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Nosferatu - Der Untote (2024)

Mitte des 19. Jahrhunderts fühlt sich die junge Ellen in der deutschen Hafenstadt Wisborg sehr einsam und unbefriedigt. Sie giert nach Befreiung aus den engen Konventionen ihrer Zeit. Als sie um Erlösung betet erhört sie jedoch nicht Gott, sondern ein transsilvanischer Vampir namens Graf Orlok, der Ellen nun über Jahre in ihren Träumen besucht, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Erst als sie eines Tages den angehenden Immobilienmakler Thomas Hutter zum Mann nimmt, hört der schlüpfrig-schaurige Albdruck auf. Um seinen Bund mit Ellen zu erneuern, erwirbt Graf Orlok bei der Firma ihres Mannes Thomas ein verfallenes Anwesen in Wisborg und korrumpiert dessen Vorgesetzten Herrn Knock. Also wird Thomas für die Unterzeichnung des Kaufvertrags in die Karpaten zum Schloss des Grafen geschickt, wo er von dem Vampir gebissen wird, aber fliehen kann. Währenddessen leidet Ellen in Wisborg wieder vermehrt unter Albträumen und Anfällen. Sie spricht von der drohenden Ankunft eines großen Grauens. Als ihr behandelnder Arzt Dr. Sievers mit seinem Latein am Ende ist, sucht er sich Rat bei seinem alten Lehrer, dem Okkultisten Prof. Albin Eberhart von Franz. Dieser findet heraus, dass die junge Frau unter einer Art von Besessenheit leidet. Zeitgleich macht sich Graf Orlok auf den Weg nach Deutschand. Als sein Schiff im Hafen von Wisborg ankommt, fällt eine Rattenplage über die Einwohner der Stadt her. Bald schon bricht eine Pestepidemie aus, die zahlreiche Opfer fordert. Graf Orlok alias Nosferatu will nun seine Braut in Empfang nehmen. Kann Thomas rechtzeitig Wisborg erreichen, um Ellen beizustehen und mit der Hilfe von Prof. Albin Eberhart von Franz den Vampir besiegen?

Es liegt in der Natur der Sache, dass diese etwas ausführlichere Rezension von Robert Eggers Nosferatu - Der Untote (2024) auch ein Vergleich mit Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922) und Nosferatu - Phantom der Nacht (1979) sein muss. Wer sich als Regisseur an diese großartigen Meisterwerke heranwagt, wird auch an ihnen gemessen. Ich habe die letzten Tage nun alle drei Nosferatu-Versionen gesichtet, die beiden alten Filme rezensiere ich an dieser Stelle ein bisschen mit.

Ich beginne chronologisch mit dem Stummfilm Nosferatu, eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau. Das Werk ist mannigfaltig gedeutet worden, ich würde es aber vor allem als okkulten Film bezeichnen. Der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau hatte eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit (nicht zuletzt auch aufgrund seiner versteckten Homosexualität). Die okkulten Aspekte seines Nosferatu, sind mehr als offensichtlich und ziehen bis heute am Thema interessierte Menschen geradezu magisch an. Im Jahr 2015 wurde die Grabkammer des Filmemachers auf dem Friedhof in Stahnsdorf bei Berlin geöffnet und sein Schädel gestohlen. Die Polizei schloss einen okkulten Hintergrund dabei nicht aus, da man in der Gruft Wachsreste fand, die von den Tätern stammen könnten. Reste einer schwarzen Messe? Ob Murnau selbst Okkultist war, ist nicht bekannt. Sehr wohl wissen wir dies aber von Albin Grau. Der Grafiker und Architekt war offiziell für die Kulissen, die Kostüme und das Design bei Nosferatu, eine Symphonie des Grauens verantwortlich, doch prägte er laut Nikolas Schrecks Buch "Luzifers Leinwand - Der Teufel in der Filmgeschichte" auch maßgeblich die okkulte Konzeption des Films, die man unter anderem an den geheimnisvollen Zeichen erkennt, mit denen sich Graf Orlok und der sinistre Immobilienmakler Knock per Brief verständigen. Albin Grau, der sich in der okkultistischen Szene des Berlins der 1920er-Jahre Frater Pacitius nannte, war nicht nur mit Aleister Crowley bekannt, sondern auch Leiter der Pansophischen Gesellschaft, Mitglied im Ordo Templi Orientis und später in der Fraternitas Saturni. Dieses Interesse an den okkulten Dingen des Lebens floss auch in Murnaus Vampirfilm mit ein. Mich persönlich freut es sehr, dass Robert Eggers in seiner Nosferatu-Version ganz in die Fußstapfen Murnaus und Graus tritt, dazu später mehr.

