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Ein Befreiungsschlag

Nuancen einer Silvesternacht

Meike Stoverock, 01.01.26

Wir liegen im Bett, der kleine Katerjunge macht Flugzeugohren, weil es sein erstes Silvester ist, die schwerhörige Maus dagegen sitzt den Krach ganz phlegmatisch aus. Wie immer. Lady-Bedfort-Hörspiele und Doodlen gegen die Aufregung. Essen. Ofenkartoffeln mit Ofenscampi. Mayo geht auf halben Weg aus. Scheiße. Ich hänge irgendwo zwischen Grübeln und Fuckegalhaltung. Nehme mir vor, die heilige Marke um null Uhr zu ignorieren.

Um 23:41 zieht es mich auf den Balkon. Auch wie immer. Möchte Teil von etwas sein. Habe Angst davor. Allein sein an Silvester ist seit meiner Scheidung okay. Vor meiner Ehe war es nicht okay. Gar nicht okay. Eine Horrorvorstellung, viel schlimmer als Alleinsein an Weihnachten. Aufgeladen mit Emotionen, war Silvester immer nur die Gewissheit, im neuen Jahr genauso einsam zu sein wie im alten. Im Westen nichts Neues, auch wenn ich im Ostteil der Stadt wohne.

Null Uhr. Es wird laut, so laut. Das Feuerwerk ist lauter, bunter als in den letzten Jahren, hat eine Nuance, die ich bisher nicht kannte. Da ist Wut in den Böllern und Raketen. Eine Verzweiflung, sich von dem Druck der Vergangenheit zu befreien. Das Feuerwerk erscheint mir authentischer im Sinn seiner ursprünglichen Bedeutung als Dämonenaustreibung. Lärm und Licht, um das Böse zu verjagen. Ein Befreiungsschlag.

Schluss mit dem Druck, der die Menschen von allen Seiten in einer Korsett zwingt. Der Gelddruck, der Positionierungsdruck, der Druck, ethische Positionen nicht mehr klar erkennen zu können. Schluss damit, so scheint es in den Menschen zu rumoren. Schluss damit, sich im Freundes- und Familienkreis für manche Positionen rechtfertigen zu müssen. Schluss damit, in einer Flut von empörenden Nachrichten einen Moment Ruhe suchen zu müssen.

Dieses Feuerwerk ist wild entschlossen, die Menschen von diesem ganzen unerträglichen Ballast zu befreien. Ich spüre das Beben in meinen Ohren, alles fiepst, ich friere, meine strumpfsockigen Füße werden kalt.

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Ich sehe, höre, mache ein paar Fotos. Der Geruch abgebrannter Teufelsaustreiber liegt in der Luft, Qualm schafft künstlichen Nebel. Und dann spüre ich plötzlich, warum ich immer ebensolche Angst davor hatte, an Silvester mit Menschen zusammen zu sein wie allein zu sein.

Auf meinem Balkon im ersten Stock Vorderhaus rollt unvermittelt eine Welle menschlicher Gefühle über mich hinweg. Alles spüre ich. Die Wut, die trotzige Selbstermächtigung, die Sehnsucht nach Ruhe, einer emotionalen Ruhe, nicht Stille. Alles hör- und sichtbar in den Explosionen und den Farben am Nachthimmel. Keine Worte der Welt können das Ausmaß der Liebe beschreiben, die ich in diesem Augenblick für die Menschen empfinde. Eine Liebe so groß, dass der Wunsch, diese Menschen glücklich und entspannt zu sehen, mich zu zerreißen droht.

Ach ja, nun guck, denke ich. Deshalb kannst du Silvester nicht mit anderen Menschen verbringen, ihre Menschlichkeit überwältigt dich. Du hältst die Liebe und die Verzweiflung gar nicht aus, kannst deine eigenen Gefühle nicht mehr hören über dem Lachen, dem Johlen, der Begeisterung über eine besonders schöne Lichtexplosion. Wieder was gelernt.

Ich gehe wieder rein, irgendjemand muss sich um die Flugzeugohren des kleinen Jungen kümmern. Nur eine Ausrede, das ist mir klar. Ich möchte noch draußen sein, möchte mich zerreißen lassen von diesem Gefühlstsunami und habe doch Angst davor. Ich will nicht wie früher an einem Ort in mir enden, der es nicht ertragen kann, die Welt, die Menschen nicht glücklich machen zu können. Will auch nicht an dem Ort in mir enden, der weiß, nicht vermutet oder befürchtet, sondern weiß, dass auch im neuen Jahr nur Einsamkeit und finanzielle Schwierigkeiten auf mich warten. Nichts Neues.

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Um zwei Uhr nachts ist mein Doodle fast fertig, beide Katzen haben sich beruhigt, nur ich, ich bin grellwach. Nicht aufgeregt, einfach wach. Es ist seltsam, wie sehr eine Gesellschaft ein Datum mit Erwartungen und Gefühlen aufladen kann. Alle scheinen sich einig zu sein, dass mit dem neuen Jahr eine Chance kommt. Auf Besserung, auf mehr Geld und Gesundheit, auf ein Nachlassen des Drucks. Ich weiß es besser. Seit zwanzig Jahren weiß ich es besser. Dass ein Datum nichts bedeutet. Keinen Neuanfang, keinen neuen Schwung.

Aber halt, denke ich. Jetzt gehst du ja doch an diesen Ort in dir, der dir selbst so unsympathisch ist. Vielleicht Reste meiner Angststörung, alles so hoffnungslos, beinahe nihilistisch zu sehen. Stop, sage ich mir. Du kannst etwas, du bist etwas, es gibt auf der Welt verhältnismäßig viele Menschen, die dich mögen. Sie haben dir in den letzten Tagen Geld und Geschenke geschickt, dir gesagt, dass sie dich gernhaben, also denk mal nach, wohin du im neuen Jahr gehen kannst, was du tun kannst, um dich ihrer Liebe und Achtung würdig zu erweisen.

Nachdem ich das Licht um 02:07 ausgemacht habe, liege ich noch lange wach. Mein Rücken tut weh, mein Kopf und Hals vom Alkohol auch. Und dann, wenige Minuten bevor ich es zuwege bringe, tatsächlich einzuschlafen, kommt mir eine Idee. Ein leuchtender Keim. Das ist gut, denke ich noch, guck morgen mal, ob das taugt.

Schlafen.

Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Si apre in una nuova finestra) oder Bluesky (Si apre in una nuova finestra) folgen.

Argomento Kessel Buntes

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