Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht´s um Taylor Swift, Vorhersagen und Musikgeschmack.

Bevor es losgeht: Erinnerst du dich noch daran, wie aus diesem Newsletter vor ungefähr eineinhalb Jahren ein Podcast (Si apre in una nuova finestra) wurde – der seitdem ständig in den Top-10-Wissenschaftspodcasts auftaucht? Ich war damals ziemlich aufgeregt, weil das ein echt großer Schritt für mich war.
Heute nehme ich diese Aufregung von damals und multipliziere sie mit, keine Ahnung, mindestens zehn?
Denn ... es wird ein Buch! Kurz Augen gerieben, aber es ist wahr: Am 4. September erscheint mein Buch „Wer denkt ist klar im Vorteil – Wie du dein Gehirn im Alltag smarter nutzt“. Dort nehme ich dich mit an einem ganz normalen Tag: Er startet mitten in der Nacht, wenn du träumst. Dann trinkst du deinen Morgenkaffee, gehst zur Arbeit, sitzt in Meetings, raffst dich auf zum Sport, trinkst noch einen Feierabendbier, denkst an deiner erste Liebe zurück, entdeckst deine Leidenschaft fürs Lesen wieder und hängst vor dem Schlafengehen mal wieder länger am Smartphone, als du eigentlich wolltest. Und ich? Erkläre, was während alldem in deinem Gehirn so passiert.
Wenn du diesen Newsletter schon seit dem Bestehen liest, findest du die ein oder andere Erkenntnis im Buch wieder, aber eben auch ganz viel Neues, was ich hier bisher noch nicht erwähnt habe.
Ich freue mich riesig, denn das Buch erscheint im wunderbaren Verlag Kiepenheuer & Witsch. Und du kannst es dir sogar schon vorbestellen (Si apre in una nuova finestra) bei den üblichen Verdächtigen! 🫶🏻

Wo wir gerade bei Aufregung sind: zurück zur Musik. Vor einer Woche habe ich es schon erwähnt: Die schiere Menge an Hirnregionen, die bei Musik aktiviert werden, ist erstaunlich. Und Musik folgt zwar Regeln (z. B. Tonarten, Harmonien), aber sie bricht sie auch immer wieder – und genau das erzeugt Spannung. Wie genau, schauen wir uns heute an.
Was wir beim Musikhören tun, ist im Grunde nämlich eine permanente Vorhersagearbeit: Wir erwarten, was als Nächstes kommt – und erleben Freude, wenn es genau so oder eben überraschend anders kommt. Diese Vorhersagelogik erfordert schnelle Analysen, Vergleich mit gespeicherten Mustern und emotionale Bewertung. All das passiert in Sekundenbruchteilen – ohne dass du bewusst drüber nachdenkst. Der Neurowissenschaftler Daniel Levitin bringt es auf den Punkt (Si apre in una nuova finestra):
„Ein großer Teil des musikalischen Vergnügens entsteht durch die genaue Vorhersage dessen, was als Nächstes kommt - und durch die Übertretung dieser Erwartung auf kunstvolle Weise.“
Und genau hier liegt eine der faszinierendsten Fragen: Warum genau mögen wir Musik, die unsere Erwartungen erfüllt – aber auch manchmal bricht?
Musik ist eine Art neuronales Testgelände
Wie sehr unser Gehirn auf diesen Prozess reagiert, konnte eine der bekanntesten Studien (Si apre in una nuova finestra) auf diesem Gebiet zeigen. Die Neurowissenschaftlerin Valorie Salimpoor und ihr Kollege Robert Zatorre von der McGill University wollten wissen, ob beim Musikhören tatsächlich Dopamin ausgeschüttet wird – und falls ja, wann genau. Dafür baten sie acht Proband:innen, Musikstücke auszuwählen, bei denen sie regelmäßig Gänsehaut bekommen. Bei mir wäre das dieses wirklich kitschige Stück aus dieser bekannten Edeka-Werbung (Si apre in una nuova finestra) vor einigen Jahren gewesen.
Während des Hörens wurden ihre Gehirne mit einer speziellen PET-Technik untersucht, die Dopaminfreisetzung sichtbar machen kann. Gleichzeitig wurden Hautleitwerte gemessen, um genau festzuhalten, wann ein emotionaler Höhepunkt – also ein sogenannter „chill“ – tatsächlich eintrat.