Das zweite Werk, mit dem sich Eggers neuer Film messen lassen muss, ist Nosferatu - Phantom der Nacht von Werner Herzog, der als Hommage an Murnaus Nosferatu, eine Symphonie des Grauens gilt und näher an Bram Stokers "Dracula" inszeniert ist. Hier steht nach meiner Sicht nicht das Okkulte im Vordergrund, sondern es wird vor allem Wert auf die transgressive Kraft des Obskuren gelegt. Das wird den Zuschauern im Vorspann des Films schon verdeutlicht, in dem Herzog uns Aufnahmen von echten Kindermumien, musikalisch begleitet von schaurigen Chorälen, zeigt. Sofort wird klar, dass es hier um das Tabu des Todes geht. Diese entstellten aber kaum verwesten Kinderkörper sind übrigens die Mumien von Guanajuato, eine Reihe von natürlich mumifizierten Körpern, die während eines Ausbruchs der Cholera im mexikanischen Guanajuato im Jahre 1833 beigesetzt wurden und mit der spezifischen Totenkultur in Mexiko in Zusammenhang stehen. Mit Isabelle Adjani als Lucy Harker steht dem Film zusätzlich die "Königin der Abjektion" mit ihren starren Augen zur Verfügung - unvergessen ihr abjekter U-Bahn-Ausbruch in Possession (1981). Sie versteht es, die Femme fragile ikonisch zu verkörpern und Lucys Gefühlswelt zwischen Abscheu und Überschreitungsverlangen in Bilder zu prägen. Zu diesen fiebrigen Bilderwelten, die uns Herzogs Film kredenzt, passen die eindringlich-aufreibenden Klänge der Krautrockband Popol Vuh ganz hervorragend. Der am Leben oder besser Nichtsterbenkönnen leidende Hasenzahnvampir wird von Klaus Kinski unvergesslich verkörpert. Das Thema der zwiespältigen Frau greift auch Robert Eggers für seine Interpretation des Stoffs auf und schenkt ihm einen besonderen Fokus.

Nun komme ich zu Nosferatu - Der Untote, der somit zweiten Neuverfilmung des Stummfilmklassikers. Man sieht sofort, dass Eggers die Vorgänger intensiv studiert hat, doch konnte er dem Stoff auch etwas neues, eigenes hinzufügen? Ich denke schon. Neu ist der Augenmerk auf Ellen Hutter und ihr sexuelles Begehren. Das erinnert tatsächlich ein bisschen an die erotische Dracula-Verfilmung Bram Stokers Dracula (1992) von Francis Ford Coppola. Eggers Nosferatu ist ein für die heutige Zeit sehr untypischer Film mit grandioser Ästhetik. Das liegt nicht nur am geringen Tempo, ohne jedoch dabei langweilige Szenen zu produzieren, sondern auch am Schnitt. Nosferatu - Der Untote lässt den Augen der Zuschauer Zeit und schneidet nicht hektisch von Szene zu Szene, wie das heute bei vielen Serien und Filmen üblich ist. Der Film hat eine klare Story ohne künstliche Verkomplizierungen, und er zeigt die Dinge mit seinen Bildern, anstatt sie zu erklären. Kompliziert konstruierte Geschichten und ellenlange Erklärungsdialoge sind ebenfalls typisch für zeitgenössische Filmproduktionen. Aber auch inhaltlich ist das Werk unzeitgemäß. Eggers Nosferatu ist voller okkulter Symbole, Formeln, Rituale und Beschwörungen, die heute zumeist nur noch belächelt werden. Er bleibt dabei aber stets obskur, ungreifbar und geheimnisvoll, anstatt, wie so oft in vielen anderen Filmen, wissenschaftlich anmutende Science-Fiction-Bullshit-Erläuterungen zu bemühen.

