadt, in der sie leben, ankommt. Sie beobachten die Erwachsenen, die sich am nächsten Tag die Geschäfte ansehen und nach Einbruch der Dämmerung sehen sie, wie das Karussell zum Leben erwacht und Menschen Jahre nimmt oder gibt.

Es geht um Herzenswünsche und eine Sehnsucht nach Jugend. Nach dem Leben, das man sich vorstellte, dann aber nicht lebte. Das sind melancholische Themen, die genau so immer wieder durchscheinen. Aber getragen werden sie von einer Sammlung in jeder Hinsicht fantastischer Charaktere. Auf jeder Seite gibt es eine neue unfassbare Wendung, eine neue klitzekleine Erkenntnis, was es mit dem Karneval auf sich haben könnte.

Zwei Eulen in Winterkleidung, die Schlittschuh laufen

Im Deutschen heißt es Das Böse kommt auf leisen Sohlen, was ich ebenfalls unfassbar finde, aber leider unfassbar kacke. Das englische Original erschien 1962 — und ist damit zeitlich in der Postmoderne verankert, die aber auch ohne diese Jahreszahl aus allen Poren des Buchs strömt.

Teile lesen sich wie ein Pastiche, eine Nachahmung, von Goethes Faust, das sogar namentlich erwähnt wird. Der Titel selbst ist ein Zitat aus Shakespeare’s Macbeth und damit wieder ein Bezug auf die Frage, welchen Preis wir gewillt sind zu zahlen, um unsere Träume wahr werden zu lassen. Auch über direkte Bezüge zu anderen Werken hinaus wird klar, dass hier der ewige Kampf zwischen Gut und Böse neu inszeniert wird. Mit all der Paranoia und Akzeptanz, die dazu gehört.

Dass das aus dem Text deutlich wird, ermöglichen uns unsere Vorkenntnisse ähnlicher Geschichten. Darauf baut ein Text wie dieser, der sich sehr bewusst ist, dass er von Menschen gelesen wird. Dieser Fokus auf Leser:innen kommt in der Postmoderne erst einige Jahre später, die damit verbundene Verspieltheit lässt sich hier aber schon erkennen.

Ebenso die Krise des Charakters und der Verlust von Identität. Was uns wieder zum Thema des Curriculums bringt: Was bedeutet es ein Mensch zu sein? Träume zu haben, die von der Realität eingeholt werden? Auf Autopilot durch das eigene Leben zu existieren und im Moment einer von extern herbeigeführten (oder mit bunten Zelten in die Stadt gefahrenen) Krise innezuhalten und zu erkennen, dass man gar nicht weiß, wer man ist oder wie man ist.

Dass zwei Jungs im Mittelpunkt des Geschehens stehen, macht es uns Lesenden leichter diese Fragen anhand der Eltern und Nachbarn zu beleuchten. Wir sind entspannt distanziert und sehen durch die Augen der Jungs, wie die Erkenntnis die Erwachsenen einholt.

Postmoderne Literatur zu interpretieren ist ein zweischneidiges Schwert. Bedeutung ist flüchtig, Sprache mehrdeutig. Wenn wir das akzeptieren, ist es am einfachsten zu sagen, dass der Text keine Bedeutung hat, außer der, die wir ihm beimessen. Ich finde, das torpediert jegliche Intertextualität, die immer einen Grund hat. Oberflächlich ist Something Wicked This Way Comes ein Coming-of-Age-Roman, passender wäre vielleicht Coming-off-youth.

🔮🐲🎪🧚🦄🌈

Something Wicked This Way Comes zählt laut Internet zur Phantastik. Was da der Unterschied zu Fantasy ist, weiß ich nicht, es klingt aber spannend und ich habs mir als nächsten deep dive markiert.

Ich komm drauf, weil ich meine, in den letzten Monaten vermehrt Fantasy wahrgenommen zu haben. Das Internet gibt mir recht — zumindest ein bisschen. Climate Fiction als Subgenre der Science Fiction soll wohl groß sein, Romantasy hat Krimi und Thriller eingeholt, Young und New Adult boomen, schon seit letztem Jahr. Eine richtige Statistik konnte ich nicht finden (zumindest nicht ohne dafür bezahlen zu müssen), deshalb vertrauen wir auf meinen kursorischen Blick auf die Ladentische und Berichte im Internet.

Mein eigenes Leseverhalten bestätigt es mir auch: Fantasy ist populär. Ist meine neu gefundene Affinität für Fantasy-Romane das unausweichliche Ergebnis meiner Harry-Potter-Erziehung Anfang der 00er-Jahre, die nun auf mein unprätentiöses post-20er Ich trifft, das sich nicht mehr darum schert, was zu lesen “cool” ist? Geht es allen late-millenial-Lesenden so? Lesen wir es jetzt, weil es cool geworden ist und Booktok voll von Drachensex und Zauberinternatsgschichten ist? Da können wir jetzt alle in uns gehen und unsere eigenen Antworten auf die Fragen finden.

