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Hanau: Deutschland im Winter (2022)

Am 19. Februar 2020 tötet der psychotische Rechtsextremist und Schußwaffenbesitzer Tobias Rathjen bei einem rassistisch motivierten Attentat im hessischen Hanau neun Menschen. Anschließend erschießt er in seinem Elternhaus seine Mutter und sich selbst. Sechs weitere Menschen werden durch die Schüsse zum Teil schwer verletzt. Der Film rekonstruiert den Tathergang des Massenmords, zeigt die Zeit vor der Tat und versucht, mithilfe von Monologen tief in die kranke Vorstellungswelt des Täters einzutauchen, die auf dessen hinterlassenem Manifest “Botschaft an das gesamte deutsche Volk” basieren. Am Ende gibt es noch einen überflüssigen Epilog, in dem der Regisseur persönlich den Fall einordnet und das tut, was er am liebsten macht: seine Meinung kundtun.

Hanau: Deutschland im Winter aus dem Jahr 2022 ist ein dokumentarischer Thriller mit Steffen Mennekes, Hiltrud Hauschke, David Erstling, Imad Mardnli und Radost "Momo" Bokel. Der Independentfilm wurde mit einem sehr geringen Budget von Uwe Boll inszeniert, der als schlechtester Regisseur der Welt gilt und bekannt ist für Filme wie Amoklauf (1993), House of the Dead (2003), Alone in the Dark (2005), Siegburg (2009), Auschwitz (2011) und Blubberella (2011). Mit diesem Werk hat sich Boll wahrhaft keine Freunde gemacht. Die Familien der Opfer des Anschlags sowie die Stadt Hanau appellierten im Vorfeld der Produktion an ihn, von dem Projekt abzusehen. Uwe Boll ist aber kein Typ, der sich von anderen etwas sagen lässt; daher drehte er den Film, nachdem er in Hanau keine Drehgenehmigung bekam, kurzerhand in Mainz.

Herausgekommen ist ein an manchen Stellen unprofessionell wirkender Low-Budget-Film, der aber die Gedankenwelt des Rechtsextremisten verstörend genau darlegt und einen Eindruck von dessen psychischer Verfasstheit vermittelt. Allein der Epilog wirkt etwas unbeholfen; immerhin geht der Regisseur darin auf das immense Behördenversagen ein, das unschöne Assoziationen an den NSU-Fall aufkommen lässt. Stilistisch wie teils inhaltlich erinnert mich der Film an Gerald Kargls Angst (1983) und Jörg Buttgereits Schramm (1993).

Die Rezeptionsgeschichte des Werks ist nicht uninteressant, zeigt Hanau: Deutschland im Winter doch gut, dass es heute stark darauf ankommt, wer ein Kunstwerk vorlegt. Uwe Boll, der mit diesem Film vor Rechtsextremismus warnen will, was ich ihm durchaus abnehme, scheint in den Augen bestimmter Leute dazu nicht die Erlaubnis zu haben. Ein großmäuliger Typ, der sich politisch eher rechts verortet und gerne spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, kann natürlich nur ein Dorn im Auge der dauerempörten Moralisten sein. Und in vorauseilendem Gehorsam zerrissen natürlich große Teile der Filmkritik das Werk, was zu erwarten war. Auf der einen Seite wurde Boll vorgeworfen, sein Film würde die Taten Rathjens unkommentiert lassen und so die Ideologie des Täters reproduzieren. Das ist allerdings offensichtlicher Blödsinn, denn wir erleben hier keine ideologisch oder rhetorisch gefährlichen Reden, sondern das Psychogramm eines paranoid-schizophrenen Mannes, der die klassischen Anzeichen von Verfolgungs-, Beziehungs- und Größenwahn sowie Fremdbeeinflussungserleben und Stimmenhören zeigt. Auf der anderen Seite war den Kritikern Bolls Kommentar im Epilog des Films auch nicht recht. Ich hätte diesen nicht gebraucht, aber ich kann seine Intention verstehen, gewisse Dinge noch einmal selbst anzusprechen. Das ist künstlerisch fragwürdig, aber inhaltlich keineswegs so problematisch, wie das von gewissen Kritikern hingestellt wurde. Gegenüber dem Regisseur wurde hier auf jeden Fall alles andere als fair agiert. Man muss den Künstler nicht sympathisch finden, um sein Werk neutral zu bewerten.

Natürlich wäre es besser gewesen, die Opferfamilien zu involvieren, und vielleicht kam dieser Film auch einfach zehn Jahre zu früh heraus. Auch bei Ryan Murphys und Ian Brennans Serie Dahmer - Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer (2022) kam es zu Protesten seitens der Opferfamilien, doch hier reagierte die Rezeption etwas anders: Man trennte die berechtigten moralischen Bedenken, die den Machern zugetragen wurden, von dem am Ende entstandenen Werk. Warum dies im Falle des Boll-Films nicht auch so vonstattenging, bleibt die große Frage. Rühren der Aufschrei und die schlechten Kritiken im Falle von Hanau: Deutschland im Winter vielleicht daher, dass sich ein als rechts gelesener Regisseur hier ein beliebtes Versatzstück linksradikaler Erinnerungsfolklore vorgenommen hat, zu dem der schreckliche Vorfall wurde? Das scheint manchen nicht ins Gut-Böse-Schema zu passen. Vielleicht stört einige auch die Tatsache, dass der Täter als das dargestellt wird, was er war: psychisch schwer krank. Das schwächt die schwarz-weiße Erzählung vom mythischen Rechtsextremisten, der Menschen mit Migrationshintergrund aus reiner Boshaftigkeit ermordete. Ich war damals auf der großen Demo am 22. Februar 2020 in Hanau, die mehrheitlich ein wichtiges Zeichen für Mitgefühl mit den Angehörigen und ein notwendiges Statement gegen Rechtsextremismus war. Leider wurde der tragische Vorfall in den Jahren danach immer wieder ideologisch instrumentalisiert. Welchen Geistes Kind einige Migrantifa-Gruppen, die sich nach dem Anschlag formierten, sind, zeigt sich seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vor allem in Berlin und anderen Großstädten immer wieder.

Jüngste Zeitgeschichte in Filmen zu verhandeln ist wichtig für eine Gesellschaft, Kunst muss das dürfen. Und auch wenn ein Kunstwerk von einem als unsensibler Unsympath empfundenen Künstler stammt, ist das kein Grund, unfair und voreingenommen an die Bewertung des Werks heranzugehen. Ich weiß, das ist nur ein frommer Wunsch meinerseits, aber Ideologie sollte möglichst keine Rolle bei der Bewertung von Kunst spielen. Hanau: Deutschland im Winter ist auf jeden Fall nicht so schlecht, wie immer getan wird.

https://www.imdb.com/de/title/tt14260142/ (Si apre in una nuova finestra)
Argomento Film