Für mich stimmt bei Nosferatu - Der Untote in Bezug auf die Atmosphäre und die Stimmung einfach alles. Sex mit dem Tod wurde schon lange nicht mehr so wunderschön dargestellt. Lily-Rose Depp spielt die Ellen Hutter ganz hervorragend übertrieben und tritt für mich in die Fußstapfen von Isabelle Adjani. Von ihr werden wir in Zukunft sicherlich noch mehr zu sehen bekommen. Das generell recht manieristische Schauspiel in diesem Film wirkt hier nicht als schnödes Overacting, sondern passt sich hervorragend in das ganze obskure Setting ein. Der von Bill Skarsgård verkörperte "Schnurrbart-Vampir" hat mir sehr gut gefallen, er sieht wirklich wie ein Leichnam aus. Die ersten Szenen mit ihm waren für mich richtig unheimlich. Ich weiß nicht, warum sich einige im Internet so sehr über diesen Schnurrbart echauffierten, das historische Vorbild für Graf Orlok Vlad der Pfähler hatte auch einen. Und dann ist da noch Prof. Albin Eberhart von Franz, gespielt von Willem Dafoe, den ich hervorheben möchte. Das ist eine mehr als augenscheinliche Reminiszenz an den oben erwähnten echten Magier Albin Grau. Man könnte also sagen, dass Eggers Version von Werner Herzogs Nosferatu die transgressiven Elemente um die innerlich zerrissene Frau übernimmt und von Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu die okkulten Intensionen. Beides wird gekonnt miteinander verbunden, Robert Eggers schafft für mich damit ein originelles Remake, was mich ganz fantastisch unterhalten hat. Eine kleine Kritik habe ich noch: allein der Soundtrack war für mich nicht besonders herausragend, wie es so einem Film gut getan hätte. Aber das ist wirklich Meckern auf ganz hohem Niveau.

Ich möchte noch ein paar Worte zu den Reaktionen auf den Film verlieren, die bei so einem Werk wichtig für die Einordnung sind. Ich habe im Rahmen der Recherchen für diese längere Rezension auch einige Filmkritiken zu Nosferatu - Der Untote gelesen bzw. geschaut. Dabei fiel mir auf, dass sie sehr unterschiedlich und für mich teils schwer nachvollziehbar waren. Einen Film ausschließlich unter einem einzigen Gesichtspunkt zu betrachten und zu bewerten, sei es ein noch so begrüßenswerter, wie z.B. der des Feminismus, wird einem vielschichtigem Kunstwerk nicht gerecht und erscheint mir ein Anzeichen von ideologischer Vereinnahmung zu sein. Das ist auch der Grund, warum ich in dieser Rezension bemüht war, die drei Nosferatu-Filme unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten. Manch ein YouTube-Filmkritiker wünschte sich gar ideologische Klarheit von Eggers Nosferatu, was er natürlich nicht bekam. Das passt nun auch gar nicht zu einem obskuren Film mit expressionistischer Ästhetik. Der Film möchte sich der ideologischen Instrumentalisierung entziehen und rein ästhetisch berühren, das ist übrigens noch ein Grund, warum er sich so wider den Zeitgeist anfühlt. Menschen mit mehr Sachverstand, wie z.B. der Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger oder der Filmjournalist Christian Fuchs, deren Arbeiten ich sehr schätze, waren da schon näher an meiner eigenen Wahrnehmung des Films. Christian Fuchs sah in dem Werk einen grimmigen Gothic-Fiebertraum, Marcus Stiglegger gar einen "gothic monolith" und bezeichnete es als düsterromantische Interpretation nekrophilen Verlangens sowie einen Film jenseits des Zeitgenössischen. Eggers Nosferatu ist auf jeden Fall ein starkes Plädoyer gegen den unästhetischen Zeitgeist.

https://www.imdb.com/de/title/tt5040012/ (Si apre in una nuova finestra)
Argomento Film