Das Ergebnis: Schon in der Phase der Erwartung – kurz bevor der intensive musikalische Moment eintrat – zeigte das Gehirn der Proband:innen eine erhöhte Aktivität im dorsalen Striatum. Diese Region ist besonders dafür bekannt, mit Vorfreude und Motivation in Verbindung zu stehen. Als die Gänsehaut dann tatsächlich kam, verlagerte sich die Aktivierung ins ventrale Striatum, genauer gesagt in den Nucleus accumbens – also genau in die Region, die auch bei Drogenkonsum, Schokolade oder beim Verliebtsein aktiv wird. In beiden Phasen wurde messbar Dopamin freigesetzt. Der Körper reagierte auf Musik also mit genau dem Neurotransmitter, der für Antizipation steht und dafür, dass wir Mehr von etwas haben wollen.
Die Forscher:innen interpretierten das als einen doppelten Effekt: Musik belohnt uns nicht nur, wenn sie einen emotionalen Höhepunkt erreicht – sie belohnt uns schon im Voraus, wenn wir erwarten, dass gleich etwas Besonderes kommt. Der Mechanismus dahinter nennt sich Reward Prediction Error: Immer dann, wenn das Gehirn etwas erwartet – und dieses Erwartete eintritt oder leicht übertroffen wird –, schüttet es Dopamin aus.
Die Studie gilt als Meilenstein in der neurowissenschaftlichen Musikforschung, weil sie erstmals direkt zeigte, dass unser Belohnungssystem auf musikalische Struktur reagiert – obwohl Musik keine offensichtliche Überlebensfunktion erfüllt. Robert Zatorre nennt Musik deshalb eine Art „neuronales Testgelände“, weil sie kognitive, emotionale und soziale Prozesse in Echtzeit miteinander verbindet – oft ohne dass ein Wort gesprochen wird.
Warum Popmusik so gut funktioniert – zumindest für viele
Manche Songs funktionieren einfach. Beim ersten Hören weißt du, wann der Beat droppt, wann die Stimme wieder einsetzt, wann du spätestens mit dem Kopf nicken willst. Und du liegst fast immer richtig. Das ist kein Zufall, sondern Vorhersage in Reinform. Popmusik spielt mit einer besonderen Art von Klarheit: Harmonien sind vertraut, Strukturen vorhersehbar, Melodien eingängig. Das Gehirn liebt das. Deswegen geben Millionen Fans weltweit sehr, sehr viel Geld dafür aus, Taylor Swift live zu sehen. Nicht, weil ihre Musik simpel ist – sondern weil sie ein kleines Belohnungsspiel spielt: Du errätst, was kommt. Und wenn es eintritt, bekommst du eine Belohnung in Form von Dopamin.
In einem cleveren Design (Si apre in una nuova finestra) hörten Versuchspersonen ihnen unbekannte Songs, während ihre Gehirnaktivität per fMRT gemessen wurde. Danach sollten sie angeben, wie viel Geld sie ausgeben würden, um den Song noch einmal zu hören. Das Überraschende: Die Aktivierung im Nucleus accumbens, einem zentralen Areal im Belohnungssystem, sagte präzise vorher, welche Songs als besonders lohnend empfunden wurden, also für welche Songs Geld ausgegeben werden würde – obwohl sie die vorher noch nie gehört hatten. Entscheidend war dabei die Verbindung zwischen auditivem Kortex und dem Belohnungszentrum: Nur wenn die Vorhersage über das, was gleich kommt, funktionierte, war die Belohnung stark.
Das heißt: Die Magie eines Popsongs liegt oft nicht in seiner Originalität – sondern darin, wie präzise er unsere Erwartungen weckt und erfüllt. Oder, wie die Neurowissenschaftlerin Diana Omigie es formuliert (Si apre in una nuova finestra): Musik hören ist manchmal wie ein „epistemisches Spiel“, bei dem es nicht ums Überleben geht, sondern ums Lösen eines Vorhersagerätsels – und genau das aktiviert unser Belohnungssystem. Ein Popsong ist wie ein Versprechen, das gehalten wird.
Warum ich Techno mag – und du Schlager
Jetzt sagst du vielleicht: Klingt alles gut – aber warum gefällt mir dieser Song, der dich sofort aus dem Zimmer jagt, während mein Bruder auf Metal schwört? Die Antwort liegt – wie so oft – in der Kombination aus Biologie und Biografie.