An der Stelle sei euch wieder diese (Si apre in una nuova finestra)Podcastfolge ans Herz gelegt, in der ich mit meiner Schwester über Dark Romance spreche und ob es ok ist, das zu lesen.

https://steady.page/de/chrissikills/posts/c5eb3664-e41d-4ac3-92e8-b59355ccc258 (Si apre in una nuova finestra)

Zur Wahrheit gehört: diese Genres, auf die noch vor Jahren so verächtlich geguckt wurde (und bestimmt immer noch wird, aber wen interessieren schrumpelige Feuilleton-Eliten), haben das Buch aus dem Dornröschen-Schlaf geholt.

Das Objekt als Fun Fact

Um mal wieder was zu spüren, habe ich die letzten Tage meiner Mitgliedschaft bei einem nicht weiter zu nennenden Streaming-Anbieter genutzt. Nicht ohne neuen Grund mich aufzuregen, denn a) muss ich trotz bezahltem Abo Werbung erdulden und b) regt mich diese Werbung auf.

Ich kann gut konstruierter, gut erzählter Werbung als Kunstform durchaus etwas abgewinnen. Wenn mir KI-Eichhörnchen Cola aufdrängen oder der Erzähler von “Vanillje”-Telefonen spricht, inklusive j, dann hört der Spaß aber auf.

Was dem ganzen die Krone aufsetzt, ist die aktuelle Werbung für Google’s KI Gemini. Die ist so obszön, dass ich sie gar nicht verlinken mag.

In dem Werbespot ist ein Paar in einem Museum. Weil sie nur eine Stunde haben (wer macht sowas?!) bitten sie die KI eine Tour durch das Museum zu planen. Vor einem Objekt bleiben sie stehen, der Mann bestaunt das augenscheinliche Buch, die KI erklärt: das ist ein Dachziegel. Noch während die KI weitere Infos über diesen Dachziegel zum besten gibt, geht das Paar lachend weiter.

It ⚙️ grinds ⚙️ my ⚙️ gears!

Reden wir gar nicht erst davon, dass ein historisches Objekt hier zum Fun Fact degradiert wird oder der Tatsache, dass in jedem Museum in jedem Land neben jedem Objekt eine kleine Tafel erklärt, was man sieht. Museumspädagog:innen weltweit zerbrechen sich die Köpfe, wie die Geschichte hinter den Objekten dargestellt werden kann, wie gezeigt werden kann, dass sie nicht nur cool aussehen, sondern etwas bedeuten. In welcher Reihenfolge sie stehen, mit welcher Hintergrundfarbe, wo das große Plakat ist, das den Kontext aller Objekte herleitet, und wie genau das formuliert wird.

Man kann natürlich auch in ein Museum gehen, weil man sich gerne Neues anguckt. Klar. Aber im besten Fall greift die Vermittlung unterschwellig und Menschen gehen mit neuem Wissen, neuen Perspektiven wieder raus. Der Gemini-Spot ist ein weiteres Indiz, dass kulturgeschichtliche Vermittlung in der Hierarchie weit unter technologischem Fortschritt und Effizienzsteigerung steht. Dass wir uns nicht nur Emails, sondern auch Geschichte zusammenfassen lassen.

Ich sage dazu Nein!

Falls ihr das auch so seht und die Tage zufällig in Kopenhagen seid, geht doch mal ins Statens Museum for Kunst. Das Kunstmuseum ist nicht nur in einem wunderschönen Park mitten in der Stadt, sondern auch von innen beeindruckend. Es gibt einen großen Teil über dänischen Surrealismus, wie sich dieser von anderen seiner Art in Europa abhebt und welchen Einfluss die Geschichte Dänemarks dabei hatte. Es wird auch zeitgenössische dänische Kunst gezeigt sowie Alte Meister aus Flamen, Frankreich, Deutschland, Italien…

Die Bilder in dieser Ausgabe habe ich in eben jenem Museum gemacht.

  • Adriaen van de Venne, How Well We Go Together (1614-1662)

  • Wilhelm Freddie, Young Man and Woman Reading in a Book at a Round Table in a Garden (1929–1936)

  • Asger Jorn, Springtime (1939)

Danke

Während meiner Pause sind einige von euch neu dazu gekommen. Wir sind jetzt über 100! :) Vielen Dank, es freut mich so sehr!

Wenn dir diese Ausgabe gefallen hat, leite sie gerne weiter. Unterstützen kannst du mich außerdem mit Abos, Kaffee (Si apre in una nuova finestra)oder Interaktionen auf den folgenden Plattformen:

💋
Christina

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